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wie z.B. Emilia Galotti. Regina würde es empörend für Vernunft und Herz finden, dass sich die Heldin von ihrem Vater erdolchen lässt, um nicht in Liebesschlingen zu geraten; und, beim Licht besehen, muss ich wieder sagen: sie hat Recht."

"Ja," sagte Orest, "das ist mir nicht auffallend, denn Regina ist klug und so kann sie wohl das Richtige leicht erkennen; dass sie aber nun auch felsenfest danach handelt, während sie rings umher sieht, dass die ganze Welt es anders machtdarüber muss ich staunen. In mir ist nun einmal die heidnische Gesinnung stark entwickelt, nach der Ansicht des alten Johanneswie hiess er weiter? und ich bin ein rasender Liebhaber der Bühnenwelt, verspreche mir auch Brillantes von ihr während einer Season in London."

"Sei versichert," sagte der Graf, "dass ich Dich durchaus nicht in Deinem Vergnügen stören werde." –

Und so war die Sache abgemacht; man ging im hohen heissen Sommer nach London, wo der Graf in demjenigen teil des Westendes, der Belgravia genannt wird, und der fast ganz für Fremde eingerichtet ist, ein komfortables Haus nach englischer Sitte einnahm und allein bewohnteeine Sitte, die allerdings etwas kostspielig, aber ungemein bequem ist. Man ist zu haus, lebt ruhig und ungestört ohne Gastofstumult, ohne lästige Zimmernachbarn, ohne das wilde Heer halbtotgehetzter Kellner, und richtet sich ein, wie man es gewohnt ist. Orest hatte sich nicht umsonst seine "freien Allüren" ausgebeten. Er fand in London einen ganzen Schwarm von Bekannten und guten Freunden, mit denen er sich vortrefflich unterhielt, ohne an "der Besichtigungskampagne aller Merkwürdigkeiten" – wie er sich ausdrückte, Anteil zu nehmen.

"Solchen Strapazen für nichts und wieder nichts bin ich nicht gewachsen!" versicherte er. "Ich kann viel aushaltenaber dies ewige Stehen und Stehen und zwei Schritte gehen und wieder Halt machen, nein! das macht mich kaput. Und wenn ich nun im Tower die Kronjuwelen, wie wilde Tiere hinter Eisengitterund in der Münze die Prägung eines Sovereigns, der nicht mir gehört, gesehen habewas hab' ich davon? mein Herz bleibt leer."

Corona lachte und sagte in dem scherzenden Ton, den Orest mit seinen Cousinen beibehielt:

"Da erfährt man ja plötzlich, dass Du ein Herz hast."

"Und was für eins!" rief er. "Schau', Krönchen, könnte ich die englischen Kronjuwelen auf Deiner schönen Stirn sehen, so würden sie mir ausserordentlich gefallen: solch ein Herz hab' ich!"

"Dies ist nur ein Beweis gegen Deinen Anspruch," entgegnete Corona; "das Herz sagt keine Fadaisen."

"Was weisst denn Du von der Sprache des Herzens!" rief Orest mit komischem Erstaunen. "Erst sechszehn Jahr und schon darin bewandert!"

"Ja gerade deshalb!" nahm Regina das Wort. "Sie betrachtet das Herz als den Ausdruck des unverfälschten Gefühls. Je jünger man ist, desto leichter kann man wohl dies Zutrauen haben."

"Königin und Krone, beide gegen mich," sagte Orest mit Anspielung auf ihre Namen; "dann muss ich freilich die Segel streichen! aber dem Krönchen vergess' ich nicht den Zweifel an meinem Herzen." –

Es fiel Orest nicht im Traume ein, sich anders mit seinen Cousinen zu beschäftigen, als in dieser munteren Weise. Die Orests bringen ihre Huldigungen entweder den verheirateten Frauen dar, oder sie begeben sich in eine Sphäre hinab, wohin man ihnen nicht folgen mag. Seiner erklärten Liebhaberei für die Bühnenwelt getreu, hatte er sich auch nicht damit begnügt, dem Syrenengesang der Prima Donna der italienischen Oper von der Loge aus sein Entzücken kund zu geben, sondern sich mit einem halben Dutzend seiner guten Freunde durch ein anderes halbes Dutzend ihr vorstellen lassen.

Einst begleitete er, wider seine Gewohnheit, den Grafen und dessen Damen in den Kristallpalast, um in einer für London frühen Stunde dessen Schätze mit einiger Musse betrachten zu können. Als sie sich nach langer Wanderung dem Platz der Spitzen näherten, welche für alle Damen eine gewisse magnetische Anziehungskraft hatten, standen zwei sehr elegante Damen bewundernd vor diesen köstlichen Geweben, und obgleich sie den Ankommenden den rücken zugewendet hatten, erkannte Orest sie dennoch und ging auf sie zu. Regina würde dies nicht weiter beachtet haben, wenn ihr nicht die stimme bekannt in's Ohr gefallen wäre, womit die eine Dame Orest's Verwunderungsausruf beantwortete:

"Wir sind hier noch zu grosse Neulinge, um Geschmack zu finden an dem Gedränge, welches die obligate Freudenerhöhung des Londoner Vergnügens ist."

Indem sie das sagte, wendete sie sich und ging weiter. Orest blieb ihr zur Seite und Regina flüsterte dem Grafen zu:

"Das ist die schöne Judit Miranes mit ihrer Mutter."

"Wie kommt denn die aus Brasilien her? und wie kommt Orest zu ihr?" sagte der Graf, der sie nicht bemerkt hatte.

"Sie war es und schöner denn je," setzte die Baronin Isabelle hinzu.

"Orest soll uns Auskunft geben," sagte der Graf.

Aber Orest kam nicht wieder. Man war daran gewöhnt und kehrte ohne ihn zurück. Als er sich gegen Abend zu einem verabredeten Spazierritt einstellte, rief ihm der Graf entgegen:

"Woher stammt denn Deine Bekanntschaft mit der schönen Dame im Kristallpalast?"

"Wo denn anders