so liess die Baronin Isabelle in aller Stille das Banner einziehen. Als es von den Zinnen sank, fiel ihr ein Stein vom Herzen. Der Tag verstrich wie jeder andere und mit Levins Befinden ging es gut. Regina sass mit ihrer Arbeit in seinem Vorzimmer, während er still im Schlafzimmer ruhte. Zu bestimmten Stunden gab sie ihm Arznei oder einen kühlenden Trank und in der Zwischenzeit stand sie zuweilen auf, ging auf den Fussspitzen zur tür des Schlafzimmers, schaute hinein und nickte zärtlich dem lieben Onkel Levin zu. Die Baronin, Corona und Ernest kamen und gingen; zuweilen auch Brigitte, Regina's Kammermädchen.
Es war gegen Abend, als diese geisterbleich und bebend eintrat und mit gebrochener stimme flüsterte:
"Unsere Leute, die von draussen kommen, sagen, es sei eine Rotte im Anmarsch, welche den Herrn Grafen um seine Gewehre bitten wolle. O liebster Heiland, was wird das für eine Bitte sein!"
Leise öffnete Ernest die tür des Vorzimmers und winkte Regina zu kommen. Sie sagte zu Brigitte:
"Bleiben Sie ruhig hier und fürchten Sie sich nicht. Wir sind ja alle sicher in Gottes Hand. Ich will selbst mit unseren Leuten reden."
Brigitte sank zitternd in einen Sessel und sah im geist schon eine Mordbrennerbande vor das Schloss rücken. Regina ging hinaus und fragte Ernest:
"Was ist denn Wahres an dieser geschichte?"
"Ein Reitknecht, der Pferde frisch beschlagen liess, begegnete auf dem Heimritt von der Schmiede zwei Männern, die ihn fragten, wie viel Gewehre der Windecker Graf wohl in seiner Gewehrkammer habe. Der Reitknecht gab zur Antwort, das wisse er nicht, und ritt von dannen. Er und die übrigen Leute sagen aber, es munkele schon seit ein paar Tagen von einem ungebetenen Besuch auf Windeck und Ihr Herr Vater schien gestern in Jochhausen Ähnliches gehört zu haben – nach seiner eigenen Äusserung zu schliessen und nach denen des Kutschers und des Bedienten, die ihn begleiteten."
Während er so sprach, gingen sie die Treppe hinab.
Unten in der Halle standen der Portier, der Koch, zwei Bedienten und ein paar Stubenmädchen und unterhielten sich eifrigst von den Dingen, die da kommen sollten.
"Was geht hier vor?" fragte Regina ernst. Aber ehe jemand antwortete, flog die tür des Salons auf und die Baronin Isabelle stürzte, von ihrem Kammermädchen und von Corona begleitet, in die Halle und umfing mit krampfhaftem Weinen Regina. Nun sprach die ganze Dienerschaft auf einmal, was man alles tun müsse: das Hoftor und die Fensterladen schliessen; die äusseren Türen verrammeln; Geld, Silberzeug und sonstige Kostbarkeiten zusammenpacken und dann übersetzen nach Engelberg; die Gewehre aber sämtlich vor dem Hof niederlegen, damit jeder Vorwand zum Einbruch in das Schloss entfernt sei.
"Welche Feigheit!" rief Regina.
"Ach Gott, ja! nach Engelberg!" seufzte die Baronin.
"Und Onkel Levin?" sagte Regina. "Nein! ich bleibe – und ich denke, wir bleiben alle, ruhig jeder bei seinem Geschäft und mit geöffneten Fenstern und Türen – ganz wie gewöhnlich. kommt irgend jemand mit irgend einer Anfrage, so rufe man mich."
"Regina!" rief die Baronin, "Du wolltest Dich weiss der Himmel welchen Beleidigungen aussetzen? O nimmermehr leid' ich das!"
"Liebe Tante, ich bin die älteste Tochter des Hauses und muss in meines Vaters Abwesenheit dessen Stelle vertreten. Ich tue meine Pflicht, Gott ist mit mir, und es wird keinem Menschen einfallen mich zu beleidigen," sagte Regina sanft und fest.
"Kind," sagte die Baronin in grenzenloser Aufregung, "Kaiser und Könige sind vor diesen Mannern der Volkssouveränetät gewichen und haben ihnen ihre Rechte abgetreten – und Du willst ihnen ein paar Gewehre verweigern: das ist unerhört kühn."
"Wollen Kaiser und Könige ihre Arsenale von dem souveränen Volk erstürmen lassen: so ist das ihre Sache; allein in dem unseren hat es nichts zu tun. Überdies find' ich, dass wir gerade so gut zum souveränen Volk gehören, wie irgend ein Blousenmann."
Regina sagte dies alles so einfach und heiter, dass sich die allgemeine Aufregung etwas legte – nur nicht bei der Baronin. Sie rang die hände und rief klagend:
"Was fangen wir an, wenn sie mit dem einbrechenden Dunkel kommen?"
"Halten Sie Windlichter bereit," sagte Regina zu den Dienern. "Die werden ganz festlich die Audienz beleuchten, welche wir den Herren von der Blouse auf dem Perron geben werden, wenn sie heute kommen; was ja ganz ungewiss ist."
"Gewiss kommen sie heute," jammerte die Baronin; "gewiss benutzen sie des Vaters Abwesenheit."
"Sollten sie davon unterrichtet sein?" fragte Regina.
"Versteht sich! ich liess sogleich die Fahne einziehen."
Regina lächelte und sagte zu den Dienern:
"Also wenn jemand in den Hof kommt, so rufe man mich; aber bei zeiten, denn draussen will ich mit dem souveränen Volk sprechen – nicht hier in der Halle. Und Niemand zeige den ungebetenen Gästen Unruhe oder Misstrauen."
"Liebste Regina, ich fasse gar nicht Deine übermenschliche Verwegenheit," sagte die Baronin. "Die Leute kommen vielleicht, um das Schloss an allen vier Ecken anzuzünden und Du willst mit ihnen gespräche führen!"
Regina nahm die Baronin unter den Arm, führte sie in den Salon zurück und sagte:
"Wer