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mit dem dumpfen Seufzer Jesus Maria! zu Boden. Sie hielten ihn für tot und knieten mit grenzenlosem Schmerz und Entsetzen neben ihm nieder. Der Stein hatte ihn dicht über der Schläfe verletzt und hätte leicht die gefährliche Stelle treffen können, da er, nach seiner Gewohnheit, den Hut abgenommen hatte und in der Hand trug. Das Blut strömte aus der Wunde. Regina suchte es mit Taschentüchern zu stillen, Corona unterstützte das Haupt des lieben Onkels Levin; beide zerschmolzen in Tränen. Ernest hatte auch Tränen in den Augen. Er hätte gern nach dem Frevler umhergespürt, aber er konnte die jungen Mädchen nicht verlassen und es dämmerte stark.

"Was fangen wir an?" wehklagte Corona.

"Wir warten auf den Vater, der ja bald kommen muss," sagte Regina, "da er nie die Teestunde versäumt und es nicht weit von neun Uhr sein kann."

Da schlug Levin die Augen auf und sagte:

"Ach, es ist nichts, liebe Kinder! Wir wollen Tücher um den Kopf binden und heimgehen."

Er stand auf. Indem liess sich das dumpfe Rollen hören, das auf einer Chaussee die Ankunft eines Wagens schon in grosser Entfernung anzeigt.

"Gott Dank! da kommt der Graf!" rief Ernest. "Nun werde' ich ausschauen, wer diese Untat verübt hat."

"Nicht doch, Herr Ernest," sagte Levin, "das war ein Zufall! seien Sie ganz ruhig!"

"Ja, ein Zufallder nur 'Ultramontane' trifft!" rief Ernest empört.

"Genug, es bleibt bei dem Zufall!" entgegnete Levin.

Der Wagen kam näher. Ernest eilte ihm entgegen und erkannte bald mit unbeschreiblicher Freude die offene Kalesche des Grafen. Er winkte dem Kutscher Halt zu und des Grafen Erstaunen über Ernests unerwartete Erscheinung ging in zornige Bestürzung über, als er die ruchlose Tat erfuhr. Die Kalesche musste die ganze Gesellschaft aufnehmen und langsam, jede Erschütterung vermeidend, fuhr der Kutscher heim.

Im Schlosshof empfing sie neue Bestürzung. Es war eben eine Staffette aus Stamberg mit einem Brief an den Grafen angelangt, schwerlich eine gute Nachricht bringend. Die Spannung der Baronin und der Dienerschaft löste sich in Jammern auf, als man den verwundeten Onkel Levin und Regina und Corona in blutbefleckten Kleidern sah. Die arme Baronin war ganz fassungslos. Ernest musste ihr zwei- dreimal das Attentat erzählen, bis sie es verstand. Es wurden inzwischen Eisumschläge über die Wunde gemacht und Arzt und Wundarzt herbeigeholt. Regina besorgte alles mit Ruhe und Pünktlichkeit und liess es sich nicht nehmen, die Nacht bei dem lieben Kranken zu wachen, der fortwährend versicherte, die Wunde sei unbedeutend, obschon der starke Blutverlust und der brennende Schmerz ihn sehr abmatteten. Die Staffette hatte einige Zeilen von Baron Stamberg gebracht: ein Schaganfall bedrohte das Leben der Baronin, doch war sie bei Besinnung und ihr Zustand noch nicht ganz hoffnungslos. Die vielfachen Gemütsbewegungen der letzten Zeit erschütterten ihr Nervensystem aufs heftigste. Als eine Erkältung dazu kam, trat der Anfall ein. Der Graf machte sich reisefertig. Er wollte nur abwarten, wie der Kranke die Nacht hinbringe und den Ausspruch des Arztesund dann in der Morgenfrühe aufbrechen. Er sagte zu Ernest, der bei dem Verwundeten ab und zu ging und die Eisumschläge bereiten half:

"Welch eine Beruhigung für mich, dass Sie in diesem Augenblick hier sind, wo ich meine Töchter auf zwei bis drei Tage verlassen muss! Ich würde sie am liebsten mitnehmen, aber Regina trennt sich nicht von dem Krankenbett des guten Onkels."

"Darf ich fragen, Herr Graf, weshalb Sie plötzlich so besorgt sind?"

"Man sagte mir in Jochhausen, es hätten sich dort gesindelhafte Figuren mit grossen Bärten und Schlapphüten gezeigt. Das Attentat auf den Onkel beglaubigt ihre Nähe. Dass ich ein Reaktionär bin, versteht sich von selbstund was ein solcher zu erwarten hat, auch wenn er sich fern von jeder politischen Demonstration hält, haben wir gesehen bei der Brandstiftung des Schlosses Waldenburg in Sachsen. Auf dergleichen muss unsereiner jetzt gefasst sein."

"Gott verhüt' es! kommen Sie nur recht bald wieder!"

"Mir brennt der Boden unter den Füssen, um fortzuziehen und heimzukehren, das glauben Sie mir! Aber ich muss meine arme Mutter noch einmal sehen. Als ich sie im Winter von Frankfurt aus besuchte, merkte man ihr nicht im Entferntesten ihre siebenundsechzig Jahre anund jetzt! ja, solche zeiten machen die kräftigsten Menschen kaput, weil man so tatlos dasitzen und von dieser Legion von Schwätzern sich tyrannisieren lassen muss. Hätte ich nicht die beiden Kinder, so ginge ich zu meinen Buben nach der Lombardei, wo man doch im Kampfe mit Ehren leben kann!"

Der Arzt traf in Begleitung eines Wundarztes ein und beide erklärten die Verwundung für schwer, aber nicht für gefährlich, vorausgesetzt, dass sich das Wundfieber nicht steigere; deshalb müsse die äusserste Ruhe und Stille den Kranken umgeben. Sie legten ihm einen regelrechten Verband an, lobten die Eisumschläge und empfahlen sich. Levin sagte lächelnd:

"Nun habt Ihr es von den Sachkundigen gehört: es hat gar nichts zu bedeuten. Eine Dornenwunde ist es vom Dornenkranz unseres Heilandes."

"Das glaube' ich auch," entgegnete Ernest gerührt.

Der Graf teilte nun die Erkrankung seiner Mutter dem Onkel mit, nahm Abschied von allen, versprach möglichst schnelle Heimkehr und reiste ab. Kaum war er fort,