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auch an, dass das Haus im Winter warm, im Sommer kühl sein müsse. Gleich vor der tür luden die breiten Bänke und der grosse steinerne Tisch zum Sitzen und zum Verweilen ein, und die Blumenstöcke, welche auf den Fensterbrettern die volle Morgensonne genossen, die Rabatten des kleinen Gartens, aus deren fetter, brauner Erde sich schon die vollen Levkoien und die glänzenden, vielblätterigen Nelken hervorhoben, waren so wohlgepflegt, der gefleckte Jagdhund auf der Schwelle, der aufsprang, als der Reiter in den Hof ritt, und die gelbe Katze, welche nur blinzelnd die schläfrigen Augen öffnete und den dicken Kopf dann langsam niedersenkte, um die sonnenerwärmte Stelle wieder einzunehmen, waren so rund und so blank, dass man es merkte, hier leide Niemand Mangel.

Auch dem Hausherrn, dem jungen Amtmanne, konnte man das ansehen. Er war fast gleichen Alters mit dem Baumeister und auf dem Gute geboren und erzogen. Schon sein Urgrossvater hatte die Arten'schen Güter bewirtschaftet und von Vater auf Sohn hatte sich das Amt, und mit ihm die Liebe für den Grund und Boden und die anhänglichkeit an die herrschaft vererbt. Die Steinert's waren hier zu haus und angesehen, beinahe wie die Herren von Arten selbst. In der ganzen Umgegend hatten sie Verwandte, überallhin waren sie durch die Heiraten ihrer Töchter und Söhne mit den Amtleuten, den Gutsbesitzern, den Pfarrern und Förstern verschwägert, und wer im land Rat und Tat bedurfte, der ging zum Amtmanne nach Rotenfeld, denn die Steinert's waren Landwirte, wie es wenige gab, und der jetzige Amtmann hatte es wohl bisweilen ausgesprochen, dass er einmal sehen möchte, was aus dem Herrn werden würde, wenn man im Amtshause nicht das Auge auf Alles hätte und gelegentlich die Hand auf Manches legte, was nicht angetastet werden dürfte, ohne dass dem ersten Capitalangriffe der zweite nachfolgen müsse.

Ein treuer Diener muss auch widersetzlich sein, wo's Not tut! hatte der Vater des jungen Amtmannes einmal gesagt, und sie lag so zu sagen den Steinert's im Blute, diese treue, ehrliche Widersetzlichkeit. Man brauchte die Männer nur anzusehen. Sie waren ein grosses, starkes, vollblütiges Geschlecht, die Männer wie die Frauen, und der junge Amtmann und seine Schwester machten keine Ausnahme davon, wie er denn auch Adam hiess gleich seinem Vater und Grossvater und gleich denen, die vorhergegangen waren. Weil aber Adam der einzige Sohn gewesen und erst neun Jahre nach ihm ein Mädchen in das Haus geboren worden war, so hatte der Vater gemeint, wenn der Adam doch einmal keine anderen Gesellen habe, so müsse er wenigstens in der Schwester seine Eva bekommen, und Adam und Eva waren auch die einzigen Kinder geblieben, waren mit einander gross geworden, hatten von Vater und Mutter den tüchtigen Sinn geerbt, die Arbeit und die Wirtschaft erlernt und befanden sich so wohl mit einander, dass noch keiner von ihnen an das Heiraten gedacht hatte, obschon der Amtmann dreiunddreissig Jahre alt war und die Eva auch schon in den ersten Zwanzigen stand.

Sie glichen einander recht wie Bruder und Schwester. Beide waren sie gross, beide stark von Bau und von frischer Farbe mit hellen, blauen Augen. Des Amtmanns Krauskopf war eben so blond wie das dikke, gewellte Haar, welches Eva's Schläfen umgab, und beide sahen jung und lachend wie der Morgen aus, als sie bei Herbert's Ankunft vor die tür und auf die Rampe hinaustraten.

Die grüne, breitschoossige Pekesche mit den blanken Knöpfen, die gelbe Lederhose und die faltigen Reitstiefel sassen dem Amtmanne wie aufgegossen. Man sah, dass er etwas auf sich hielt, dass er etwas auf sich wenden konnte, und obschon er sein Haar nicht mehr puderte, weil es damit, wie auch Herbert der Baronin bedeutet hatte, in Wind und Wetter nichts war, so hatte er es doch noch mit einem schönen Bande in breitem Haarbeutel zusammengebunden, grade wie der Herr Baron, und der kleine dreieckige Hut sass ihm keck auf dem kopf und warf seinen Schatten über seine starke, feste Stirne.

Willkommen, wertester Herr Baumeister! rief er dem Reiter entgegen, als dieser vor der tür hielt. Sie sind ein Mann von Wort! Er zog die Uhr mit der schön gefleckten Schildpattkapsel hervor und hielt sie ihm hin. Halb sieben Uhr auf den Punkt. Damit trat er an das Pferd heran, und er und Herbert schüttelten einander die hände.

Man ist ja in dem Wetter froh, versetzte dieser, wenn man herauskommt, und den Mann möchte ich sehen, den's schlafen liesse, wenn er weiss, dass Mamsell Eva die Langschläfer nicht leiden mag! – Er nahm den Hut grüssend vom kopf; Eva nickte ihm freundlich zu und meinte, sie könne gar Vieles nicht leiden, zum Beispiel das Warten nicht.

Haben Sie denn auf mich gewartet? fragte er.

Gott bewahre, Mosje Herbert, dazu habe ich Morgens keine Zeit; aber ich warte jetzt auf Sie!

Auf michwie das?

Mit dem Frühstücke! entgegnete sie.

Herbert meinte, es solle gleich fortgehen, indess der Amtmann und Eva wollten davon nichts hören.

Sie werden doch nicht der Erste sein wollen, Herr Architekt, meinte der Amtmann, der um die Frühstücksstunde hier ohne Imbiss fortgeht? Und Eva sagte: Sie können immer einmal die gnädigen Herrschaften im Muschelsaale ihre Chocolade allein einnehmen lassen und mit unser Einem frühstücken. Wenn man gute Gesellschaft am Morgen hat