er sich immer fest vornahm, es zu halten – so lange es eben möglich sei, versprach es froh. Es herrschte die grösste Eintracht unter den Brüdern, denn Hyazint war mit seinem Pflichtteil vollkommen zufrieden.
"Und er kann es auch sein!" sagte der Graf, "seine persönlichen Bedürfnisse sind unglaublich gering, und hat er sich ein paar Bücher angeschafft, so wandert sein Geld zu den Armen."
"Das meine auch, nur im grösseren Massstab," versicherte Orest.
"Das hätte ich Dir nicht zugetraut," sagte der Graf.
"Wie!" rief Orest, "sind Schuster, Schneider und Handschuhmacher, sind Traiteur, Cigarrenfabrikant und Pferdehändler, sind Teaterunternehmer und Kaffeewirt nicht auch arme Leute, die leben wollen? und muss man denn durchaus mit der Unterstützung warten, bis sie sämtlich zu Bettlern werden und dem Almosen verfallen? Treib' ich's nicht viel grandioser, indem ich sie vor der tiefsten Stufe bewahre?"
"Es ist merkwürdig," bemerkte Levin lächelnd, "welch blendende Scheingründe dem Weltsinn zu Gebote stehen."
"Onkelchen, Du tust mir himmelschreiendes Unrecht mit Deinen Scheingründen!" behauptete Orest. "Es ist ja sonnenklar, dass ich drei Fliegen mit einer Kappe schlage: ich unterstütze die Industrie, ich befördere die zivilisation, ich wehre dem Proletariat– und bewirke das alles, indem ich in der arbeitenden Klasse, welche zugleich die arme ist, Geld in Umlauf bringe. Bin ich da nicht ganz in der vernünftigen idee des Jahrhunderts – von der natürlich der Kommunismus auszunehmen ist?"
"Ja freilich, Du ächter Sohn Deines Jahrhunderts, Du bist in dessen idee!" sagte Levin und klopfte ihn freundlich auf die Achsel; "Viel der Bedürfnisse haben, soll – besonders wenn man sie prompt bezahlt, für Tugend gelten! Aber so wenig wie das eine Tugend ist, ebensowenig wird das allgemeine Wohl durch sie gefördert. Dein Cigarrenfabrikant mag ein Millionär werden, aber seine Arbeiter verkümmern in Armut und Elend an Leib und Seele, während er und Du, Ihr beide, Euch etwas darauf zu gut tut, in Euren Genüssen. Eurem Überfluss, Eurem Luxus zu schwelgen – weil Ihr Geld unter die Leute bringt. Glaubst Du wirklich, dass hierin Ähnlichkeit mit der christlichen Barmherzigkeit ist, die Hyazint übt, indem er seine Bedürfnisse auf das knappste Mass einschränkt – nicht um Deinen Cigarrenfabrikanten reicher zu machen, sondern um dessen dürftige Arbeiter zu unterstützen, die bei ihrem kargen Tagelohn halb verhungern und, wenn sie krank werden, ganz hilflos sind!"
"Nein, lieber Onkel, das glaube' ich keineswegs; aber es war anfangs auch gar nicht die Rede von christlicher Barmherzigkeit," antwortete Orest, der immer gleich nachgab, wenn ihm eine Sache zu ernst wurde. –
Der Graf schlug ihm vor, die Reise nach England mitzumachen und um Verlängerung seines Urlaubs zu bitten. Orest besann sich etwas. Er wusste nicht genau, ob die Reise auch gehörig unterhaltend ausfallen werde. Endlich sagte er zum Grafen:
"Ich will's nur gestehen, Papachen – ich fürchte, unser Reisegeschmack geht weit auseinander! was willst Du denn eigentlich in England sehen?"
"Alle Merk- und Sehenswürdigkeiten der drei Königreiche: natur und Kunst, Fabriken und Parks, Katedralen und Kottages, Kriegsschiffe, Kristallpalast und alle anderen Kuriositäten – ausgenommen die Gesellschaft in London, weil wir noch in Trauer sind und auch keine Neugier spüren, einen Schwarm von langlockigen Ladies und weisskravattierten Gentlemen beisammen zu sehen."
"Nun, das alles ist mir recht! aber ich muss einige Zusätze zu Deinem Register machen und mir meine freien Allküren für dieselben ausbedingen, und zwar zuerst Epsom, Askot, Tattersal."
"Nicht mehr wie billig! dabei bin ich auch."
"Dann – die Oper, überhaupt Teater."
"Ganz richtig! Etwas davon werde' auch ich in Augenschein nehmen. Aber die Mädchen sind nicht dazu zu bewegen, d.h. Regina nicht. Corona allein hätte vielleicht Lust dazu; aber ohne Regina tut sie es nicht und die geht nun einmal nicht in's Teater."
"Originell das! Die ganze elegante und gebildete Welt strömt ja in's Teater, kann ohne Loge so wenig existieren wie ohne Dach und Fach, hat nichts zu sprechen und nichts zu denken, wenn sie kein Schauspiel zu sehen hat! Ich spreche nicht von uns – denn das versteht sich von selbst; sondern auch von den Damen. Was sagt sie denn eigentlich dagegen – diese sonderbare Regina?"
"Sie sagt, alle Geistesmänner und Lehrer des inneren Lebens erklärten einstimmig den Teaterbesuch für gefährlich und verderblich, weil das Schauspiel gefährliche Leidenschaften mit allem Zauber der Kunst und allem Blendwerk der Phantasie ausstatte und darstelle."
"Da hat sie wahrhaftig ganz Recht! aber eben darin besteht der ungeheure Reiz der Bühne: sie idealisiert dermassen das Verbotene, dass es unwiderstehlich erscheint."
"Solche Behauptung würde Regina Sünde nennen, und umsomehr bei ihrer Weigerung beharren. Sie ist nun einmal aus ganz besonderem Stoff! Weil ein alter Erzbischof, der Johannes Chrysostomus hiess und vor fünfzehnhundert Jahren in Konstantinopel lebte, gesagt hat: das Schauspiel sei ein Überrest des entsittlichten Heidentums und wütende Schaulust verrate heidnische Gesinnung; so nimmt sie das auf, wie das Evangelium. Im grund hat sie Recht! Das Teater ist nichts für junge Mädchen – nicht einmal die sogenannten klassischen Stücke,