geht, da sie immer zusammenstecken, hetzt Einer den Andern auf, und was der Eine nicht ausheckt, das klaubt der Andere hervor. Man wird bald Not haben, sie zur Arbeit zu bekommen, denn um Ausreden sind sie ohnehin niemals verlegen.
So etwas pflegte aber doch überall einen Ausgangspunkt zu haben, oder es pflegte irgend Jemand da zu sein, der den Anführer macht. Ist vielleicht ein bestimmter Anlass zu der Unzufriedenheit gegeben worden, ist irgend Einem ein besonderes Unrecht zugefügt?
Sie gingen, als Herbert diese Frage tat, über die lange und schmale, aus Knüppeln und Rasen gemachte brücke, welche hier den Fluss überspannend auf die Seite desselben leitete, auf welcher der jetzt bearbeitete Steinbruch lag, und da Herbert seiner Freude an dem Schönen und Lieblichen in der natur, wo er diesem begegnen mochte, nachgab, so blieb er stehen und betrachtete, wie die weichen Binsen und das Schilf sich nickend in dem wasser spiegelten, dass es zu zeiten aussah, als hingen die goldenen Sonnenreflexe wie strahlende Blumen an den schwankenden grünen Halmen. Er pflückte eine kleine breitblättrige Farre, die in dem Moose auf der brücke gewachsen war, steckte sie an seinen Hut und folgte dann dem Andern, der ihn drüben am Ufer erwartete.
Als Herbert sich wieder an des Amtmanns Seite befand, der offenbar mit der Frage seines Begleiters beschäftigt geblieben war, sagte Jener: Eine Ursache und einen Anfang muss freilich Alles haben, aber die Dinge haben meist mehr als Eine Ursache, und hier die Veränderung unter den Leuten hat deren viele. Und wieder brach er zögernd ab, bis der Baumeister ihn mit erneuter Frage zum Weitersprechen nötigte.
Sehen Sie, Herr Baumeister! fing nun der Amtmann an, als sei er nun zu dem Entschlusse gekommen, herauszusagen, was er eigentlich dachte: sehen Sie, unser Herr Baron ist ein guter Reiter, und wer ein guter Reiter ist und es weiss, dass kein Pferd ruhig bleibt, wenn man's heute gehen lässt, wie's eben mag, und morgen scharf zusammennimmt, ohne dass es was verfehlt hat, wer's aus Erfahrung weiss, dass man das beste, frommste Tier im Handumdrehen verreiten und stöckisch machen kann, der, meine ich, sollte das auch auf den Menschen appliciren. Es ist schwer auskommen mit dem Herrn Baron! Mein Vater hat's schon immer gesagt, es war besser unter dem seligen Herrn!
Herbert bemerkte, dass der Freiherr ihm weder streng noch hart erscheine, dass er im Gegenteil nur wohlwollende und menschenfreundliche Aeusserungen von ihm vernommen habe.
Der Amtmann machte eine zustimmende Bewegung mit dem kopf. Das ist's eben! meinte er. Streng und hart ist gar nicht das Schlimmste, dabei kann Alles gehen, denn der Mensch gewöhnt sich allmählich an das, was gleichmässig geschieht, und besonders denkt der Bauer in solchem Falle: es könne denn eben nicht anders sein. Wäre der Herr Baron nur immer streng, und machte er es wie sein Vater und sein Grossvater, die sich um gar nichts kümmerten, als um's Verzehren und Geniessen, so ständen wir Alle uns besser. Aber er ist leider Gottes menschenfreundlich und hat ein weiches Gemüt, und dazu mag er im grund seines Herzens selbst zuweilen denken, dass es wohl nicht immer so auf der Welt bleiben werde, wie bisher. Da kommt's denn, dass er heute nachgiebt, was er morgen verweigert, dass er dem Einen erlaubt, was er dem Andern verbietet. Das macht böses Blut. Die Einen denken, wenn er das zugesteht, kann er auch mehr zugestehen; die Andern sind ihm aufsässig, weil sie ihre Forderung nicht durchgesetzt haben, und zuletzt bade ich es aus, denn zuletzt muss ich vor den Riss treten, und mit mir macht er's dann auch nicht besser. Man weiss nicht, wie man mit ihm daran ist. Seit er geheiratet und die Pauline sich ertränkt hat, ist das Alles schlimmer geworden, und seit wir nun gar den – verzeihen Sie, dass ich es einmal sage – verwünschten Kirchenbau hier haben, ist vollends der Teufel los!
Der Amtmann sagte das offenbar mit fester überzeugung. Indess obschon dies Herbert nahe genug anging und ihn lebhaft beschäftigte, so erregte doch die Erwähnung eines Frauenzimmers, das sich ertränkt haben sollte und das offenbar in einem nahen Zusammenhange mit dem Freiherrn gestanden haben musste, um der Baronin willen vor allem Andern seine Neugier. Er fragte nach den näheren Umständen, erfuhr den ganzen Hergang der Sache und alle ihre Einzelheiten, wie man sie eben in der Umgebung und Dienerschaft des freiherrlichen Paares kannte und betrachtete.
Herbert war sehr von dieser Kunde betroffen und ergriffen, denn jetzt glaubte er plötzlich den Schlüssel für alles dasjenige zu haben, was ihm gestern überhaupt in dem Wesen und in dem Verhalten der Baronin auffallend erschienen war. Das arme, arme Weib! rief er unwillkürlich aus, als der Amtmann geendet hatte.
Der Amtmann stimmte ihm bei, denn er glaubte, Herbert spreche von Pauline, und er rühmte deren Schönheit und gute Eigenschaften.
Herbert aber dachte nur an die Baronin. Er bedauerte, dass er dies Alles nicht schon gestern gewusst habe, er fürchtete, der Baronin nicht verständnissvoll genug begegnet zu sein, und machte sich Vorwürfe darüber, dass er durch seine Aeusserung ihr wundes Herz getroffen, oder dass sie gar in derselben eine unberechtigte Andeutung auf ihr schweres Schicksal gefunden haben könne.
Während er