in das Erdreich des Menschenherzens hineintreibt, wachsen seine Äste so stark und so hoch hinauf, dass sie sich von den irdischen Stürmen nicht mehr erschüttern lassen; und nur in dieser stillen Höhe entfaltet sich des christentum mystische Passionsblume, die zeitweise in früheren Jahrhunderten zu so prachtvoller Entwicklung kam: die Liebe zum Leiden."
"Die ist allerdings heutzutage nicht Mode," sagte Ernest; "im Gegenteil! Jedermann hat eine entschiedene Liebe zum Nichtleiden in einem solchen Grade, dass man sich gar keine Mühe mehr gibt, diese Übermacht des Erdgeistes in der eigenen Brust zu bekämpfen. Und das ist sehr erklärlich! Man muss anbetend vor dem Kreuze knien, um es liebend mit all seiner Herbe umfassen zu können. Aber wovor kniet die Welt? Ein teil, der panteistische, vor dem Gott, der sich im All offenbart und dessen Offenbarung nirgends herrlicher zu Tage kommt, als in dem Individuum A. oder Z. Da beten denn Z. oder A sich selbst an und beanspruchen für diese Gotteit in ihrer Brust die Glückseligkeitsfülle, die der Allmacht eigen ist. Ja, ja, Gräfin Regina, sehen Sie mich nur an mit Ihren Augen voll seraphischem Erstaunen! ich fable nicht! solcher Wahnwitz existiert nicht bloss in den wilden Phantasien hindostanischer Religionssysteme, die ihn erfanden, sondern auch in Köpfen, die von christlichem Taufwasser berührt sind – und er heisst Panteismus. Es werden freilich viele schöne Phrasen und Floskeln drum und dran gehängt, um zu blenden und zu betäuben; aber die lasse ich bei Seite und gebe Ihnen 'des Pudels Kern' – um mit Doktor Faust zu sprechen."
"Also das sind die Panteisten," sagte Regina. "Nun und was betet die übrige Welt an, die nicht panteistisch gesinnt ist, aber auch vom Kreuze nichts wissen mag?"
"Fetische, Gräfin Regina! – Der Fetisch ist, wie bekannt, jedes beliebige Ding oder Unding. Die alten Egypter beteten unter Anderen, nebst Krokodill und Katze, auch die Zwiebel an, weil sie gern dieselbe speisten. Wenden Sie das auf die Welt an! Der grösste Fetischdienst wird aber unstreitig mit Papierschnitzeln getrieben."
"Da muss ich auch zuhören!" rief Corona, und legte ihren Bleistift nieder, mit dem sie bis dahin fleissig gezeichnet hatte. "Das ist ja über allemassen merkwürdig! – Also, Herr Ernest, Papierschnitzel!"
"Ja, Komtesschen, mit Zahlen bedruckte. Steht eine Eins darauf, so ist die Anbetung gering! Zehn – zehnmal höher! Hundert – hundertmal höher! Tausend – nun dann ist sie enorm! Ein Päckchen solcher mit der Zahl Tausend bedruckter Papierschnitzel – ja, wenn das da drüben zu Engelberg auf der Stelle läge, wo die heilige Mutter Gottes steht – und es hiesse: Derjenige bekommt es, der zuerst auf Händen und Füssen den Berg erklimmt – o mein liebes Komtesschen, welch' eine Jagd würden wir erleben! Kein Glatteis, kein Regen, kein Schnee, keine dreissig Grad Hitze – nichts hielte diese Adoranten zurück, sich auf allen Vieren an die Eroberung ihres gebenedeiten Fetisches zu machen. Knieend die Wallfahrtstreppe zu ersteigen, andächtig dabei den Rosenkranz zu beten und sich in dieser kindlichen Weise vor dem göttlichen Kindlein Jesu zu demütigen: das ist in den Augen dieser Fetischdiener der höchste Grad des Lächerlichen und Törichten. Aber eine Promenade auf allen Vieren wäre höchst weise, respektabel und durchaus notwendig, wenn es sich um jene Papierschnitzel handelte; denn das sind Bankzettel, die Geldeswert haben – oder haben sollen."
"Bankzettel!" sagte Corona im Tone getäuschter Erwartung. "Ich dachte Wunder, was das sein würde!"
"Sie sind gar nicht auf der Höhe des Jahrhunderts, wenn das Wort Sie nicht elektrisiert zu brennendem Verlangen. Ja, Bankzettel sind die Idole der Welt, denn sie verhelfen zum Genuss ihrer Herrlichkeit und darin besteht, nach vorherrschender Meinung, das Glück und die Würde des Menschengeschlechtes."
"O," rief Regina, "wie notwendig ist es, dass gegen diesen niedrigen Zug, der durch die Menschheit geht und sie entadelt, ein energischer Protest eingelegt werde und ein Zug nach dem himmlischen mit Entschiedenheit sich kund gebe! Je mehr die einen nach den Freuden der Erde schreien und rennen, desto mehr müsse die anderen ihre Verachtung dieser Nichtigkeiten an den Tag legen und nach übernatürlichen Gütern seufzen und streben."
"Diesen himmlischen und ganz unausrottbaren Zug in der Menschheit, der durch ihre dunkelsten Epochen wie Sternenlicht schimmert, vertritt eben der Ordensstand," sagte Levin. "Sein Dasein ist der energische Protest einer Menschheit, die nach dem Bilde Gottes sich geschaffen und für ein ewiges Leben bestimmt weiss; die sich als verbannt aus dem Paradiese führt und sich dahin zurücksehnt; die, von geheiligter Willenskraft bewogen, eben so entschieden erlaubtem Erdenglück entsagt, wodurch sie, – wie Atalante durch die goldenen Äpfel – in ihrem Lauf gehemmt werden könnte, als man sich auf der anderen Seite, von brutalen Leidenschaften blind getrieben, gierig im Unerlaubten ergeht. Der Ordensstand ist der entschieden und in bestimmtester, gleichsam handgreiflicher Form ausgeprägte Protest der Kinder Gottes gegen das Gebahren der Kinder Belials. Daher der unaussprechliche Grimm dieser gegen jene! sie fühlen sich gleichsam bei Leibesleben schon verdammt durch die lichte Richtung, welche ihre finstere doppelt dunkel erscheinen lässt. Haben sie die Oberhand in den Angelegenheiten der Welt, so ist es regelmässig ihre erste Grosstat, dass Klöster aufgehoben und Ordensleute verjagt werden