dess war er sicher, dachte sie anders über ihn; aber wenn er sich auch fragte, was Angelika bestimmen mögen, einen Mann, den sie nicht geringschätzen konnte, alle die Jahre mit so wechselnder Launenhaftigkeit zu behandeln, so war er sich seines Wertes doch zu sehr bewusst und zu sehr gerührt von den Tränen der schönen Frau, als dass sich in sein befriedigtes Selbstgefühl und in seine Teilnahme für die Baronin ein Tropfen von Bitterkeit gemischt hätte.
Er wollte versuchen, ihr näher zu treten, ihr Vertrauen zu gewinnen. Er stellte sich vor, dass sie gegen ihren Willen des weit älteren Mannes Frau geworden sei, dass man sie gezwungen habe, einer früheren Liebe zu entsagen. So wie mit ihm, mochte sie einst mit dem Geliebten ihres Herzens durch die duftende Dämmerung des Frühlings gewandelt sein, so mochte sie mit einem Geliebten von milder Höhe hinabgesehen haben in ein stilles Tal, und nun hatte Herbert ihr die Erinnerung an verlorenes Glück, an dauerndes Entbehren wach gerufen. Sie hatte dem Entfernten, dem Vermissten nachgeweint, Tränen der Erinnerung waren es sicherlich gewesen, welche sie an seiner Brust vergossen hatte; und wie er sich mehr und mehr in diese Vorstellung versenkte, so standen auch jene Frauen vor ihm, denen er in den verschiedenen zeiten seines Lebens Neigung und Liebe und leidenschaft entgegengebracht hatte. Die schöne Empfindung jener wechselnden Stunden erwärmte und durchglühte ihn, und er liebte seine Erinnerungen und die Frauen und das Lieben, und wenn er sich seiner fröhlichen Vergangenheit und seines Glückes freute, so dachte er dazwischen doch immer wieder der Baronin, die solchen Glückes Fülle sicher nicht gekannt hatte, und der Vorsatz, ihr beizustehen, ihr nahe zu bleiben, entzückte ihn, weil die Liebe ihn so entzückte.
Der Tag kam herauf, als er endlich in sein Zimmer zurückkehrte, um sich zur Ruhe zu legen; aber er konnte nicht mehr schlafen, und hätte er es vermocht, es wäre ihm nicht viel Zeit dafür vergönnt gewesen. Er musste früh hinaus, da er mit dem Amtmanne nach einem Steinbruche reiten wollte, der noch innerhalb der herrschaft, aber doch mehr als zwei Meilen von Richten entfernt lag und dessen Material man für den Bau zu verwenden gedachte.
Durch den frischen Morgen ritt er über den weiten Hof, an den die grosse und lange Allee von Lerchenund Ebereschen-Bäumen sich anschloss. Die taufrischen Blätter und Spitzen der Zweige nickten, von dem leisesten Luftauche bewegt, und sprühten ihre Tautröpfchen auf den Reiter herab. Zu beiden Seiten wogte das dichte, kurze Grün der lang sich hinstrekkenden Hafer- und Gerstenfelder, dass es wie ein wallendes, glänzendes wasser anzusehen war, wenn die Sonne sich in dem Taue bespiegelte. Aus dem wald von Aehren schossen die Lerchen empor und schwangen sich mit schwirrendem Flügel zum Himmel auf, die kleinen Kehlen in schmetterndem Gesange bewegend. An dem rand der Gräben, an den Rainen blühte die Kornblume, nickte der rote Mohn, und über die Dornhecken und die blühende wilde Rose schlang die Winde, sich weitin spannend, ihre Ranken. Wohin man blickte, war Alles voll Leben, voll Bewegung, voll Klang und Sang. Die Biene, der Käfer, der Schmetterling und der Vogel, jeder tat sich was zu Gute in dem warmen Sonnenscheine, und selbst die Hunde vor den Häusern sprangen heraus, kläfften und bellten, liefen dem Pferde nach, liefen ihm voraus und wendeten wieder um, und man konnte es den klugen Tieren wohl anmerken, dass sie das Pferd und den Reiter nicht anzuhalten dachten, sondern nur ihr Spiel haben wollten.
Nach der sanften Feier des letzten Abends, nach der magischen Stille der Nacht war dieser Morgen voll frischen Lebens dem jungen mann ein doppeltes Vergnügen, und mit seinen strahlenden Augen hinaus in die Ferne schauend, liess er das Pferd weit ausgreifen und atmete mit tiefem Behagen den Luftstrom ein, der ihm entgegenkam.
Da, wo der Weg sich wendete und wo der Wegweiser stand, der nach Rotenfeld wies, blickte Herbert nach dem schloss zurück. Die grünen Fensterladen waren noch überall geschlossen. Der Baron und Angelika, der Marquis und die Herzogin, Alles lag sicher noch im tiefen Schlafe, und sammt und sonders taten sie ihm leid. Es war ihm so wohl, er hätte überhaupt mit Niemandem tauschen mögen, und selbst Angelika's leise Mahnung: "Da oben bauen wir keine Capelle!" machte ihm keine sorge. War es keine Capelle, so konnte man irgend einen Tempel, einen Freundschafts-Tempel da oben errichten, und zu einem solchen Angelika's Zustimmung zu gewinnen, hoffte er zuversichtlich, weil er ihre Freundschaft zu erwerben trachtete.
Wohlgemut ritt er durch das Tor des Amtshofes ein. Er war ein gern gesehener Gast auf demselben und es behagte ihm dort immer, wenn er von dem schloss kam. Denn wie das Stattliche und Schöne ihn erfreute, das vornehme im Leben und in der Kunst ihm einen grossen Eindruck machten, so hatte er daneben doch eine angeborene Freude an dem Nützlichen und Notwendigen, und nach der breiten Terrasse des Schlosses, nach dem hohen Porticus und den Bogenfenstern desselben, nach den Taxushecken und Springbrunnen gefielen ihm der Wirtschaftshof mit seinem Röhrbrunnen, an welchem die grosse Heerde getränkt ward, das schwerfällige, alte Haus mit der niedrigen tür und der breiten Rampe, über der sich die Aeste der Lindenbäume von beiden Seiten her dicht in einander verschlungen hatten, immer ganz besonders wohl.
Man sah es den dicken Mauern