1860_von_Hahn_Hahn_162_87.txt

wünschen. Wir haben einen Schwerverwundeten im haus, der nicht beunruhigt werden darf und den ich nicht gern verlasse."

"Wir wollen also für die Einheit und Freiheit des deutschen Volkes überall kämpfen, wo sie bedroht wird. Dazu brauchen wir Waffen, Flinten, Säbel, Pistolenund da sich hier ein förmliches Waffendepot befindet, so kann es zu gar keinem besseren Zweck verwendet werden, als zur Volksverteidigung."

"Sie sind im Irrtum über ein Waffendepot. Mein Vater besitzt nur Jagdgewehre, und eine Sammlung von altertümlichen, seltenen, für den Krieg ganz unbrauchbaren Waffen."

"Mit denen aber doch auf das Volk eingehauen und geschossen werden kann!"

"Mein Vater schiesst auf wild, nicht auf Menschen."

"Da jetzt die Grundrechte dem Volk die Jagd frei gegeben haben: so wird er seine Gewehre nicht mehr nötig haben und andere können sie besser brauchenvorzüglich in den edlen Freiheitskämpfen."

"Ich bedauere, Ihrem Wunsche nicht entsprechen zu können, indem mir nicht das Recht zusteht, über den Besitz meines Vaters zu verfügenwas Sie ganz in der Ordnung finden werden. Ich darf nichts fortgeben, was mir nicht gehört."

"Sie brauchen es auch gar nicht zu geben," rief derjenige, welcher den Freischarenzug nach Baden statt nach Holstein führen wollte, und schlug mit der Faust seinen Hut tiefer auf die Stirn. Wir borgen es!"

"Auch dazu hab' ich kein Recht."

"So nehmen wir es!" schrie der Mensch.

"Dazu haben Sie kein Recht," sagte Regina mit unverändert gelassenem Tone, wendete sich dann wieder zu dem Wortführer und setzte hinzu: "Sie sehen also, dass ich nicht im stand bin, Ihren Wunsch zu erfüllen. Da nun die Nacht einbricht, das Gewitter heraufzieht und unser Kranker mich vermisst ...." –

"Der alte Pfaff!" rief der badische Freischärler.

"Woher wissen Sie, dass mein Onkel der Kranke ist?" fragte Regina lebhaft.

"Wir werden wiederkommen!" rief der Wortführer hastig. "In den nächsten Tagen kommen wir und zählen darauf, dass die Verteidiger der deutschen Einheit und Freiheit die notwendige Unterstützung finden werden."

"Behüt' Sie Gott!" sagte Regina.

Statt ihren Gruss zu erwidern, stimmte er mit rauher Kehle an: "Schleswig-Holstein meerumschlungen" und seine gefährten fielen ein.

Schade, dass Ernest nicht da war! er hätte ein recht malerisches "lebendes Bild" zu sehen bekommen, einen Gherardo della notte mit seinen Lichteffekten in der Finsternis. Die Halle und einzelne Fenster des Schlosses waren, wie gewöhnlich, beleuchtet und warfen ihren Schein in einzelnen Lichtstreifen auf den Hof und auf die Männergruppe, deren Figuren, je nachdem die Beleuchtung sie traf, bald aus dem Dunkel auftauchten, bald darin verschwanden, und im Ganzen eine finstere, gestaltlose, unheimliche Masse bildeten. Ihnen gegenüber und durch die Höhe des Perrons, zu dem sechs breite Stufen hinanführten, über sie erhoben und von ihnen getrennt, stand Regina. Die Windlichter, ihr zur Seite von den Dienern gehalten, liessen sie ganz hell erscheinen und ihr weisses Kleid, ihre hellblaue Taftmantille umflossen sie mit sanftem Glanz. Wie Psyche in der Unterwelt stand sie da, ein himmlischer seliger Fremdling, zwischen den dunkeln, verzerrten, traurigen Gebilden des Orkus.

"Schleswig-Holstein stammverwandt!" brüllte die Bande, machte kehrt und zog ab. Regina blieb auf dem Perron, bis sie vom Hof herunter waren, das Gittertor im rücken hatten und durch die Lindenallee der Chaussee zugingen. Nur einer von ihnen, der ein besonderer Liebhaber des Steinwerfens war, kehrte sich um und schleuderte mit kräftiger Faust einen Stein gegen einen der Löwen, die in Sandstein gehauen auf den beiden Pfeilern des Gittertores lagen, das den Hof schloss. Der ruhende Löwe, schwarz im goldenen feld, war das Wappen der Windecker.

Als die wüsten Stimmen sich mehr und mehr entfernten, trat Regina in die Halle zurück und sagte zu dem einen Bedienten:

"Der Portier soll das Gitter nicht früher schliessen als gewöhnlich."

Dann eilte sie zur Kapelle, schloss auf, kniete einen Augenblick vor dem Tabernakel nieder, nickte freundlich der Baronin Isabelle zu, die halbohnmächtig auf einem Betstuhl knieteund ging schnell die kleine Treppe hinauf durch ihr Zimmer zum Onkel Levin, bei dem sie Ernest und Corona fand.

"Lieber Onkel," sagte sie zärtlich, "wie befindest Du Dich? Hast Du mich auch nicht vermisst? – ich musste ein kleines Geschäft besorgen."

Sie kniete neben seinem Bett nieder und küsste seine Hand. Er sah sie mit unbeschreiblicher Liebe an, legte die Hand auf ihr schönes Haupt und sagte:

"Sieh', wie die heilige Mutter Gottes Dich lieb hat!"

"Die Herren Volkssouveränler," nahm Ernest das Wort, "haben nicht Ihren schwebenden Schritt, Gräfin Regina, sondern treten auf mit dem vollen Gewicht selbstbewusster Majestät. Durch die abendliche Stille drang das dumpfe Geräusch auch in dies Zimmer, und da es den hochwürdigen Herrn beunruhigte, so sagte ich ihm einfach, um was es sich handle, damit er Sie durch ein Salve Regina der heiligen Mutter Gottes empfehle; und das hat denn auch seine wirkung getan." "Es war aber schauerlich!" sagte Corona und schlang den Arm um Reginas Nacken, als wolle sie die geliebte Schwester noch nachträglich festalten. "Wo