ganzen Familie. Der Graf adorierte sie, als sie sich so schön und anmutig entwickelte. In Regina war ein Etwas, das ihm unwillkürlich einen gewissen Respekt einflösste, über den er sich im Stillen ärgerte. Überdies gab es Punkte, von denen sie, trotz aller Unterwürfigkeit, nicht abging; sie hatte nicht Coronas unbedingte Fügsamkeit.
Orest war im Kriegsdienst geblieben. Uriel hatte denselben nach Beendigung des lombardischen Krieges verlassen und war wieder in die diplomatische Laufbahn getreten, aber nicht nach Frankfurt zurückgekehrt. Die furchtbaren Ereignisse der Zeit, die bitteren Erfahrungen, an denen sie so überreich war, die krieges- und Schlachtenbilder, angeschaut in nächster Nähe und in voller Herbe – die auch den glorreichsten Siegen nicht fehlt; die Ungewissheit des eigenen Daseins und der eigenen Zukunft: alles stimmte ihn ernst, und er nahm sich vor, seine Tage nicht in träumerischer anhänglichkeit an Liebesgedanken zu verschwenden, durch welche Regina nun einmal nicht zu gewinnen sei. Er war eine Zeit lang in London, dann in Wien, dann in Florenz. Dazwischen kam er aber immer wieder nach dem lieben heimatlichen Windeck, und wie bunt, bewegt und regsam sich auch die Welt mit ihren blendenden Farben, bestechenden Erscheinungen, interessanten fragen und gewichtigen Tatsachen vor ihm entfalten und ihn zur Teilnahme auffordern mochte: Eines war gewiss – sein Herz blieb an Regina gefesselt, seine ganze Zukunft hatte nur insofern Reiz für ihn, als er hoffte, sie mit Regina zu teilen, und so oft er sie wiedersah, umso fester stand es in ihm, dass er ihresgleichen nicht in der Welt gefunden habe. Aber er schwieg und bat auch den Grafen zu schweigen, der jedesmal, wenn Uriel kam, Regina mit Vorstellungen zu bestürmen dachte, um sie zu einer günstigen Entscheidung hinzudrängen. Regina wusste ihm innigen Dank für diese Schonung, allein ihr Herz lag auf der Folter durch die Peinlichkeit dieses Verhältnisses. Sie wechselten in drei Jahren kein Wort, welches darauf Bezug hatte. Da – kurz vor Uriels Abreise von Windeck, als er zufällig allein mit ihr auf der Terrasse auf- und niederging – da blieb sie stehen, sah ihn sanft und ernst an und sagte mit ihrem innigen Sprachton:
"Uriel, Du kennst mich! Du kannst Dich verlassen auf mein Wort und Du weisst es. Nun wohlan, lieber Uriel: Warte nicht!"
"O Regina," entgegnete Uriel ebenso sanft und ebenso bestimmt als sie, "von den festgesetzten zehn Jahren ist noch nicht die Hälfte verflossen und Du wirst schon ungeduldig, während ich geduldig warte! Wir sind noch lange nicht bei der letzten Entscheidung!"
Mit einem Ausdruck von unaussprechlichem Schmerz schloss Regina eine kleine Weile ihre Augen, als wolle sie vor Uriel verschleiern, wie weh er ihr tue; dann sagte sie gefasst:
"Gottes Wille geschehe."
"Ist er Dir noch immer nicht klar?" fragte er.
"Mir – vollommen; aber leider nicht Dir," sagte sie und setzte rasch hinzu mit einem schmerzlichen Lächeln: "Wie traurig, dass wir beide solche eigensinnige Köpfe haben, und wie gut Gott ist, sie gründlich zu brechen."
Uriel war nicht so lebhaft von dieser Güte Gottes durchdrungen. Die Hauptabsicht Gottes in der Lenkung der Schicksale: die Erziehung des Menschen für das ewige Leben, entschwand sehr oft seinem inneren Auge. Für Regina war sie immer ganz klar, wie die Feuersäule, welche dem nächtlichen zug der Kinder Israels durch die Wüste vorleuchtete. –
Baron Stamberg war früher aus diesem Leben abgerufen, als seine Frau. Während sie sich von ihrem Schlaganfall erholte, begann er zu kränkeln, und vermochte sich nicht aufzureissen aus seinem Kummer über die verlorenen Jagdrechte. Die Tiefe der Ungerechtigkeit, welche einer solchen Massregel zum grund lag, war es nicht, die ihn so heftig erschütterte, nur sein persönlicher Verlust. Er hatte sich während seines Lebens nie über die niedrigste Stufe der Selbstsucht erhoben und so starb er auch auf ihr. Die Baronin, immer kalten Herzens – und noch kälter durch das höhere Alter das nur dem himmelwärts gewendeten Sinn himmlische Innigkeit verleiht, aber die irdische absterben lässt – war höchst gefasst bei diesem Ereignis und blieb nur ihrer alten Gewohnheit treu, sich als eine Verfolgte des Schicksals zu betrachten und zu beklagen. Indessen kam doch auch an sie die Mahnung, dass jedes Leben zu Ende gehe. Sie erkrankte an einem abzehrenden Leiden. Nun war Regina nicht länger zu halten. Sie bat ihren Vater so flehentlich und so wiederholt, die Pflege der Grossmama übernehmen zu dürfen und stellte es ihm als eine so heilige Pflicht vor, dass er endlich einwilligen und sie nach Stamberg bringen musste. Zum Glück konnte Corona jetzt vollkommen ihren Platz in Windeck ausfüllen, am Piano, am Billard, am Teetisch, bei dem Spazierritt; sonst hätte der Graf schwerlich dies Opfer gebracht. Was es Regina koste, sich von der lieben Kapelle zu trennen und am einsamen Krankenbett auf alle Tröstungen zu verzichten, die für die gläubige Seele aus der Nähe des Sanktissimums strömen – das ahnte der gute Graf freilich nicht. Er sagte zu Levin:
"Es ist merkwürdig, was das Mädchen für eine Passion hat, sich zu opfern! Was ihr schwer wird – gerade das sucht sie sich aus! Ich bezweifle sehr, dass die gute Mama ihr diesen Liebesbeweis danken wird."
"Ich auch," entgegnete Levin, "aber desto besser ist's für Regina. Es gibt noch immer Seelen hienieden