, wie Angelika's wechselnde Bewegung es begehrte. Volle Nachsicht mit ihrer Schwäche hätte die Gewissenhaftigkeit der Baronin misstrauisch gegen die Beraterin gemacht, volle Strenge sie zu ernstem Kampfe gedrängt oder ihr wohl gar den Mund verschlossen; und nicht um den Frieden, nur um das Vertrauen Angelika's und um die herrschaft über sie und ihre Zukunft war es der Herzogin von Anfang an zu tun gewesen.
Angelika fand sich von dem wechselnden Zuspruche ihrer einzigen Vertrauten wundersam beruhigt. Sie konnte endlich selbst die Frage aufwerfen, was sie tun solle.
Wenden Sie sich offen an den Baron! riet ihr die Herzogin, um sich den Schein der strengen Verlässlichkeit zu geben und um in einem Notfalle sich vor dem Freiherrn dieses Ratschlages berühmen zu können. Wenden Sie sich an den Baron, bekennen Sie ihm ....
Nein, nimmermehr! rief Angelika mit lebhafter Abwehr.
Die Herzogin schien nachzusinnen. Wie Sie auch fühlen und empfinden mögen, teure Angelika, sprach sie dann nach längerem Schweigen, Sie werden mir einräumen müssen, dass Ihnen nichts übrig bleibt, als von dem Freiherrn die Entfernung Herbert's, die Entfernung des jungen Mannes zu begehren, der, von Ihrer Nachsicht dreist gemacht, die achtung und Verehrung, welche er Ihnen, der Frau des Freiherrn von Arten, schuldet, so ganz und gar vergessen, der Sie hinreissen konnte ....
Die Baronin liess sie nicht vollenden. Sie ahnte den Kunstgriff, mit welchem die Herzogin ihr zu hülfe zu kommen und Herbert anzuklagen wünschte, und wahrhaft und offen rief sie: Herbert ist nicht schuldig, nicht schuldiger, o, lange so schuldig nicht, als ich – denn er ist frei!
Die Herzogin schloss die Augen. Ein Mann ist immer schuldig, wenn wir ihm uns und unsere Ueberzeugungen zum Opfer bringen! sprach sie. Aber gleichviel, der junge Mann muss fort!
Ja, er muss fort! wiederholte Angelika mit leiser stimme. Denn unglücklich über die Liebe, die mich fortriss, macht die Liebe, die ich einflösse, mich nicht glücklich, und das Bewusstsein, von der reinen Höhe hinabgestiegen zu sein, auf welche seine Liebe mich stellte, steigert meine Qual und meinen Schmerz. Aber wie kann ich seine Entfernung fordern, da ihn sein Beruf bei uns festält, wie soll ich fordern, dass er vergesse, was ich nie vergessen kann?
Törichtes Kind, lächelte die Herzogin, wer mutet Ihnen denn ein so Unmögliches, ein so Gewaltsames zu? Wer verlangt denn, dass Sie aus Ihrem Herzen reissen, was Sie dort als schmerzliche oder als köstliche Erinnerung zu bergen wünschen? Sie sollen nur zu vergessen scheinen, was Sie vergessen zu machen wünschen!
Angelika sah sie fragend an, sie verstand sie nicht. Die Herzogin musste sich deutlicher erklären. Wer will Sie daran erinnern, dass Ihre Liebe, Ihre Schwäche Sie einen kurzen Augenblick übermannten, wenn Sie sich daran nicht mehr zu erinnern scheinen? sprach sie. Aus Ihrer Nähe, von seinem Glauben an Ihre Liebe, nicht von seiner Arbeit muss der junge Mann entfernt werden. Ihm zu begegnen, dürfen Sie nicht einmal vermeiden. Sie müssen ihn wiedersehen, bald wiedersehen, aber im Beisein Ihres Gatten, mit freier Stirn, mit hellem Auge! – Und seien Sie sicher, er wird bald glauben, geträumt zu haben, was Sie ihn ohne sein Verdienst erleben liessen, während Ihr Schuldbewusstsein Sie hoffentlich künftig nachsichtiger und auch ein wenig gefälliger gegen den guten Freiherrn machen wird. Sind es zuletzt doch immer unsere Männer, denen die Schwächen und die Irrtümer unserer armen Herzen zu Gute kommen und die in unserer Demut die Frucht unserer Reue geniessen. Nur Mut, nur Zuversicht, mein liebes Kind!
Aber der Zuspruch der Herzogin wirkte nur langsam auf Angelika. Sie wusste sich nicht zu entschliessen, so viel Verwirrendes und Verführerisches auch in den Ratschlägen der Herzogin verborgen lag. Angelika hatte weder den Mut, sich ihrem Gatten anzuvertrauen, noch, wie sie es eine Weile vorgehabt, sich gegen Herbert auszusprechen und von ihm selber seine Entfernung zu verlangen. Sie kannte jetzt die Schwäche ihres Herzens, und vor dem Mittel, welches die Herzogin ihr an die Hand gab, schreckten ihre Liebe und ihr grader Sinn gleichmässig zurück. Aber auch hier kam die Herzogin ihr zu hülfe, indem sie ihr einen Ausweg zeigte, der annähernd zu dem Ziele führen konnte, das Angelika erstrebte, und der auch den wahren Absichten der Herzogin als der gelegenste erschien.
Sprachen Sie nicht von einem Feste, welches Sie im Laufe der nächsten Wochen geben wollten, fragte sie, und für das Sie auch Monsieur Herbert's Zimmer zur Unterbringung Ihrer Gäste brauchen würden?
Die Baronin schöpfte Atem.
Mich dünkt, es war selbst in des jungen Mannes Beisein schon davon die Rede, dass er für eine Weile seine Zimmer würde räumen müssen, sagte die Herzogin, und in diesem Augenblicke fremde Menschen zu sehen, für Andere Aufmerksamkeit haben zu müssen, würde Sie von sich selber abziehen, teure Freundin, und Ihnen eine Zerstreuung von den Gedanken sein, mit denen Ihre schöne Gewissenhaftigkeit Sie peinigt!
Ja, ja, das kann geschehen! rief die Baronin und warf sich ihrer Freundin an die Brust. O, Sie sind mein guter Engel, teure Margarete!
So lassen Sie mich für Sie wachen, meine teure Seele, antwortete ihr die Herzogin, und gehen Sie zur Ruh', denn es ist spät, und Ihre Wangen brennen