Grossvater, und er gab mir lachend zur Antwort: 'Ich wünsche nicht ein solches Coer-Ass als Grabstein zu haben.'"
Regina schwieg; aber heimlich stimmte sie dem Grossvater bei. Fünf Monate brachte sie auf Stamberg und im Krankenzimmer zu, ohne andere Erholung als die, jeden Sonntag Morgen zum Gottesdienst nach der nächsten katolischen Kirche zu fahren und sich dort durch den Empfang der heiligen Sakramente der Busse und des Altars zu stärken. Dann schied die Baronin vom Leben und verhauchte still ihre letzten Atemzüge in Reginas Armen. Hätte Regina nicht ihrem brechenden Auge das Kruzifix vorgehalten und nicht die Gebete der Sterbenden neben ihr gebetet: so würde niemand geahnt haben, dass dies das Sterbelager einer Christin sei.
Der Graf war in höchster Spannung wegen des Testamentes seiner Mutter und in grenzenloser Überraschung, als es geöffnet wurde. Es war in den letzten Monaten und zwar zu Gunsten Uriels gemacht. Warum Orest nicht Universalerbe – wie das früher ihre Absicht war; ob sie ein anderes Testament vernichtet hatte; ob sie ihr Vermögen Reginen zuwenden wollte und in der Voraussetzung, dass diese Uriel heiraten werde, es ihm vermachte; ob sie nur bis zuletzt zeigen wollte, sie sei unumschränkte Herrin ihres Vermögens: das alles blieben fragen ohne Antwort, und nur die Tatsache bestand: Uriel war Herr auf Stamberg.
Dies trug sich im Frühling zu, und im Sommer ging Graf Windeck mit seinen Töchtern nach England. Er fand Zerstreuung und veränderte Luft ganz notwendig für Regina. Der Anhauch von zarter Schwermut, der sich wie ein leichter Schleier über ihre Schönheit legte, erschien ihm als Kränklichkeit, als Nervenschwäche. Aber Regina sagte zu Levin:
"Lieber Onkel, ich bin nicht krank und fünf Wintermonate an einem teuren Kranken- und Sterbebett erschüttern meine Nerven nicht. Allein dies Leben und dies Scheiden vom Leben in tiefer Gottentfremdung, wie ich es bei meiner armen Grossmutter vor Augen hatte – sieh! das hat mir Herzweh gemacht."
Levin war immer bemüht, Regina in der Tugend der Heiligen, in der Demut, zu üben und lächelnd fragte er:
"Ah, Du hofftest wohl, Deine arme Grossmutter im Laufe einiger Monate für die katolische Wahrheit zu gewinnen? O mein liebes Kind, soll Dir so etwas gelingen, so lerne zuvor leiden. Wer Seelen retten will, vereinige sich mit Christus in seinem Martertum für die Seelen und teile mit ihm – wenn nicht die blutige Passion auf dem Kalvarienberge, so doch die stille Passion des Herzens am Oelberg. Du musst mystischerweise in Dein Herzblut Deine Gebete für Seelen eintauchen, wenn Gott sie erhören soll. Wie unaussprechlich haben die Heiligen, die grosse und zahlreiche Bekehrungen bewirkten, unausgesetzt gelitten! Ihre Liebe und ihre Vollkommenheit haben wir nicht; umso mehr wollen wir uns bemühen, ihnen im Leiden ähnlich zu werden. Du hast Herzweh um Deine arme Grossmutter? O Kind, das glaube' ich Dir! aber das Leiden darf kein Zustand – es muss eine Tugend sein, indem Liebe zum Leiden es zum Opfer macht und die Seele in ein tägliches Holocaust verwandelt."
Mit einem Ausbruch der tiefsten sehnsucht rief Regina:
"Ist es nicht auch vermessen, lieber Onkel, wenn ich beteure: das – gerade das, nur das begehre ich!"
"Nun, wenn Du das wirklich begehrst – das kannst Du haben, unter allen Verhältnissen und zu jeder Stunde," entgegnete Levin.
"Aber so recht doch erst unter dem strikten Gehorsam des Ordenslebens, das zu jeder Stunde den eigenen Willen, die eigenen Absichten, die eigenen Wünsche abtötet."
"Ich sage nicht Nein; aber ich sage: zur vollkommenen Hingebung an den Willen Gottes brauchst Du das Ordensleben nicht. Dieses übt die Hingebung auf einer höheren Stufe des inneren Lebens, weil es nach den evangelischen Räten geordnet ist. Übe Du Dich einstweilen in der Hingebung Deines Willens, die auf den Geboten Gottes ruht; dann machst Du Dich vielleicht der Gnade würdig, jene höhere Stufe betreten zu dürfen." –
Auch ihn hatte Julianens Tod sehr ergriffen. Sie war seine Zeitgenossin, wenig älter als er; viele Jahre – und vielleicht die schmerzlichsten seines Lebens, hatte er neben ihr auf Windeck verlebt und tief die Lähmung empfunden, die von ihr ausging und auf der höheren Entwicklung ihres Mannes und ihrer Söhne lastete. Aber immer hatte er es als seine Schuld, als ein Zeichen seiner Unvollkommenheit betrachtet, dass das wundervolle Licht des katolischen Glaubens, mit dem Juliane in so häufige Berührung kam, ihr dennoch verschleiert blieb. Er wendete auf sich selbst an, was der heilige Karl Borromäus einst zu seinen Provinzialbischöfen auf einer Synode sagte: "Möchte das göttliche Licht, das in dem Herzen der Bischöfe leuchtet, nie verdunkelt werden von der Finsternis ihrer sündigen natur." Das gilt für uns alle, dachte er bei sich selbst; das göttliche Licht und die göttliche Liebe sind ja immer bereit, unser Herz zu entzünden; doch jenes stirbt in der Finsternis – und diese in der Kälte unserer sündigen natur – und da Juliane sie nicht in mir, dem Priester, aufstrahlen sieht, so müssen sie ihr freilich verborgen bleiben. Alles wurde ihm ein willkommener Anlass, um sich zu verdemütigen. Nun war sie tot, die arme Juliane! nun war sie eingetreten in d i e Welt, die von der ewigen Wahrheit schleierlos durchleuchtet wird! War diese ihr aufgegangen als ein sengender Blitzstrahl oder als eine überirdische Sonne? – –
Niemand war im ersten