. Dies sage nicht ich, dies sagt seit mehr als dreihundert Jahren die geschichte. Jede Verbindung in der menschlichen Gesellschaft, welche irgend einem Zweige des Baalsdienstes huldigt, darf bestehen. Verbinden sich aber einige Männer oder Frauen, um gemeinsam dem göttlichen Heiland durch Gebet und Liebeswerke zu dienen, so wird irgend ein beliebiges Zetergeschrei so hartnäckig und so betäubend von ihren Widersachern angestimmt, als führten sie den Untergang der Welt herbei. Fahndet man aber auf die Singvögel wie auf Habicht und Geier, so wird der Wald stumm und öde und der liebliche Gesang verhallt, der dem Wandersmann das Herz frisch und fröhlich machte und ihn zuweilen veranlasste einzustimmen in die friedlichen Hymnen. So sind denn auch wir gar arm jetzt an Klöstern und daher auch bitterarm an Gebet. Das Kloster ist so recht dessen Heimat. In der Welt bereiten ihm wohl auch fromme Seelen eine Stätte, allein es ist dort eine Ausnahme; im Kloster ist es die Regel. Dem Gebetsleben sich widmen: das war in den ersten christlichen Jahrhunderten der bezeichnende Ausdruck für das klösterliche Leben; er zeigte an, dass jede Arbeit, jede Beschäftigung, jedes Werk, jede Handlung durch das Gebet in der Vereinigung mit der Anbetung der Engel geschehen sollte. Das gemeinschaftliche Chorgebet, das durch Tage und Nächte zu festgesetzter Stunde anhub – die andächtige stille Betrachtung der heiligen Geheimnisse des Glaubens – die Anbetung des Sanktissimums, worin sich ununterbrochen, Stunde um Stunde, in gewissen Klöstern die Ordensleute abwechselten – das höhere, beschauliche Gebet, das sich versenkt in das Leben, Leiden und Sterben des Gottessohnes – das alles ist mit den Klöstern verschwunden. Dazu hat in der Welt niemand Zeit, niemand Lust, auch niemand Anleitung. Die Weltgeistlichkeit ist in viel zu geringer Zahl, um sogar den notwendigsten Anforderungen der Seelsorge zu genügen; wie sollte sie höhere Bedürfnisse des Seelenlebens pflegen können! Je mehr sie sich notgedrungen vielfachem Verkehr mit der Welt und deren Gesinnungen und Verhältnissen hingeben muss – desto heilsamer wär' es auch ihr, wenn sie die weltfremde Richtung des Ordenslebens vor Augen hätte und zu heiligem Wetteifer angespornt würde."
"Es gab auch viele Missbräuche in den Klöstern, viel Trägheit, Schwelgerei und Müssiggang," bemerkte die Baronin, um Regina herabzustimmen, deren leuchtende Augen immer heller leuchteten, je länger der Onkel sprach. "Die Zahl der Klöster war zu gross, als dass der Beruf sie hätte bevölkern können; sie wurden ein Exil, wohin Eltern unliebsame Kinder schickten, oder ein Zufluchtsort für Taugenichtse, die dort ihr Behagen fanden."
"Das mag alles stattgefunden und der liebe Gott den Klostersturm deshalb zugelassen haben," entgegnete Levin. "Wir wissen ja sämtlich, dass der Mensch alles Gute missbrauchen und jede Gnade in ihr Gegenteil verwandeln kann. Lässt er sich von Selbstsucht und Eigenliebe bestimmen und leiten, so ist er innerwie ausserhalb der Klostermauern ein Kind Belials. Überdies hat das Kloster, als solches, kein Privilegium, wodurch es hermetisch gegen die allgemein menschliche Schwäche verschlossen wäre. Jeder Bewohner desselben bringt sein Stückchen Schwachheit mit und der Reichtum einiger Klöster ist ihnen zum Verderben geworden."
"Nun," sagte Ernest, "diesen Stein des Anstosses hat man ja mit zarter väterlicher Sorgfalt fast überall hinweg geräumt."
"Wir wollen auch nicht darüber klagen," entgegnete Levin. "Arm sein ist für alle Menschen ohne Ausnahme besser, als reich sein, weil die Armut auf Sinnlichkeit und Hochmut drückt, Reichtum sie nährt. Wer sich der Nachfolge Christi widmet, freut sich der Armut und nennt sie, wie St. Franziskus Seraphicus, seine geliebte Braut. Dass wir keine gefürsteten Äbte und Äbtissinnen haben, wollen wir verschmerzen – ohne doch das Recht anzuerkennen, welches sie von ihren Stühlen warf. Aber dass man die Engherzigkeit und Kurzsicht so weit treibt, um dem lieben Gott zu missgönnen, dass ihm einige stille Seelen in demütiger Zurückgezogenheit, durch geistliche und leibliche Werke der Barmherzigkeit dienen – das ist wohl sehr schmerzlich. Nie gab es mehr Leid hienieden, als in unserer Zeit, weil seit achtzehnhundert Jahren noch nie die Begier nach Genüssen und Freuden und Wohlleben so allgemein verbreitet, so rasend gesteigert war, und weil sie noch nie einen solchen Schein von Zugänglichkeit für alle und jeden hatten, als eben jetzt vermöge der vielfach gesteigerten Mittel der Bildung, der Spekulation, der Tätigkeit, der Verbindung für kommerzielle Zwecke. Da wähnen denn alle und jeder, sie müssten ihren Sitz haben bei dem Festgelage des Lebens und sind missvergnügt, wenn sie ihn nicht einnehmen. Diese massenweise getäuschten Erwartungen der Eitelkeit, des Dünkels, der Hoffart, der Lüsternheit machen die Menschen unsäglich elend, und sie wird nicht eher zu ihrem Frieden kommen, als bis sie das gefunden hat, was keine Revolution, wohl aber die Religion ihr geben kann: Liebe zum Leiden. Dass eine solche Liebe existiere, würde sie gewahr werden durch die armen Klöster, und wenn durch deren Beispiel, Anregung und Gebet auch nur hundert Herzen vom Dienste des Baal abgelöst würden – oder fünfzig, oder nur zehn – welch ein Gewinn für die Ewigkeit!"
"Wie würden d i e aber als R e a k t i o n ä r e verschrien werden!" rief Ernest lächelnd.
"Gerade so wie in der französischen Revolution des vorigen Jahrhunderts diejenigen als A r i s t o k r a t e n verschrieen wurden, die sich nicht wollten guillotinieren lassen. Sie waren Reaktionäre gegen die Guillotine,