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warst Du denn?" fragte Regina. "Ich schloss Dich ja in der Kapelle ein." "Aber ich lief über die kleine Treppe durch Dein Zimmer zu Brigitte. Da löschten wir das Licht aus und übersahen den ganzen Hof!" rief sie eifrig. "Ja," sagte Ernest trocken, "das Komtesschen war neugierig! sonst hätte es wohl zum würdigen Herrn kommen und mich ablösen können! und dann wär' ich zu Gräfin Regina gegangen." "Ich dachte, Tante Isabelle wolle Sie ablösen, Herr Ernest," erwiderte Corona kleinlaut. "Ach, die arme Tante!" rief Regina mitleidig. "Ich muss sie holen, damit sie uns alle beisammen sieht und zur Ruhe kommt." Sie eilte hinab. Ernest sagte zu Corona: "Komtesschen! Ihre Schwester ist ein goldenes Herz." "Und will in's Kloster!" platzte Corona heraus. "Ah! will sie das!" rief Ernest freudestrahlend. "Das sieht ihr ähnlich! da hat sie recht." "Aber Papa will es nicht und wir alle wünschen es auch nicht," entgegnete Corona; "und so wird wohl nichts daraus werden."

"Es wird das geschehen, was Gott will!" erwiderte Ernest, und Levin setzte hinzu:

"Amen."

Die Baronin erschien, ganz erschöpft auf Reginas Arm gelehnt, und liess sich von ihr Zuckerwasser à la fleur d'orange bereiten.

"Willst Du nicht auch etwas nehmen, Kind?" fragte sie. "Bist Du nicht ungeheuer alteriert?"

"Gar nicht, liebe Tante!" entgegnete Regina munter. "Ich habe starke Nerven! – Aber zum Tee wollen wir gehen."

"O Himmel!" rief die Baronin, "kommt jetzt erst die Teestunde? Ich dachte, es sei Mitternacht. Nun so geht nur. Ich kann nichts geniessen und bleibe hier." –

So endigte dieser Tag ruhig am Teetisch, wie jeder andere. Mit dem wilden Besuch war auch das Gewitter abgezogen. Bis Mitternacht wachte Regina dann noch in der trauten Kapelle im Frieden ihres Gottes und ihres Herzens. – Ihr Vater war inzwischen wohlbehalten auf Stamberg angelangt. Er fand seine Mutter nicht nur nicht in Lebensgefahr, sondern die ärzte, die aus Darmstadt und Heidelberg gerufen waren, versicherten sogar, dass sie sich erholen könne, wenn sie recht gepflegt und geschont werde. Ob ihr Mann sich darauf verstehe, war dem Grafen zweifelhaft; denn Baron Stamberg, übrigens der harmloseste Mensch auf Erden, war jetzt in einer permanenten Wut, weil der Gegenstand seines lebhaftesten Interesses hienieden ihm durch die Erfindung der Grundrechte beeinträchtigt wurde: die Jagd, die geliebte Jagd! Statt also seine Frau zu beruhigen, regte er sie doppelt aufzuerst durch seine zornig gereizte Stimmung welche die Zukunft für ewige zeiten rabenschwarz und hoffnungslos sah; dann durch den Ärger, den sie empfand, weil er so ganz ausser Rand und Band war. Der Graf konnte nicht umhin, Vergleiche anzustellen zwischen Stamberg und Windeck, die ganz zu Gunsten Windecks ausfielen; denn, sprach er zu sich selbst, wenn ich auchund zwar mit vollem Rechteüber die gegenwärtigen öffentlichen Zustände wüte und Isabelle ein weniges zu viel lamentiert: so haben die übrigen doch frische Hoffnung und guten Mutwas allerdings heroisch ist! – und Hoffnung ist ansteckend. Ohne Hoffnung aber ist das Leben eine Hölle. Ich meinesteils möchte nicht hier bleiben! – –

Brigitte sagte am andern Morgen, während sie Regina's schönes Haar flocht, ganz schüchtern:

"Haben die Gräfin wohl den Herrn Hauptmann bemerkt?"

"Warum titulieren Sie den Rädelsführer so feierlich als einen Herrn Hauptmann?" fragte Regina lächelnd.

"Den meine ich nicht," entgegnete Brigitte, "sondern Herrn Florentin, dessen Zuname ja Hauptmann ist."

"Florentin! unser Florentin? Wie käme der unter eine solche Bande!" rief Regina überrascht.

"Ich möchte wetten, dass er es war!" sagte Brigitte.

"Meine Schwester war ja bei Ihnen; hat auch sie ihn erkannt?"

"Ich glaube nicht! Sie hat wenigstens nichts geäussert."

"Und ich glaube, dass Sie träumen, Brigitte! Hüten Sie sich vor solchen Äusserungen, die ein verkehrtes Geschwätz unter die Leute bringen, dem armen Florentin viel schaden und meinem Vater sehr wehe tun könnten. In der unbestimmten Beleuchtung und bei Ihrer Ängstlichkeit haben Sie gewiss nicht erkannt, welche Gesichter denn eigentlich zwischen Hut und Bart steckten. Es wird jetzt so viel Falsches und Lügenhaftes in die Welt gesprengt, dass man sich mehr denn je vorsichtig in Worten zeigen und auch nicht alles glauben muss, was die Leute erzählen."

"Wie hätte die Bande wohl wissen können von der Gewehrkammer des Herrn Garfen!"

"Gutes Kind," versetzte Regina, "ich bin fest überzeugt, dass man auf zehn Stunden in der Runde ganz genau weiss, wie es hier aussieht und was hier vorfällt. Das spricht sich herumauch ohne den armen Florentin." –

Regina nahm ein Buch zur Hand und Brigitte sah sich genötigt, ihr Geschäft schweigend zu vollenden. Dennoch blieb sie dabei, sie habe Florentin erkannt. Und sie hatte auch ganz recht. Er hielt sich in Frankfurt auf. Je näher dem babylonischen Feuerofen der Leidenschaftendesto besser! da konnte er an jedem Ereignis teilnehmen, zu jeder Bewegung mitwirken. Warum nicht