tat Levin sehr gern. Er fragte seine stolze Schwägerin ganz einfach und freundlich, ob sie damit einverstanden sei, dass er als Hauskaplan auf Windeck bleibe. Er legte Nachdruck auf den Hauskaplan; denn das war eben die Stellung, die er im haus seiner Väter zu haben wünschte. Juliane kannte ihn kaum, hatte nie die mindeste Teilnahme für den bescheidenen, schweigsamen Schwager verspürt, der gegen jedermann so gleichmässig freundlich war. Sie antwortete äusserst gleichgiltig:
"Ach ja, recht gern! Warum sollte ich nicht!"
Levin aber ging in seine geliebte Kapelle und dankte Gott aus der Fülle seines Herzens. Wenn er nicht auf Windeck geblieben wäre, so hätte vermutlich die Feier der heiligsten Geheimnisse dort aufgehört; denn in Mattias lag das religiöse Bedürfnis brach und Juliane war protestantisch. Er hatte den Gnadentau vergessen, den das heilige Messopfer im Blute Jesu ausströmt – und sie hatte nie etwas davon gehört. Levin hoffte, dass dieser Urquell des Heiles den beiden Kindern seines Bruders zu gute kommen werde.
Es war die Zeit der französischen Kriege, als Deutschland sich entschloss, die fremde Zwingherrschaft abzuschütteln. Der Schlachtruf fiel belebend in die untätige, marklose Existenz des Grafen Mattias. Als die Männer und Jünglinge sich zum Kampfe scharten, sagte er:
"Ich gehe auch mit!" – und sagte es mit einer solchen Entschiedenheit, dass Juliane, die schon den Mund zum Widerspruch geöfnet hatte, zum erstenmale ihrem mann gegenüber verstummte. Mattias ordnete seine Geschäfte und Angelegenheiten, bestimmte im Fall seines Todes Levin zum Mitvormund seiner beiden Söhne, nahm Abschied von den Seinen und rüstete sich zur Abreise. Da sagte Levin:
"Jetzt bitte ich Dich, lieber Mattias, mache noch einen Abschiedsbesuch mit mir."
"Sehr gern," sagte Mattias; "aber bei wem denn? Ich glaube, bei sämtlicher Verwandtschaft und Freundschaft gewesen zu sein."
Schweigend deutete Levin nach Kloster Engelberg hinüber.
"Ja!" rief Mattias, "komm' zur Gruft."
Während sie über den Main fuhren, sagte Levin innig:
"Mattias! alles Zeitliche hast Du wohl besorgt für einen möglichen Fall. Wie steht es aber mit dem Ewigen?"
"Mit dem Ewigen?" wiederholte Mattias langsam. "Schlecht, Levin! ich fürchte, sehr schlecht."
"Wer das fürchtet, mit dem steht es keinesweges schlecht," entgegnete Levin liebevoll.
Mattias wurde ernst und nachdenkend und sagte nach einiger Zeit:
"Ich wäre ein grosser Tor, wenn ich das irdische Haus, das ich vielleicht auf immer verlasse, bestellt, und nicht daran gedacht hätte, mir die Anwartschaft auf das himmlische zu eröffnen! Pater Seraphin soll mir helfen, die Rechnung in Ordnung zu dringen, die ich dem lieben Gott abzulegen habe. Ich danke Dir, Levin, dass Du mich daran erinnert hast. Ich behaupte ja immer, Du seiest unser Beter! Vater und Mutter hast Du in ein seliges Sterbestündlein hinein gebetet; ich hoffe, Du tust es auch für mich."
Levin drückte ihm schweigend die Hand und blieb vor dem Gnadenbilde der Mutter Gottes in dem Kirchlein von Kloster Engelberg, betend für die Abgeschiedenen und für die Lebenden, während Mattias mit Pater Seraphin seine Rechnung machte – wie er es nannte. Als sich die Brüder später zur Heimkehr zusammenfanden, hatte Mattias rotgeweinte Augen und er sagte zu Levin:
"Versprich mir Eines! versprich mir dafür zu sorgen, dass die Buben eine katolische Erziehung und katolische Frauen bekommen – für den Fall meines Todes. Als Vormund ist das ja ohnehin Deine Pflicht."
"Ich fürchte, Juliane wird sie mir schwer, vielleicht unausführbar machen. Was in meinen Kräften liegt, werde' ich tun. Das brauche ich Dir nicht zu versprechen."
"Hätte ich doch Juliane ganz von der Vormundschaft ausgeschlossen! aber .... das war nicht wohl möglich; sie ist und bleibt die Mutter! .... die reiche Mutter."
Levin schwieg. Er kannte diese kleinen nachdruckslosen Emancipationsgelüste vom Weiberregiment bei Mattias. Als sie ins Schloss zurückkamen, empfing Juliane sie missmutig und sagte:
"Wie kann man sich denn aber so lange in der feuchten Gruft aufhalten! Du wirst gewiss den Schnupfen bekommen, Mattias. Du hast ihn schon! .... ich sehe es Deinen Augen an."
"Wer sich vor den Kugeln nicht fürchtet, darf sich auch nicht vor dem Schnupfen fürchten," entgegnete Mattias mit grossem Gleichmut. Er hatte geweint – die Tränen geweint, die aus den Tiefen des Gemütes aufquellen; und Juliane sprach von seinem Schnupfen; ein solches Verständnis herrschte in dieser Ehe!
Graf Mattias zog aus – und kam nicht wieder. Er blieb in der Schlacht von Waterloo. Juliane weinte anstandshalber ein paar Tränen und sorgte mit grosser Aufmerksamkeit dafür, dass die verschiedenen Grade der Trauer in ihrer eigenen Kleidung und der ihrer Söhne und ihrer Dienerschaft während des Trauerjahres pünktlich beobachtet wurden. Sie brachte dies ganze Jahr auf Windeck zu, weil es sich so schickte. Sie beschäftigte sich mit Lektüre und Handarbeit; hauptsächlich aber mit der Verwaltung des Vermögens. Das verstand sie aus dem grund; hatte auch nie ihrem verstorbenen Mann gestattet, sich darein zu mischen. Beide hatten die Übereinkunft getroffen, dass Damian, der älteste Sohn, das ganze Windeck'sche Vermögen, und Gratian, der nachgeborene, das mütterliche erhalte, welches sie als eine Stamberg'sche Erbtochter besass. Diesen grossen Reichtum