zum 6. Juli drang der General Radet mit Gewalt in den päpstlichen Palast und entführte den heiligen Vater samt dem Kardinal Pacca, dessen Simon von Cyrene, aus Rom und Italien. An diesem nämlichen 6. Juli besiegte Napoleon in der Schlacht von Wagram Österreich. Mehr denn je war Europa geknechtet, und hohnlachend des Bannes schrieb Napoleon spöttelnd an den Vizekönig von Italien, seinen Stiefsohn: 'Croitil que ses excommunications feront tomber les armes des mains de mes soldats?'5 Nun, der Tag liess nicht lange auf sich warten, wo der ewige Gott die Bulle seines irdischen Stellvertreters ratificierte! Zwei Jahre darauf, im russischen Feldzug, geschah buchstäblich das, was Napoleon im blinden Wahn seiner Omnipotenz für unmöglich hielt: die Waffen fielen aus den erfrorenen Händen der französischen Soldaten und der Rückzug aus Russland war eine der furchtbarsten Niederlagen einer Armee, welche die Weltgeschichte aufzuweisen hat. Mit ihr begann die Sonnenwende des Napoleonischen Glückes und sie war eine Tat Gottes – nicht menschlicher Weisheit und Kraft. Könnte der Felsen Petri pulverisiert werden, wie der Hass der Hölle es seit achtzehn Jahrhunderten begehrt und versucht: so wäre es längst geschehen. Statt dessen werden ihre Sendlinge pulverisiert. Die Dynastie des armen Fischers ist unsterblich! Unser heiliger Vater gehört ihr an. Man kann i h n zu tod quälen, aber s i e lebt fort."
"Ist auch über ihn eine Prophezeihung gespro
chen?" fragte Corona.
"Ja wohl!" entgegnete Ernest. "Das Wort der
Weissagung über ihn heisst: Crux de Cruce. Gewiss eine grossartige, gewichtige Verheissung 'Kreuz vom Kreuze,' die ein Übermass der Leiden andeutet."
"Wer hat denn das alles prophezeit?" fragte sie.
"Ein Bischof Malachias zu Armagh in Irland," erwiderte er.
"Welche Rätsel gehen durch die Welt," sagte Regina, "gleichsam Dissonanzen, welche erst spät ihre Auflösung finden, und doch so gross und mächtig in der Harmonie mitwirken."
"Ich würde wünschen, dass sich die Dissonanzen der Gegenwart möglichst bald lösten," sagte der Graf. "Dies ohrzerreissende Freiheitsgeheul kann nimmermehr zur Weltarmonie mitwirken."
"Doch!" sagte Ernest; "nur nicht für die Gegenwart! Es ist aber geringe Hoffnung vorhanden, dass sich Ihr Wunsch, Herr Graf, erfülle."
"Sie sind ja ein wahrer Unglücksprophet, Herr Ernest!" rief die Baronin Isabelle. "Ist denn auch über unsere Zeit, wie über die Päpste, eine traurige Weissagung gesprochen?"
"Nicht dass ich wüsste," entgegnete Ernest gleichmütig. "Allein es geht ein grässlicher Zug durch die Zeit, den jeder wahrnehmen kann, der Augen hat: sie neigt sich massenhaft der Tiefe zu und diese massen haben ihre dämonische Freude daran, dass dem so ist. Es gab Epochen in der Weltgeschichte, die wilder und ungeordneter waren, als die Jetztzeit, in denen sich mehr Gewalttat, Roheit, brutale Sinnlichkeit, und auch massenhaft, zeigten."
"Nun, das ist beruhigend," unterbrach ihn die Baronin, "denn Sie geben damit zu, dass es schlimmere zeiten gab."
"Der Nachsatz folgt!" erwiderte Ernest. "Aber in jenen Epochen sittenloser Verwilderung, die zu mannigfachen Gräueln führte, fehlte die charakteristische Signatur der Jetztzeit: heuchlerische Schöntuerei mit Bildung, Fortschritt, Geist, welche den furchtbaren Abfall von Gott und vom Christentum als einen Riesenschritt aufwärts anpreist und hinter jenen drei Worten den Kultus des Materialismus verschleiert. Viel lesen und viel schreiben – ist Geist; viel Eisenbahnen und Börsenspekulationen haben – ist Fortschritt; viele Opern und Ballets angaffen und im raffiniertesten Luxus den Nerv der Seele abstumpfen und das Gehirn schwächen – ist Bildung; und diese drei Zauberworte sollen weiter nichts bezwecken, als dem Menschen einen möglichst hohen Lebensgenuss zu verschaffen, der durch die alte fixe idee der christlichen Menschheit von Gott – bis jetzt beeinträchtigt wird. In anderen schlimmen zeiten vergass man nicht sowohl Gott, als vielmehr seine Gebote und im Sturm tobender Leidenschaften kümmerte man sich nicht um ihn. Die Sinne sündigten im Taumel; nicht der Geist mit Überlegung. Roher waren die Frevel – vielleicht! gewiss nicht so niederträchtig. Das hämische Bemühen, den ewigen Gott vom Tron der heiligen Dreifaltigkeit herabzureissen, die Weltordnung von seiner Allmacht abzulösen, die Menschheit von seiner Gnade und Liebe hinweg zu drängen, an die Stelle des menschgewordenen Gottes den Wechselbalg eines Gottes zu bringen, der in jedem einzelnen Menschen zum Bewusstsein kommt, in der Gattung Mensch – den Zwillingsbruder der Gattung Affe zu sehen, der sich von dieser nur durch sein grösseres Gehirn unterscheidet: und dies Bemühen auszuführen, kaltblütig, hohnlächelnd, Brill' auf der Nase, Bein' unter dem Schreibtisch, in zahllosen Werken, Schriften, Vorträgen, Vorlesungen, die sündflutartig aus allen Weltgegenden, in allen Sprachen, in gebundener und ungebundener Rede, gedruckt und gesprochen, eindringen und einbrechen und – auf die die Sympatien der niederen Instinkte in der Menschheit pochend – frech behaupten, dies und nur dies sei ächte und rechte Wahrheit: diese massenhafte Lüge ist die Signatur unserer Zeit. Im alten, heidnischen, absterbenden Römerreiche gab sich ein ähnliches Bemühen kund, den Gott der Christen aus den Seelen der Gläubigen zu reissen, und schon damals hiess es, das Christentum verdumme die Leute und mache sie gleichgiltig gegen Philosophie, Wissenschaft, heiteren Genuss des Daseins und andere hohe Dinge mehr – und um sie aus ihrer Gleichgiltigkeit aufzuwecken, liess