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man wilde Bestien gegen sie los und folterte sie mit Feuer und Eisen. Allein dies Bemühen ging von Heiden aus und die Antwort, welche die Christen darauf gaben, war der Martertod von Millionen und die Bekehrung von Millionen aus dem Heidentum zum Christentum. Jetzt aber findet den Bemühungen getaufter Heiden gegenüber, die so gefährlich sind, weil sie nicht direkt den Abfall vom Glauben, sondern nur von höherer Erkenntnis, wissenschaftlicher Forschung, Licht der Aufklärung etc. predigenkeine massenhafte Bekehrung zum wahren Glauben statt: folglich ist es unmöglich, dass die kreischenden Dissonanzen schnell gelöst werden. Sie behalten im Gegenteil die Oberhand und werden vermutlich noch lauter aufheulen." –

Ein Jahr vorher hätte der Graf gewiss geantwortet: politische Revolutionen hätten nicht das mindeste mit dem religiösen Glauben oder Unglauben zu tun; aber jetzt war ihm doch ein gewisser Zusammenhang derselben nicht unwahrscheinlich und er begnügte sich mit der Äusserung:

"Die Soldaten müssten nur mit gehöriger Energie auf sämtliche Demokraten-, Republikaner-, Carbonari-, Sozialisten-, Freimaurer- und sonstige Nester losgehen: dann würde es schon besser werden."

"Äusserlich vielleicht," sagte Levin, "aber jene armen Menschen würden schwerlich dadurch gebessert!"

"Nun bedauern Sie die noch gar, bester Onkel!" rief der Graf empört.

"Ich auch!" sagten Ernest und Regina aus einem mund.

"Das ist unerhört!" rief der Graf. "Nein! ich hasse sie gründlich."

"O lieber Vater!" rief Regina, "auch sie sind als Ebenbild Gottes geschaffen und machen sich zu seinen Feinden! Kann es etwas Erbarmenswerteres geben? und wer weiss denn, ob ihr Irrtum nicht grösser ist, als ihre Bosheit."

"Das muss man hoffen!" sagte Levin. "Der Irrtum, dem nie das wahre Licht geleuchtet hat, dem nie die katolische Wahrheit aufgegangen istist unaussprechlich zu beklagen. Von ihm heisst es in der Tat: er weiss nicht, was er tut. Der freiwillige, absichtliche Irrtum hingegen, der 'das Licht hasst, weil seine Werke böse sind' – wie es in heiliger Schrift heisstder steht in engster Wechselwirkung mit der Sünde und beide bedingen und verstärken einander. Sünde befleckt das Herz, und die Nebel, welche aus einem solchen Herzen aufsteigen, beflecken die Intelligenz und berauben sie tiefer Einsicht und reiner Erkenntnis. Nicht umsonst hat der göttliche Heiland gesagt: 'Die reinen Herzen werden Gott schauen.' Je mehr das Menschenherz in Sünden vergraben ist, desto weniger Erkenntnis hat es von göttlichen Dingen, desto weniger Liebe spürt es für Göttliches. Dadurch gerät es allmälig in eine, seiner Bestimmung genau widersprechende Richtung: in die Feindschaft Gottes. Der Verlust der heiligmachenden Gnade beraubt es des übernatürlichen Lebens. Gibt es ein grösseres Elend als dieses: der Seele nach eine galvanisierte Leiche zu sein, die sich regt und bewegt, von äusserem Impuls getrieben, aber ohne den Lebenshauch, den sie von Gott empfing? Wem würde nicht ein solcher Zustand zu Herzen gehen? Und ihn nimmt das Auge des Glaubens in denjenigen wahr, welche ihre Lust an der absichtlichen Empörung gegen Gott finden."

"Ich betrachte sie aber schlecht und recht mit meinem Sinnenauge," entgegnete der Graf, "und nehme wahr, dass die Lust an Empörung gegen Recht und Gesetz nicht die revolutionären Herren, wohl aber uns in's Elend stürzt, in's wirkliche, materielle und reelle Elend; also bitte ich, nicht zu verschwenderisch mit dem Bedauern für unsere Widersacher zu sein, die sich ohnehin ungeheuer lustig über Euch alle machen würden, wenn sie Euer zartes Mitleid ahnten. Wir können sämtlich durch sie an den Bettelstab gebracht werden, so gut wie der Herr Miranes, von dem es im vorigen Winter hiess, er habe so und so viele Millionen."

"Die schöne Judit an den Bettelstab? ... das kann ich mir gar nicht vorstellen!" rief Regina.

"Seit jenem Abend, da sie die Peri darstellte," sagte Ernest, "hab' ich sie nur noch einmal gesehen, zur gewöhnlichen Unterrichtsstunde. Da war sie ganz unverändert und sprach von den Zuständen in Paris so gleichgiltig, wie vom Wetter. Zwei Tage darauf schickte sie mir ein Gemälde und andere Sachen, die sie von mir hatte; auch mein rückständiges Honorar und schrieb mir dazu in zwei Zeilen, sie verreise mit ihrer Mutter auf längere Zeit. Als ich zu ihr eilte, um von ihr Abschied zu nehmen, war sie fort, verschwunden, Einige sagten nach Brasilien. Bald darauf brach denn auch für Herrn Miranes eine gründliche Katastrophe ein; aber die allgemeinen Weltverhältnisse verschlangen alle Teilnahme. Man sprach kaum von ihm! Einmal hörte ich, er sei tiefsinnig geworden."

"Wie traurig!" sagte die immer mitleidige Regina.

"Kind!" rief der Graf unmutig, "bedenke das Schicksal, welches das Haus Habsburg traf, und wimmere nicht um das Haus Miranes!"

"Revolution!" sagte Ernest gelassen.

Im Kristallpalast

Im Sommer des Jahres 1851 machte Europa eine Wallfahrt zum Tempel der Göttin, die sich mit einer bis dahin unerhörten Geschmeidigkeit, Tätigkeit und Umsicht des ganzen Räderwerkes der revolutionsmüden Welt bemächtigte: der Göttin Industrie. Eine Ausstellung ihrer Erzeugnisse, auf dem ganzen civilisierten Erdball eingesammelt, fand in London statt, in dem eigens dazu erbauten Lokal, das sich unter den herrlichen Eichen und auf der grünen Wiesenflur