zur heutigen Stunde haben dem sichtbaren Oberhaupt der heiligen Kirche Schmach und Geisselung, Dornenkranz, Kreuzigung und Herzenswunde so wenig gefehlt, als einst dem Gottessohn selbst. Hörte die eine Art von Martertum auf, so brach die andere an: heidnische Verfolgung, Heimsuchung durch Barbaren, deutschrömische Kaiser, französische Könige, die furchtbarsten wildesten inneren Faktionen voll republikanischer Gelüste und Adelstyrannei, Schisma und Häresie haben sich seit achtzehn Jahrhunderten über und gegen Rom gewälzt und dem Stellvertreter Christi seinen reichlichen Anteil am bitteren Leiden des Herrn gebracht; denn in der Siebenhügelstadt liegt mystischer Weise auch der Hügel Golgata; ja, er ist recht eigentlich das Fundament des Vatikans – und das haben die Stellvertreter Christi in so vollem Umfang begriffen, dass es dem bittersten Hass und der feindlichsten Scheelsucht nicht möglich ist, mehr als fünf oder sechs Päpste ausfindig zu machen, welche die Nachfolge Christi n i c h t angetreten hätten – also einer etwa in dreihundert Jahren, bei dem der natürliche Mensch den übernatürlichen besiegte! Welche lange, lange, wunderbare Reihe von Heiligen, und wie selten wird sie unterbrochen durch einen armen Sünder!"
"Man bekommt eine Art von Grauen vor der Heiligkeit," nahm der Graf das Wort, "wenn man sie immer und immerfort in einer Sündflut von Leiden und Bitterkeiten gewahr wird."
"O lieber Vater, sind das aber die Bedingungen zur Heiligkeit, wie gern müssen wir sie annehmen!" rief Regina – und Levin sagte:
"Das Auge des Glaubens nimmt die Dinge anders wahr, als das sinnliche und vom Irdischen befangene Auge. Leiden machen gottähnlich – sagt der fromme Heinrich Suso. Gottähnlich zu werden, das Ebenbild Gottes in der Seele herzustellen, ist die Aufgabe jedes Christen und ist das ersehnte und angestrebte Ziel jedes Gläubigen. Was ihm dazu behilflich ist, heisst er willkommen. Nichts adelt die Seele mehr, als ein mit frommer Ergebung und edler Geduld getragenes Leiden. Das gibt ihr die Stigmata der Kreuzigung und auf ihnen ruht das Auge Gottes mit ewiger Liebe. Wer sie trägt, ist Gott wohlgefällig, denn er ist Christus ähnlich – und in dieser Liebesverbindung mit Gott führt der gläubigleidende Mensch schon hienieden mitten in seiner Trübsal ein seliges Leben, weil der Friede der Seligen in ihm ist."
Ernest sah ihn an, während er so sprach, und dachte, dass auf diesem zarten durchschmerzten Antlitz die Stigmata des Kreuzes nicht fehlten – aber auch nicht die balsamischen Tröstungen der Kreuzesliebe. Er sagte:
"Kein Tron der Welt ist von so verschiedenen Seiten und so zu allen zeiten von Stürmen umbraust worden, als der Stuhl des heiligen Petrus. Der liebe Gott lässt das zu, um zu zeigen, dass Er ihn halte. Päpste in der Verbannung durch – und auf der Flucht vor Faktionen, Päpste in der Gefangenschaft – sind ganz häufige Erscheinungen in der geschichte, und nicht selten traf die ausgezeichnetsten das los. Leo III. floh vor häretischen Aufrührern nach Paderborn zu Karl dem Grossen. Gregor VII. starb in der Fremde zu Salerno, von einem Gegenpapst, den ein deutscher Kaiser wählte und stützte, aus Rom verdrängt. Bonifatius VIII. starb an den Misshandlungen, welche König Philipp der Schöne von Frankreich, in Verbindung mit einer Partei des römischen Adels, ihm zufügte. Dann gerieten die Päpste während siebenzig Jahren unter die königlichen französischen Kerkermeister, welche die Faktionen in Rom auszubeuten verstanden – und lebten im babylonischen Exil zu Avignon. Später liess Kaiser Karl V. Papst Klemens VII. in Rom belagern. Unsere Tage haben Pius VI. von französischen Republikanern, die Rom als Republik proklamierten – gefangen nach Frankreich schleppen und in der Gefangenschaft zu Valence umkommen sehen. Und wie das vorige Jahrhundert schloss, so begann das jetzige! Napoleon Bonaparte vereinigte den Kirchenstaat mit Frankreich und hielt während der letzten fünf Jahre seiner Zwingherrschaft Papst Pius VII. in der Gefangenschaft zu Savona und zu Fontainebleau. Dann wanderte er nach St. Helena und starb auf der Felseninsel im tropischen Meere – und Pius VII., der gottselige unüberwindliche Greis, kehrte nach Rom zurück und beschloss auf dem stuhl Petri sein heiliges, vielgeprüftes Leben. Die Signatur, unter welcher, nach jener uralten Prophezeiung, sein Leben stand, hat sich bewährt; sie hiess Aquila rapax 'der raubgierige Adler'. Aber die Taube hat den Adler besiegt."
"Ja, in Wahrheit besiegt!" rief Levin. "Und viel mehr, als man geneigt ist, ihm zuzugestehen, zwischen den politischen und kriegerischen Ereignissen, die den korsikanischen Diktator stürzten. Ich erinnere mich lebhaft des ungeheuren Entusiasmus, der in den katolischen Herzen aufflammte, als Pius VII. auf das berüchtigte napoleonische Dekret, das im Jahre 1809 den Kirchenstaat mit dem französischen Reich vereinigte und den Papst mit einer Rente von zwei Millionen Francs pensionierte – durch die Exkommunikationsbulle antwortete. Alle Monarchen Europas litten Vergewaltigung durch jene Gottesgeissel; die einen zitterten vor ihm und die anderen schlossen Freundschaft mit ihm, und die zertretenen Völker zähneknirrschten in Blut und in Tränen gebadet. Europa erseufzte und erlahmte unter dem Alp, ohne ihn abzuschütteln. Da schleudert der machtlose, von französischen Soldaten in seiner eigenen Residenz umgebene und der Tat nach gefangene Greis die Exkommunikation über alle, welche Gewalttat im Kirchenstaat ausüben, und lässt die Bulle am hellen Tage, angesichts der französischen Truppen, an den drei Hauptkirchen Roms anheften. Der Blitz vom Vatikan hatte zu gut getroffen, als dass Napoleon ihn, ohne Rache zu nehmen, verschmerzt hätte. In der Nacht