Eva's Aeusserung ihm nicht aus dem Sinne wollte. Die Gegend, durch welche sie kamen, war Herbert neu, und der Amtmann hatte seine Genugtuung daran, den Fremden mit allen Vorzügen des Bodens bekannt und auf alle die Vorteile aufmerksam zu machen, welche eine sorgfältige kultur diesem Boden abzugewinnen verstanden hatte. dafür aber verlangte er dann auch von Herbert zu hören, wie es sonst in der Provinz und in der Welt aussähe, auf deren Händel und Entwickelungen das Auge des jungen Landwirtes wie das eines jeden Mannes in jenen Tagen gerichtet war. Indess so lange man zu Pferde blieb, war an ein rechtes zusammenhängendes Sprechen nicht zu denken, aber als man in der Nähe des Steinbruches, wo der Boden aufstieg und das Tal sich verengte, absteigen musste, um den Rest des Weges am Ufer des Flusses fortzusetzen, ward die gelegenheit zur Unterhaltung günstig. Man liess die Pferde an dem haus eines der Steinbrecher zurück, und wie man nun in dem kühlen Tale vorwärts ging, richtete der Amtmann seine fragen auf sein Lieblingstema, auf die Männer und die Ereignisse, von denen die Zeitungen ihrer Zeit berichtet hatten und noch berichteten. Herbert sollte ihm von den Helden der französischen Revolution erzählen, bei deren Beginn der Baumeister sich noch in Paris befunden hatte und deren wahrscheinlicher Ausgang jetzt alle Geister beschäftigte.
Er sollte Mirabeau beschreiben, und schildern wie Camille Desmoulins aussehe, die er gesehen, er sollte erklären, wie ein Volksaufstand sich mache, und während der Amtmann mit leidenschaftlicher Spannung an seinen Berichten hing, erwärmte sich Herbert mehr und mehr an seinen eigenen Worten, bis beide junge Männer sich wieder einmal lebhaft für die Gleichheit der Stände, wider alle Vorrechte und wider jede Art von Vorurteilen ausgesprochen hatten, die ihnen in ihrem Leben bereits hindernd entgegengetreten waren oder von denen sie später eine Beeinträchtigung fürchten konnten, wie verschieden ihre Berufstätigkeiten und selbst ihr Bildungsgrad auch waren.
Herbert, welcher in der Schlossgesellschaft beständige Rücksichten zu nehmen hatte, fand es angenehm, sich frei gehen lassen zu können und einen so dankbaren Zuhörer zu haben. Der Amtmann, der sich nach seinen Kenntnissen, seiner Tüchtigkeit und auch nach seiner Wohlhabenheit manchem der Edelleute überlegen wusste, die in der Nachbarschaft und zu zeiten auch im schloss die grossen Herren spielten, und vor denen er sich, wie gering er sie auch schätzte, zu demütigen und zu beugen genötigt war, fühlte sich stets gehoben in dem Verkehre und in der Unterhaltung des Architekten, welchen der Freiherr als seinen Gastfreund und Hausgenossen ehrte, während dieser sich als ein Gleicher neben den Amtmann stellte; und da die Jugend überhaupt zu geselligem Anschliessen geneigt ist, fanden die beiden sich bald in einem Zwiegespräch begriffen, das ihnen recht von Herzen kam.
Man war von den Mitteilungen über Frankreich und die Revolution auf die Emigranten im Allgemeinen zu reden gekommen und dadurch auch auf die Gäste im schloss geführt, und der Amtmann meinte: Es muss solchen Herrschaften spanisch vorkommen, wenn für sie das Befehlen und Besitzen auch einmal ein Ende hat. Wenn man aber hört, wie sie's dort getrieben haben, und weiss, wie's auch hier herum vieler Orten zugeht, so kann man sich denken, dass sie drüben kein gross Mitleiden mit ihnen fühlen. Ich wollte nicht sehen, was hier passirte, wenn's auch hier einmal zum Klappen käme!
Glauben Sie denn, dass hier zu land das Material für eine Revolution vorhanden ist? fragte der Baumeister.
Der Amtmann besann sich, ehe er antwortete, die Vorsicht des Bauers steckte auch ihm im Blute. Es kommt darauf an, sagte er dann nach reiflichem Ueberlegen, was man Revolution nennt!
Nun! versetzte Herbert, mich dünkt, das wäre klar. Ist man hier unzufrieden? Hat man grosse Beschwerden gegen den König und sein Regiment?
Gegen den König und sein Regiment? wiederholte der Amtmann, das könnte ich nicht sagen. An den König denken sie hier nicht viel, d.h. sie denken an ihn nur, wie an den lieben Herrgott, der ebenfalls weit weg ist und von dem sie auch nicht wissen, ob er sie hört oder nicht hört. Die Leute hier sehen nicht über die Feldmark hinaus. Jeder hat hier sein teil Plage für sich und steht also meist auch nur für sich. Er hat's mit mir zu tun, der ich hier befehle, und mit der herrschaft, für die ich befehle. Was er zu fürchten und zu hoffen hat, seine anhänglichkeit und seine Aufsässigkeit, das liegt Alles hier, Alles dicht neben einander wie sein Haus und sein Grab. Darüber hinaus hat er sich sonst nicht leicht um etwas gekümmert, und wenn's ihm nicht allzu schlecht gegangen ist, ist er zufrieden gewesen.
Und jetzt! ist's jetzt anders?
Der Amtmann besann sich wieder eine Weile, dann sagte er sehr bestimmt: Ja! anders als vor fünf und vor zehn Jahren, als zu den zeiten, da ich von der Schule und von der Universität kam, denn mein Vater hat mich andertalb Jahre auf die Universität geschickt, schaltete er mit Selbstgefühl in seine Rede ein, anders ist's jetzt hier allerdings. Es ist, als ob's in der Luft läge. Sie pariren nicht wie sonst, sie raisonniren viel.
Aber worüber?
über Alles!
Also zum Beispiel? fragte Herbert.
über die Frohnen, über die Hand- und Spanndienste, über Alles! Und wie das