Fanny Lewald
Von Geschlecht zu Geschlecht
Erste Abteilung
Der Freiherr
Erstes Buch
Erstes Capitel
Die herrschaft Richten war eine der reichsten Besitzungen in der Monarchie, und die Freiherren von Arten, denen sie gehörte, eines der ältesten Geschlechter des inländischen Adels. Sie waren am hof wohlgelitten, in der Provinz, in welcher ihre Besitzungen lagen, geachtet und beliebt, und jene ruhige Vornehmheit, welche die alten Geschlechter kennzeichnete, hatte in den Freiherren von Arten stets ihre würdigsten Vertreter gefunden.
Es war damals aber auch das goldene Zeitalter für den Adel. Die Standesunterschiede wurden in der Gesellschaft noch aufrecht erhalten, und hatten doch aufgehört, eine Schranke für den Edelmann zu sein, wenn er geneigt war, sich gelegentlich über dieselbe fortzusetzen. Sie schützten ihn, ohne ihn zu hindern. Die Vorrechte des Adels waren gross im staat, seine Pflichten und Lasten für das Allgemeine sehr gering. Der Grundbesitz war fast ausschliesslich in seinen Händen, und man hatte trotzdem bereits angefangen, die Güter gewerblich zu benutzen und ihren Ertrag dadurch zu erhöhen. In den Fürstenschlössern, in den Richter-Collegien, in der Verwaltung und im Militär, überall herrschte der Adel vor, und daneben hatte er sich vielfach eine Bildung erworben, die zu besitzen er stolz war. Er hatte sich den Gelehrten, den Schriftstellern, den Künstlern und Dichtern genähert und befreundet, da er selbst bedeutende Menschen und schöne Talente in seinen Reihen zählte, und während man sich auf diese Art völlige Freiheit für jedes Streben und Tun zu sichern verstand, wagten die bürgerlichen Klassen es noch nicht, dem Adel die Vorrechte streitig zu machen, welche er sich angeeignet hatte und nun seit Jahrhunderten besass.
Kamen diese Glücksgüter und Privilegien rohen Naturen in die hände, so boten die eigene Gerichtsbarkeit und die teilweise noch zu Recht bestehende Leibeigenschaft den Gutsherren die Mittel zu einer Tyrannei, unter welcher das Land und die Leute schwer zu leiden hatten; und Selbstsucht und Willkür auf der einen Seite erzeugten dann auf der anderen einen Hass und eine Aufsässigkeit, die um so erbitterter wurden und um so tiefer wurzelten, je weniger sie sich kund zu geben vermochten. Gelangten aber wohlwollende und gebildete Edelleute zu dem Gebrauch solcher aristokratischen Rechte und Macht, so bildete sich durch ihren vorsorglichen und mässigen Gebrauch zwischen der Gutsherrschaft und ihren Hörigen ein verhältnis des Schutzes und der anhänglichen Dankbarkeit heran, welches in den Edelleuten das Gefühl einer gewissen Souverainetät entstehen liess und ihnen neben dem Bewusstsein ihrer grossen persönlichen Freiheit eine würdevolle Herablassung verlieh, die sie beliebt und dadurch liebenswürdig machte.
Der Freiherr Franz von Arten, welcher die herrschaft Richten zu Ende der achtziger Jahre im vorigen Jahrhundert besass, war in diesem Sinne das Musterbild eines Edelmannes. Er hatte eine vortreffliche Erziehung genossen, hatte viele Jahre seiner Jugend auf Reisen zugebracht, lange und mit grossem Erfolge an den verschiedenen Höfen von Europa verweilt, und sich dadurch jene weltmännische Gewandteit zu eigen gemacht, welche ihm den Anspruch gab, unter seinen Standesgenossen für einen vollkommenen Cavalier zu gelten. Aber neben den leichten, gefälligen Formen hatte er, wie die Richtung jener Zeit es eben mit sich brachte, sich auch eine schönwissenschaftliche und künstlerische Bildung erworben, und Schloss Richten, das von seiner mässigen Höhe weitin über das rundum flache Land bis zu den fernen Gebirgen hinabsah, zeigte in seinem Aeussern wie in seiner inneren Einrichtung, dass es von einem eben so prachtliebenden als gebildeten Edelmanne bewohnt werde.
So lange sein Vater lebte, hatte der Baron sich trotz aller Vorstellungen desselben nicht zur Ehe überreden lassen. Er fühlte sich nach den Erfahrungen, welche er bei den Frauen gemacht hatte, nicht geneigt, seine Zufriedenheit und seine Zukunft weiblichen Händen dauernd anzuvertrauen, und erst das Ableben seines Vaters, das den Baron als den letzten Arten von der Linie Richten antraf, brachte ihm mit der Pflicht, für das Fortbestehen seines Stammes zu sorgen, den Entschluss, sich zu vermählen.
Der Baron war damals in der Mitte seiner vierziger Jahre und ein schöner Mann. Hätte er bis dahin weniger Erfolg bei den Frauen gehabt, so würde er vielleicht in diesem Alter noch das Verlangen gefühlt haben, eine Heirat zu schliessen, an welcher das Herz lebhaften Anteil genommen. Er hatte aber viel geliebt und zweifelte gar nicht daran, Neigung zu erwekken, wo er solche anzuregen und zu gewinnen wünschte. Er schritt daher sehr kaltblütig zu einer Wahl und hielt sich bei derselben nicht eben lange auf.
Nächst den Freiherren von Arten waren die Grafen Berka das angesehenste Geschlecht der Provinz. Die Ahnenreihe der Herren von Arten reichte allerdings weiter in die Vergangenheit zurück, dafür hatten aber die Grafen Berka dem land in dem letzten Jahrhundert einen seiner bedeutendsten Feldherren und einige einflussreiche Staatsmänner gegeben, und reich waren die Häuser, eines wie das andere. Nur ein wesentlicher Unterschied waltete zwischen ihnen ob. Die Grafen Berka waren, wie der ganze Adel der Provinz und wie das ganze Landvolk, protestantisch; die Herren von Arten hingegen hatten in den Heeren des deutschen Kaisers gefochten bis zum Ende des dreissigjährigen Krieges und waren Katoliken geblieben für und für.
Indess der Adel war im Allgemeinen in jenen Tagen, von denen wir erzählen, nicht ortodox, und Baron Franz fand in sich kein Bedenken gegen eine Ehe mit einer nichtkatolischen Frau. Die Frauen des Berka'schen Geschlechtes waren zudem fast alle schön, es umgab sie der Ruf strengen Wandels, und die Verehrung, welche sie genossen, hatte ihnen jene Ruhe und Sicherheit in der äusseren Erscheinung gegeben, welche den Frauen des hohen Adels