Augenblick so betroffen und im zweiten so gefasst über Julianens Testament, als der, den es am meisten anging: Orest. Er hatte sich von Kindheit auf daran gewöhnt, sich als den künftigen Herrn auf Stamberg zu betrachten; plötzlich war das vorbei! eine sehr unangenehme Überraschung allerdings; doch nicht heftig genug, um ihn aus seinem Gleichgewicht zu bringen. Mit der grössten Gemütsruhe beschloss er auf der Stelle, seinen Etat, den er im Hinblick auf die glänzende Erbschaft gemacht hatte, nicht im geringsten zu beschränken und Uriel dafür sorgen zu lassen, dass er denselben durchführen könne. Orest war ganz der Alte: der Ausdruck des genusssüchtigen Egoismus. Da aber kein Mensch unverrückbar auf einer und derselben Stelle in seiner Richtung stehen bleibt, sondern entweder mit starker Willensfreiheit aufwärts geht, oder sich von den Windstössen der Neigungen, der Leidenschaften, der Triebe beherrschen lässt und unter ihrem Einfluss mehr und mehr abwärts sinkt: so hatten sich denn auch in Orest die Grundzüge seines Charakters und seiner Richtung beträchtlich entfaltet und ihn nicht aufwärts geführt. Sein Losungswort hiess: Lebensgenuss, der ununterbrochen angeregt und ebenfalls ununterbrochen befriedigt werden musste. Wie er sich das Herz verwüstete und den Kopf verödete, wie alle höheren Fähigkeiten seiner Seele nach und nach aus Mangel an Nahrung absterben, aus Mangel an Übung verkommen mussten, das wurde er nicht gewahr, weil sein Leben sich eben auf der sinnlichen Oberfläche, nicht in der sittlichen Tiefe bewegte. In den lombardischen und ungarischen Feldzügen war er der bravste, unermüdlichste Soldat gewesen, immer munter, immer herzhaft, pünktlich im Dienst, tapfer in der Schlacht, kühn in der Gefahr. Er wurde auch sehr bald Rittmeister; seine Chefs hatten ihn gern, seine Mannschaft liebte ihn. Dies war Orests glänzende Seite. Das kriegerische Leben mit seiner Gefahr, seiner Mühseligkeit, seiner Anstrengung, seiner Beweglichkeit – war das Element, in welchem sich Orest mit Wonne bewegte; da fühlte er sich immer angeregt und immer beschäftigt; da konnte er entbehren und sogar grossmütig sein, für andere sorgen, denken, wachen, denn dies war eben die Richtung und die Gabe seiner natur. Aber über seine natürlichen Anlagen reichte seine gute Seite nicht hinaus. Da, wo jene aufhörten, hörten seine Vorzüge auf. Unter blutigen Wunden gegen den Feind kämpfen – mit Freuden! Kanonendonner, Waffengeklirr, Pulverdampf, wehende Fahnen, Hörnersignale, Trommelgerassel, das unnennbare betäubende Getöse der Schlacht versetzte ihn in eine Art von Jubelrausch. Aber die geringste Selbstüberwindung auf sittlichem Gebiete, der leiseste Kampf gegen die Laune und die Stimmung des Augenblickes – nein! das war zu viel! das durfte man ihm nicht zumuten!
Nach beendigten Feldzügen kam sein Regiment nach Mailand. Er war ausserordentlich mit dieser Garnison zufrieden: herrliche Oper, zahlreiches corps de ballet, die ganze lombardische Ebene, um ein paar Dutzend Pferde darauf tot zu jagen, und die Tiroler Alpen nahe genug, um im Sommer den Urlaub für die Gemsjagd zu benutzen. Was brauchte er mehr? – Geld vollauf – das verstand sich von selbst! daran hatte es Graf Damian bis jetzt nicht fehlen lassen – nur reichte es immer noch nicht für Orests allernotwendigste Bedürfnisse, wie er behauptete, aus. Machte Uriel jetzt die Zuschüsse, woran er keinen Augenblick zweifelte, so lag ihm nichts an dem Besitz des einsamen Schlosses im Odenwald; denn ein solcher Besitz zieht gewisse Verpflichtungen nach sich und Verpflichtungen setzen Schranken. Orest aber wollte keine anderen gelten lassen, als Barrieren – und diese nur, um beim Wettrennen oder auf der Steeple chase über sie hinwegzusetzen.
Er kam nach Windeck, um sich mit der neuen Ordnung der Dinge bekannt zu machen und um seine Verhältnisse durch Uriel regulieren zu lassen; nebenbei auch, um all' die Seinen einmal wiederzusehen, denn Uriel war auch dort eingetroffen, bevor er seinen Wohnsitz auf Stamberg nahm. Hätte Uriel die Aussicht gehabt, Regina als Herrin dort einzuführen, so wäre er sehr glücklich gewesen. Ihm sagte das Landleben mit seinen ruhigen Beschäftigungen und mit dem abgeschlossenen Kreise seiner Wirksamkeit zu. Der Reiz der Neuheit, den die grosse Welt für die Jugend hat, war ihm schnell entflohen, weil er mehr begehrte, als sie geben kann – vielleicht auch deshalb, weil seine Liebe für Regina ihn zu ausschliesslich einnahm, um ihn von anderer Seite dauernd befriedigende Eindrücke zukommen zu lassen. So lange es Krieg gab, war er gern Soldat gewesen; aber nicht, wie Orest, um Soldat zu sein, sondern um unter Oesterreichs Fahnen für Recht und Ehre gegen die Revolution zu kämpfen. In die diplomatische Laufbahn trat er, wie überhaupt seine Standesgenossen, um durch sie in die Gesellschaft eingeführt zu werden und in dem jugendlichen Wahn, Einblick und Einfluss in die Geschicke der Völker und Staaten zu erhalten; ein Wahn, der allerdings nur durch die Unerfahrenheit der Jugend erzeugt und entschuldigt werden kann, da in unseren Tagen, die freilich überall einen traurigen Mangel an Genie kund geben, kaum eines seltener ist, als das diplomatische Genie – und da die Depeschenschreiberei in's bureaukratische Fach gehört, von welchem die Gestaltung der grossen Weltverhältnisse nun einmal nicht ausgeht. Uriel war hierüber auch bereits so vollkommen im Klaren, dass er ganz gern seine diplomatische Karriere aufgab, als das Testament seiner Grossmutter ihm Erbe und herrschaft zuwendete. Orest's Wünschen entsprach er bereitwillig und grossmütig; nur bat er ihn, bei dem Festgesetzten zu bleiben, und Orest, dem ein Versprechen gar nichts kostete, weil