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die das letzte Mittel aller Vergewaltigung durch Revolution ist."

"Es ist in der Tat kein übles Monopol, welches sich die revolutionäre Partei vindiziert, dass nur ihr Tun und Treiben als berechtigte Bewegung und Handlung gelten soll," sagte Ernest. "Jede andere Bewegung empfängt das Stigma 'Reaktion'! was die Bedeutung von Hochverrat gegen die Majestät dieser Partei haben soll, und was die gedankenlose und verschüchterte Menge ihr nachlallt. übrigens gefällt es mir, dass die Demokraten sich somit als Aktionäre der Revolution bezeichnen; nämlich als solche, die auf dieselbe zum Vorteil ihrer Aufgeblasenheit spekulieren."

"Mir ist das Wort 'ultramontan' noch widerwärtiger!" seufzte die Baronin.

"Es ist auchwo möglichnoch hämischer," sagte Levin. "Jeder Katolik, der schlecht und recht seinen Katechismus glaubt und demgemäss spricht und handelt, soll ein 'Ultramontaner' sein. Dies Wort, das nur einen geographischen Sinn hat, wird von der Revolutionspartei angewendet, um jemand zu bezeichnen, der Verrat am vaterland durch sein Glaubensbekenntnis begehen, während der 'Reaktionär' diesen Verrat durch politische Institutionen treiben soll. Der Ultramontane ist selbstverständlich immer reaktionär; aber der Reaktionärund wenn er der strengste Calviner oder Altluteraner wäremuss es sich auch gefallen lassen, 'ultramontaner Tendenzen' beschuldigt zu werden, sei sein Abscheu vor der römisch-katolischen Kirche auch noch so heftig."

"Wir Windecker," sagte Korona, "sind Alle ultramontan und reaktionär; bei Onkel Levin angefangen und bei mir geendet."

"Das wolle Gott!" sagte Levin.

"Ist das schwer, lieber Onkel?" fragte sie.

"Die Revolution zu hassen und zu bekämpfen ist für jemand, der Herz und Ehrgefühl hat, nicht schwer; allein der äussere Krieg gegen das Reich der alten Schlange genügt nicht; er muss auch innerlich gegen die Revolten der Selbstsucht geführt werdenund das ist schwer; das ist die ächte, wahre, heilige Reaktion gegen das Böse, die das Fundament jeder anderen sein müsste. Und ultramontan bist Du noch nicht, weil Du Deinen Katechismus auswendig weisst. O nein! Nur wer ein in Glauben und Werken lebendiges Glied ist des mystischen Leibes Christi, der sein sichtbares Haupt zu Rom im Stellvertreter Gottes, dem heiligen Vater, hatund wer sich bestrebt zu leben, wie es sich ziemt für ein Kind des Reiches Gottes: der nur darf sich die Benennung ultramontan als einen Ehrennamen ausbitten. Dazu aber brauchen wir recht sehr den Gnadenbeistand Gottes."

Corona küsste errötend des Onkels Hand und gestand sich heimlich, dass ein solcher Ultramontanismus seine Schwierigkeiten habe. Levin schlug einen Spaziergang vor. Der Graf war nach der Besitzung gefahren, wo früher Gratian gelebt hatte; man wollte ihm entgegen gehen. Die Sonne stand schon zum Untergang, aber die Hitze war den Tag über so drückend gewesen, dass man sich nicht im Freien hatte aufhalten können und dass man sich gegen die Einwendung der Baronin, welche nicht für Spaziergänge auf der Landstrasse in der Dämmerung war, einstimmig aussprach. Sie ging nicht mit; Levin, Ernest, Regina und Corona machten sich auf den Weg und freuten sich des lieblichen Abends, der sich recht wie eine Gabe Gottes, mit seinem heiteren Frieden und stillen Segen über die Welt legte und all' deren Aufregungen und Leidenschaften für ein paar Stunden zur nächtlichen Ruhe brachte. Dann schlafen sie alle, die armen Menschen! dann sind sie alle hilflos, gebunden, still, auf gleicher Stufe, in gleicher Unfähigkeit, ohnmächtig hingesunken in die Hand Gottes, die ihnen die Erquickung des Schlafes spendet und sie dann erweckt für einen neuen Tag, der ihnen neue Gnaden bringt und in den sie ihren Unfrieden, ihren Hass, ihre Unruhe, ihren Hader bringen.

Aber diese friedvollen Seelen dachten an keinen Hader! Ernest musste erzählen von seinen Reisen, von seinem Aufentalt in fremden Ländern, von der wilden Schönheit des Hochgebirges und den zauberischen Reizen der südlichen natur. Regina wollte wissen, ob wohl ein Punkt auf der Erde so schön sei, dass man darüber die sehnsucht nach dem Himmel vergessen könne. Corona versicherte, sie fasse nicht, dass es irgendwo schöner sein könne als gerade hier um das liebe Windeck herum, hierwo man wasser und Berge, Fluren und Wälder beisammen habe.

"wasser und Berge schön und gar freundlich gemischt," entgegnete Ernest. "Indessen muss ich doch bekennen, Komtesschen, dass mir die mit Kaktus, Aloe und Myrten umsäumten Felsenküsten der leuchtenden Meere des Südensund die Granit- und Gletscherpyramiden des Hochgebirges mit ihren pyrenäischen Tälern und ihren Schweizerseengrossartiger, mannigfaltiger und malerischer erscheinen, als der kleine Main und als die Ausläufer des Odenwaldes hüben und des Spessarts drüben. Im Ganzen genommen haben Sie aber gar nicht unrecht! die Elemente der Naturschönheit sind überall dieselben, und das, was sie erst recht schön macht, die wundervolle Weisheit und Allmacht des Schöpfers, strahlt auch überall aus ihnen hervor."

"So bin ich denn ganz gerechtfertigt in meiner Vorliebe für mein Windeck!" sagte Corona. "Ich weiss nun, dass es gewissermassen alle Schönheit in sich fasst." –

Sie ging vor den übrigen her und zwar rückwärts nach Kinderart, um alle ansehen zu können, mit denen sie sprach. Plötzlich stiess sie einen kurzen Schrei aus, denn sie sah einen Stein von der Seite durch die Luft fliegen, und in demselben Augenblick sank Levin