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im haus sieht und was gelegentlich von hier zum Pfarrhofe kommt, das lässt nichts zu wünschen, gar nichts zu wünschen übrig! Wir halten viel auf sie, ich und meine Frau; und auch mein Sohn hält in der Stadt, und trotz seiner Studien, die alten Spielgenossen wert! Wollte nur unser Herrgott, es wäre auch sonst hier Alles noch so bei dem guten Alten geblieben!

Er seufzte, der Oberförster schien ihn zu verstehen, aber sie mochten vor den Fremden mit der Sprache nicht weiter heraus, und hätten sie es auch gewollt, sie hätten ihre eigenen Worte kaum noch vernehmen und verstehen können vor dem Lärmen um sie her.

Denn kaum war man oben in der Giebelstube, wo Eva's Gäste, die jungen Mädchen, wohnten, des Architekten ansichtig geworden, so war auf Eva's Anschlag auch schon ein Plan gefasst. Auf den Fussspitzen liefen sie die Treppe hinunter, damit man das Klappen der Stelzchen nicht höre, zur Hintertüre schlichen sie hinaus ins Freie und durch das grosse Hoftor kamen sie wieder herein, und ehe sich Herbert dessen versah, waren sie an seiner Seite und hatten mit ihren losgelösten bunten Bändern ihn umschlungen, und wenn er den einen Arm frei machte, sich der Einen zu erwehren, so umwand die Andere ihm den anderen Arm, und eine Dritte versuchte ihm das Band um die Augen zu winden, und ihn haschend und sich befreiend, und sich wehrend und ihn verfolgend, und lachend und schäkernd rannten sie rechts und links um den Teich und über den ganzen Hof, dass die Enten, welche sich aus dem Teiche herausgemacht hatten, sich überstürzend in das wasser flüchteten, die Tauben sich mit klatschendem Fluge in die Höhe schwangen, die Hühner mit gespreizten Flügeln das Weite suchten und die Hunde aus allen Ecken und Enden bellend dazwischen fuhren.

Gefangen, gebunden! rief es hier und dort, um ihn dafür zu strafen, dass er nicht schon gestern gekommen war, als man den letzten Wagen in die Scheune gefahren hatte. Es war ein Lärmen und ein lachen, ein Laufen und ein Jubeln! Und die helle Sonne funkelte auf all den blühenden Gesichtern und brannte auf die entblössten arme und Nacken und auf die lokkigen Scheitel der fröhlichen Mädchen. Gefangen, gebunden, bestraft! schallte es immer wieder, bis Adam mit seinen Freunden herbeikam, die Partei für Herbert nahmen, bis die hübschen Kinder, atemlos, sich der Verfolgung der Männer nicht mehr entziehen konnten und Herbert, nun er es nicht mehr mit Allen auf einmal zu tun hatte, Eva's, als der Anführerin, habhaft wurde.

Gefangen, gebunden! rief jetzt auch er, und umschlang sie trotz ihres Sträubens und hielt sie fest und küsste sie nach Herzenslust auf die heissen, roten Lippen. Das wirkte ansteckend, die Andern taten es ihm bei den eingefangenen Mädchen nach, und sich von Herbert losmachend, rief Eva: Nun haben wir den Mosje zur Ernte doch wenigstens nachträglich gebunden, nun kommt er auch nicht fort, so lange ihr Alle bei uns seid!

Aber wer sagt denn, dass ich gehen will? Ich kam ja, um zu bleiben, Sie Gewalttätige! versicherte Herbert, indem er sie auf's Neue in seine arme zu schliessen suchte, und es wollte ihn dünken, als widerstrebe sie ihm nicht sehr. Herbert war recht von Herzen vergnügt. Selbst die Männer am Tarocktische, wie sie auch schmählten, dass man sie aus ihrer Ruhe aufgeschreckt habe, sahen nicht böse drein. Es glitt ein helles Licht durch ihre alten Augen und es zuckte ihnen lächelnd um die Lippen. Sie hatten wohl auch an manche fröhliche Stunde zu denken, die ihnen nicht wiederkehren konnte und die Jenen noch zu kommen hatte.

Der Amtmann und Eva waren die Seele von Allem, genügten Allem, waren jung mit den Jungen und alt mit den Alten. Das ging den ganzen Tag so fort.

Wenn ich nur wüsste, meinte Herbert am Abende, warum ich nicht alle Tage hergekommen bin?

Das will ich Ihnen sagen, entgegnete Eva und flüsterte ihm etwas in das Ohr. Er wollte nicht wahr haben, was sie sagte, aber die Mädchen behaupteten, er sei rot geworden und er möge sich in Acht nehmen; sie wüssten, um was es sich handle, es sei nicht geheuer in den Schlössern.

Freilich, freilich, bekräftigte Eva, es steckt noch immer etwas von der alten Burg darin!

Die Andern fragten, was das heisse. O, rief sie, ihr wisst's ja! Da oben sind vor jenen Jahren die Herren von Arten Raubritter gewesen, und nun ist's damit wie in der verkehrten Welt! Sonst raubten die Ritter den andern Leuten ihre Frauen, jetzt halten die vornehmen Damen die Männer gefangen!

Man lachte über den Einfall; sie neckten Eva, und einer der jungen Leute meinte: Sorgen Sie nicht, Mamsell Eva! Monsieur Herbert sieht nicht aus wie einer, der so leicht zu fangen wäre!

Wer denkt denn jetzt an Mosje Herbert? warf sie schnippisch und doch verlegen hin.

Ich bin geduldig und werde warten, sagte er, sich mit scherzender Demut vor ihr neigend.

Sie tat, als höre sie seine Worte gar nicht mehr, und sie hatte ja auch alle hände voll zu tun. Das blankste Leinen, die besten Teller, selbst das Silberzeug musste heute und in den folgenden Tagen auf den Tisch. Alles sollte reichlich, Alles