der Baronin auch strenger als früher auf die Kirchlichkeit der protestantischen Dienerschaft hielt, so hatte man Morgens die Dienstleute, welche man irgend entbehren konnte, in die Kirche nach Neudorf geschickt, und oben in der Schlosscapelle hielt der Caplan für die Herrschaften den gewöhnlichen Gottesdienst.
Es war dadurch sehr still im schloss, und Herbert fühlte sich allein und innerlich gequält. Er sehnte sich noch immer nach einem Zusammensein mit der Baronin und sann doch darüber nach, wie er ihr die Pein vergelten wolle, die er eben um sie duldete. Er wusste nicht, ob er sie liebe oder hasse, und solches inneren Zwiespaltes ungewohnt, schalt er sich unmännlich, weil er sich aus demselben nicht sogleich befreite.
Unzufrieden mit sich selbst, stand er am Fenster und beobachtete, wie vom hof die Leute nach der Kirche gingen, wie sie sich in Paaren, in Gruppen zusammenfanden, Jeder mit seinem nächsten, seinem Freunde, und er war hier allein. Sein Zimmer, die altertümlichen Möbel, die alten Oelgemälde sahen ihn so düster an, sein Aufentalt in dem schloss ward ihm zuwider. Er war hier nicht heimisch, man brauchte ihn eben nur; es kam ihm eine sehnsucht nach Zuständen an, in die er hineingehörte, nach Menschen, mit denen er frei verkehren konnte, und schnell, wie man sich im Missmute zu entschliessen pflegt, setzte er sich an den Schreibtisch und bat den Freiherrn, ihn für die nächsten Tage gnädigst zu beurlauben, da er ein wenig in der Umgegend umherzustreifen und sie kennen zu lernen wünsche. Der Besuch der Steinbrüche habe ihn dazu verlockt, und er werde nicht ermangeln, sich nach ein paar Tagen wieder einzustellen.
Das Schreiben übergab er dem Kammerdiener des baron, hing eine leichte tasche über die Schulter, und trat mit lachendem Selbstbewusstsein den Weg nach dem Amtause an, entzückt über seinen schnellen Entschluss, erfreut über die Kränkung, welche er nun seinerseits der Baronin zuzufügen hoffte, und angenehm bewegt von der Aussicht auf den guten Empfang und die einfach frohen Stunden, die ihm im Amtause nicht fehlen konnten. Musste er sich doch ohnehin bei den Geschwistern, die das Haus voll Gäste hatten, entschuldigen, weil er, von seiner Aufregung hingenommen, ihrer Einladung zum Erntefeste ganz vergessen hatte.
Im schloss nahm man nach dem Gottesdienste das Frühstück ein, als der Kammerdiener dem Freiherrn das Schreiben des Architekten brachte. Er las es und legte es bei Seite, aber da auf dem land ein Brief zu unerwarteter Stunde immer ein Ereigniss ist, fragte Angelika, was es gebe.
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme, sagte der Baron scherzend. Herbert hat neben manchen anderen guten und tüchtigen Eigenschaften von seinem Vater offenbar auch die Anfälle von plötzlicher Wanderlust geerbt. Erinnern Sie sich, lieber Caplan, wie sein Vater uns in Italien bisweilen plötzlich zu verschwinden pflegte?
Ist Monsieur Herbert abgereist? fragte der Marquis. Ich habe ihn in der Frühe gesprochen, und er hat an Reisen, so viel ich merken konnte, nicht gedacht.
Er schreibt mir, dass er sich in der Umgegend umsehen wolle, und bittet mich, ihn für ein paar Tage zu beurlauben.
Die Baronin schien auf den ganzen Vorgang nicht zu achten, aber sie wurde rot, als der Marquis sie ansah, und die Herzogin beobachtete, dass sie nach einiger Zeit das Billet in die Hand nahm, es las und es dann auf die Seite legte. Sie war sehr zerstreut, und der Marquis, dessen gute Laune sich daran steigerte, war eifrig um sie bemüht. Seine feinsten Complimente und seine witzigsten Einfälle vermochten sie jedoch nicht zu fesseln, und als der Baron einen Besuch in der Nachbarschaft vorschlug, wünschte Angelika sich von demselben auszuschliessen, obschon ihr Gatte ihre sorge um den Knaben eine völlig aus der Luft gegriffene und unberechtigte nannte. Wie sie aber bei ihrem Vorsatze beharrte, liess es sich die Herzogin nicht ausreden, ihr Gesellschaft zu leisten, und eine Meisterin in der Unterhaltung, musste sie heute die Kosten derselben, als sie sich mit der Baronin dann allein fand, fast ausschliesslich tragen, denn Angelika war und blieb zerstreut.
Die Herzogin erzählte von ihrer Heimat, von ihren Freunden, von deren Schicksalen und Herzenserfahrungen, und kam so endlich auf sich selbst und auf ihre Jugendzeit zu sprechen. Indess auf diesen Punkt gelangt, hielt sie mit einem Male inne, als gewahre sie erst jetzt, dass die Baronin ihr nicht folge. Es entstand also eine Pause. Angelika, durch dieselbe auf ihre Zerstreuteit aufmerksam gemacht, rückte, um ihre Unhöflichkeit zu verbergen, ihren Sessel an den Lehnstuhl der Herzogin heran und fragte, wesshalb sie ihre Mitteilungen so plötzlich unterbreche.
Die Herzogin reichte ihr die Hand, so dass Angelika genötigt wurde, sich ihr vollends zu nähern, schlug den Arm um den Hals der jungen Frau und sagte: Ich dachte an Sie, meine Teure, denn meine eigenen Erinnerungen geben mir den Massstab für das, was Sie bewegt. Armes Kind, wenn Sie Vertrauen zu mir hätten, Sie, die ich Einsame wie eine Tochter liebe! Wenn Sie das Vertrauen teilen könnten, welches der Baron mir treu erhalten hat und das ich zu verdienen weiss!
Angelika war von dieser Wendung des Gespräches überrascht. Vertrauen? rief sie; o gewiss, meine Freundin, ich vertraue Ihnen! Aber was bestimmt Sie zu der Frage?
Sie wollte, von innerer Unruhe getrieben, sich erheben, die Herzogin hielt sie davon zurück. Der Zustand