1864_Lewald_163_100.txt

Spiegelbilde darstellt.

Angelika schauerte schweigend zusammen vor der Flut der Gedanken und Empfindungen, welche sie überfiel. Mit einem unterdrückten Ausrufe des Schmerzes liess sie sich, ihr Gesicht in ihre hände verbergend, auf die Steinbank niedersinken, und unaufhaltsame Tränen entströmten ihren Augen.

Wie ausser sich warf der junge Mann sich ihr zu Füssen. Um Gottes willen, rief er, was ist geschehen? Reden Sie, reden Sie! Was habe ich getan? Was habe ich denn gesagt?

Er hatte ihre hände ergriffen. Sie wollte ihn nicht sehen lassen, dass sie weinte, und wendete das Antlitz von ihm, indem sie sich erhob. Aber der Ausdruck des Schmerzes in ihren Zügen nahm ihm alle herrschaft über sich. Er schlang seine arme um sie, und fragte, das Schicksal anklagend: Muss sie, muss dieser Engel weinen? –

Das war mehr, als sie ertragen konnte, denn es sprach sympatetisch ihre eigenen Gedanken aus. Sie liess ihr Haupt auf seine Schulter niedersinken und weinte an seinem Herzen heisser, schmerzlicher, als sie je zuvor geweint. Er hielt sie umfangen, er wusste selber nicht, wie ihm geschah. Er fühlte sich wie berauscht, aber er wagte es nicht, den Kuss auf ihr Haupt zu drücken, das seine Lippen berührten, ihr Unglück machte sie ihm heilig!

Als sie sich endlich emporrichtete, war sie erschöpft und bleich. Die Sonne war nun völlig untergesunken, die Dämmerung spannte leise webend ihre duftigen Schleier über die Gegend aus. Langsam begann die Mondessichel, die im Nebel des Abends schwamm, aus ihm heraufzusteigen, sich aus dem Purpur seiner Dünste zu erheben und zum reinen, hellen Lichte zu verklären. Kein laut regte sich, kein Vogel sang, selbst das leise Zittern und Flüstern des Laubes hatte aufgehört. Die Einsamkeit, die Stille waren vollkommen, es ward dem jungen mann märchenhaft zu Mute.

Unten im schloss zündete man die Lichter in den Sälen an. Dortin gehörte sie, dortin musste sie wiederkehren, dortin musste er sie geleiten, dortin musste sie gehen.

Sie hielt sich das vor, aber sie sagte sich innerlich: Hier auf dieser Stelle lasse ich meine Seele zurück! Hier, wo sie zum ersten Male aufgelodert in dem Feuer einer Liebe, die eine Sünde für mich ist!

Sie hatten beide keine Worte mehr, sie standen fern von einander und hätten doch ewig hier weilen mögen, hätten vergessen mögen, dass es noch eine Welt und Menschen gäbe ausser dieser Stelle und ausser ihnen Beiden. Keiner fühlte den Mut, das Wort zu sprechen, das sie von diesem platz scheiden hiess. Endlich machte Angelika sich auf den Weg und Herbert folgte ihr. Ihre Glieder, ihre Bewegungen waren kraftlos; er bot ihr schweigend seinen Arm, und schweigend nahm sie ihn wieder an. So ging sie neben ihm her in stiller, glücklich-unglückseliger Feier, voll Schmerz und ohne Hoffnung, und doch eine Flamme, eine Glut in ihrem Herzen, die sie erwärmte, die sie vertröstete und sie in die Ferne, in die Zukunft hinauszuweisen schien, damit sie den Augenblick nur überstände.

Als sie hinunterkamen in den Park, wo das Unterholz und die Gebüsche dicht belaubt waren, schlang Herbert seinen Arm wieder um den Leib Angelika's, und sie wehrte es ihm nicht. Ihr Auge hing an seinen Blicken, sie sah im Mondlichte wie verklärt aus. In den Hecken schlugen die Nachtigallen; der süsse, flötende Ton löste ihnen die Seelen auf; er nahm ihre Hand und küsste sie wieder und wieder.

Wie schön ist die Welt, wie schön die Nacht! sagte er endlich.

Ja, für die Glücklichen! fügte sie seufzend hinzuaber sie ist lang, lang und finster, wenn man sie durchweint!

So kamen sie vor das Schloss. Sie werden doch nicht in den Saal gehen? fragte er, und es war ihm eine süsse Empfindung, dass er für sie sorgte und ihr riet, dass er ein geheimnis mit ihr hatte.

Nein, ich kann nicht! antwortete sie; sagen Sie, die Abendkühle habe mich unwohl gemacht! Die Diener hatten sie kommen sehen und öffneten die tür. Angelika reichte Herbert die Hand. Er küsste sie ihr, wie Abschied nehmend, und da er sich vor ihr neigte, sprach sie, nur ihm hörbar: Da oben dürfen wir keine Capelle bauen!

Fünftes Capitel

Margarete, sagte der Marquis, als er an dem Abende, an welchem Herbert und die Baronin auf dem Hügel jenseit des Parkes gewesen waren, sich in den Zimmern seiner Schwester mit ihr allein zusammen fand, Margarete, was hat denn dieser Baumeister heute gehabt, dass er so gesprächig und so witzig war?

Die Herzogin lag schon halb entkleidet in ihren Pudermantel gehüllt auf ihrer Bergère. Sie liess sich von Mademoiselle Lise die Puffen und das Chignon ihres Haarbaues auflösen und für die Nachtruhe ordnen, während sie den Orangenblüten-Tee trank, der die Nerven beruhigen und dem Teint seine Frische erhalten sollte.

Sie gab dem Bruder keine Antwort; er schien ihrer auch nicht zu bedürfen, denn er lächelte, nahm das emaillirte Pudermesser, welches auf dem Tische lag, trat damit an den Spiegel, dessen Lichter angezündet waren, und sagte, indem er sich behutsam die Schläfen säuberte: Und Madame, die sich zurückzieht! Sie ist sehr belustigend, diese verräterische Unschuld!

Weil ich sie kenne, diese Deutschen, meinte die Herzogin, riet ich Dir, auf