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soll denn sonst mit ihnen sprechen, liebe Tante? man muss ihnen doch Bescheid geben und unsere Leute könnten sich verwirren lassen."

"Dass der Rentmeister auch gerade jetzt auf vierzehn Tage Urlaub nahm! der ist redefertig und dreist!" seufzte die Baronin.

Regina erwiderte nichts, sondern ging in das Zimmer ihres Vaters, das zur Rechten neben dem Salon lag. Es war sein Schreibzimmer; sie ging hindurch; auch durch sein Schlafzimmer. Die dritte tür, welche sie öffnete, war die der sogenannten Gewehrkammer, ein sehr geschmackvoll eingerichtetes kleines Arsenal, die Wände mit Eichenholz getäfelt und die verschiedensten Arten von Waffen trophäenmässig darin aufgehängt. Eine Sammlung von Pistolen und eine andere von Dolchen entielt alte, seltene und manche sehr kostbare Exemplare, welche sich der Graf mit vieler Mühe und grossen Kosten verschafft hatte. Seine Gewehrkammer war seine Liebhaberei und noch weit mehr die seiner Söhne, die, wie alle junge Männer, eine wahre leidenschaft für Waffen hatten. Und dies sollt' ich plündern lassen? Nimmermehr! sprach Regina bei sich selbst. Sie verschloss die tür, nahm den Schlüssel, ging in den Salon zurück und sagte:

"Jetzt bekommen die Goldfische im Basin einen eisernen Kameraden."

Die Baronin starrte sie an ohne sie zu sehen und fragte ganz stumpf, als Regina auf die Terrasse ging, zu Ernest gewendet:

"Was sagt sie?" was will sie?"

"Sie wirft den Schlüssel der Gewehrkammer in das Bassin," entgegnete Ernest, der mit grösster Freude Regina beobachtete.

"Ist Ihnen je ein junges Mädchen von solcher Löwenkühnheit vorgekommen, mit einem Trupp Blousenmänner es aufnehmen zu wollen!" flüsterte die Baronin mit versagender stimme:

"Gräfin Regina hört alle Tage in heiliger Messe beten: Adjutorium nostrum in nomine Domini," erwiderte Ernest. "Da sie glaubt, was sie hört und was sie mitbetet, so ist sie mutig. Die gnädige Baronin sollten sich darüber freuen und auch etwas Mut fassen."

Regina kam aus dem Garten zurück und sagte:

"Ich gehe jetzt wieder zu Onkel Levin. werde' ich aber abgerufen, so bitte ich Sie, Herr Ernest, mich bei ihm zu ersetzen und dafür zu sorgen, dass er sich weder erschrecke noch ängstige. Welch Glück, dass er gartenwärts wohnt."

"Nein!" rief die Baronin sich ermannend; "dann gehe ich zu ihm und Herr Ernest bleibt an Deiner Seite."

"Wenn Du mir versprichst, Onkel Levin nicht zu beunruhigen, liebe Tante," wendete Regina ein und verliess den Salon. Sie ging zuerst in die Kapelle, um sich daran zu erinnern, wer unter dem Dach ihres Vaterhauses weile. Du bist es, o göttlicher Heiland, flüsterte sie vor dem Tabernakel niederknieend; und Du hast gesagt: "Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist." Aber verwilderte, abtrünnige, ungläubige Menschen nehmen die Rechte, die den Fürsten gehören, und dass Du, gnadenreicher Herr, noch ganz andere Rechte habestund dass sie diese mit Füssen treten: darauf sind sie stolz. Und solchen Menschen soll man aus Furcht nachgeben? Nimmermehr! Ich fürchte mich nicht "vor Denen, die nur den Leib töten können," wenn ich "im Schatten Deiner Flügel wandele."

Als Regina die Kapelle verliess, war es fast ganz dunkel, umsomehr, als sich ein schweres Gewitter über den westlichen Himmel und den Sonnenuntergang gelagert hatte. Sie wollte die Treppe hinauf steigenda trat ein Diener rasch von Aussen in die Halle und meldete, unten im Hof sei eine truppe von Männern, die den Grafen oder sonst jemand im Schloss zu sprechen begehrten.

"Gut," sagte Regina, "lassen Sie sie nur kommen; ich werde ihnen auf dem Perron entgegen gehen."

Sie eilte in den Salon und rief: "Nun, liebe Tante, auf Deinen Platz! zu Onkel Levin."

Die Baronin und Corona flogen beide auf sie zu und umschlangen sie, um sie festzuhalten.

"Zu Onkel Levin!" sagte Regina dringend und suchte sich los zu machen.

"Nein, nein, nein!" stammelte die Baronin wie besinnungslos vor Angst.

"So wollen wir in die Kapelle gehen," sagte Regina, und zog beide rasch dahin. Als sie aber eingetreten waren, floh Regina mit einer schnellen Wendung hinaus und schloss die Türen von aussen zu. Das alles ging blitzgeschwind vor sich. In der Halle stand Brigitte und warf eine Mantille um Regina's Schultern.

"Wer ist bei Onkel Levin?" fragte Regina.

"Herr Ernest."

"Ah, das ist gut!" sagte sie und ging durch die Halle auf den Perron, wo sie stehen blieb, während eine truppe von zwölf bis fünfzehn Männern durch den Hof auf den Perron zuschritt. Sie trugen das beliebte Kostüm des Tages, Blousen, wilde Bärte, Schlapphüte und hatten rohe, gemeine Gesichter. Vor dem Perron machten sie Halt, denn Regina trat ihnen entgegen und sagte:

"Sie haben meinen Vater sprechen wollen; er ist verreist. Was wünschen Sie von ihm?"

"Wir wollen nach Holstein ziehen," sagte der eine.

"Und nach Baden!" rief der andere.

"Nein, nach Holstein!"

"Ich bitte allen Lärm zu vermeiden," sagte Regina, "und möglichst kurz zu sagen, was Sie von meinem Vater