mit ihm, und da man jetzt dem Fortschritt vor allem und in allem huldige und auf des Volkes Wohl zuerst und zuletzt bedacht sei: so müsse man nunmehr dem Kommunismus huldigen. Der Staat hat das uralte, heilige Recht der Kirche überflügelt zu Gunsten seiner Omnipotenz: der Kommunismus überflügelt diese zu Gunsten der seinigen, die durch einen furchtbaren Mechanismus im Gesamtgang des Lebens jede frische Blüte und jede edle Kraft in demselben unterdrückt."
"Wie trostreich," sagte Levin, "nimmt sich neben diesen, so ganz aus dem Erdgeist hervorgegangenen Bestrebungen das Walten des heiligen Geistes in der Kirche aus, der nichts untergehen lässt, was zum Leben in ewiger Wahrheit berechtigt ist. Ein ächter Ableger christlicher Gütergemeinschaft wächst fort und fort durch die Jahrhunderte und beweist, dass es, wie in den ersten Tagen des christentum, so auch in der Gegenwart, Seelen gibt, welchen es ein heiliges und durch die Christusliebe gerechtfertigtes Bedürfnis ist, in jener zu leben. Der Ordensstand bringt die Gütergemeinschaft mit sich."
"eigentlich die Armutsgemeinschaft," sagte Ernest.
"Allerdings – und das ist denn freilich etwas so Schönes, dass sich der natürliche Mensch nicht zu dieser Höhe zu erheben vermag. Der natürliche Kommunismus schreit von unten nach oben: Ihr Reichen, wir sind eure Brüder, wir wollen mit euch von dem Euren geniessen und schwelgen! – Der übernatürliche spricht von oben herab: Ihr Armen, meine Brüder in Christus, ich will mit euch arm sein."
"O Gott!" rief Ernest, "w e n n das nur von oben herab gesagt würde! Das ist das Elend in unserer Zeit, dass die Glaubenskälte, wie ein Gletscher, von den Höhen in die Täler hinabwächst! Damit stand es sonst anders! Da hatte das Volk wirklich strahlende, erwärmende Bilder heiliger Liebe und frommen Glaubens vor Augen. Da sah es einen König Ludwig von Frankreich täglich in seinem Palast eine Anzahl Armer nicht bloss speisen, sondern bei der Mahlzeit bedienen; einen König Stephan von Ungarn, nicht zufrieden mit diesem Akt der Demut, die Armen in ihren Hütten aufsuchen – oft zur Nachtzeit, weil sein Tag übervoll an Geschäften war – und ihnen milde Gaben bringen; eine Isabelle von Portugal die Aussätzigen waschen und kleiden; eine Elisabet von Türingen im Spital die Kranken pflegen. Da sah es Kaiserstöchter und Königswitwen herabsteigen von ihren goldenen Stühlen und in die strengen Orden der heil. Klara, der heil. Teresia eintreten, deren Mitglieder armseliger leben, als die Allerärmsten, elend gekleidet, dürftig genährt, Leib und Leben in frommer Busse und heiliger Andacht verzehren. Das Volk liebt alle armen Orden. Es ist ihm ein Trost, dass andere freiwillig jene Entbehrungen übernehmen, die es oft nur widerwillig selbst erträgt. Es wird unwillkürlich zu dem Gedanken hingedrängt, ohne Glücksgüter und ohne Lebensgenüsse auf Erden zu wandeln, müsse doch nicht so ganz unerträglich sein, da ja diese alle darauf verzichteten. Es lernt ahnen, dass es eine Liebe gebe, welche mächtiger und süsser sei, als alle Lieben der Welt; die Liebe zum Leiden, in der Nachfolge des dornengekrönten, geisselzerrissenen, nägeldurchwundeten, gekreuzigten Gottes. Gewahrt es nun, dass diese Liebe in den Grossen der Erde mächtig genug ist, um sie in ein freudiges Schlacht- und Brandopfer der vollkommenen Entsagung zu verwandeln: so fasst es umsomehr Vertrauen zu solchen starken, zärtlichen, kreuztragenden Seelen, als die irdische Höhe, von der sie herabgestiegen, blendender ist. E i n Fürstenkind bei den Karmelitessen oder Klarissen versöhnt tausend arme mit den Nöten ihres Daseins, denn sie sehen, dass die irdische Grösse sich gläubig und liebend in ein Dasein voll tausend Nöten versenkt. Es ist eine wundersame und gar nicht genug geschätzte Gnade, welch ein Segen auf dem guten Beispiel eines frommen Glaubens von oben herab liegt; es wirkt heilsam in die weitesten Kreise! O wenn doch recht bald nach alter Sitte aus jedem katolischen Fürstenhause zwei oder drei Töchter in ein Kloster strengen Ordens treten wollten! An diese zwei bis drei Prinzessinnen – fuhr Ernest zu Regina gewendet fort – würden sich dann zwei bis drei Dutzend hochadelige fräulein anschliessen und diese wiederum zwei- bis dreihundert Jungfrauen bürgerlichen Standes" ... –
"Halt, Halt! Herr Ernest, Sie entvölkern die Welt!" rief die Baronin ängstlich.
"Ja, von Proletariern, gnädige Frau," entgegnete er gelassen; "und das wäre in der Tat äusserst wünschenswert, denn es gibt auch ein fürstliches und adeliges Proletariat, seitdem man sich in diesen Regionen nicht mehr dem geistlichen und dem Ordensstande widmet."
"Man nennt das aber nicht so!" bemerkte sie mit leisem Vorwurfe im Tone.
"Ach, gnädige Baronin," rief Ernest, und sah sie freundlich mit seinem treuherzigen klugen Auge an; mir steckt der unverbesserliche Bauernbube im Blut, so alt ich auch bin, und Sie werden immer grosse Verdienste sich zu sammeln haben durch Ihre Nachsicht mit mir. Aber hier darf ich doch wahrlich ohne Scheu von jenem Proletariat sprechen, das – man möge es so nennen oder nicht – leider in der Welt ist; denn die Windecker sind davon unberührt. Hier haben wir den hochwürdigen Herrn, und Graf Hyacint tritt in dessen Fusstapfen ein."
"Ja, die Liebe zum Leiden!" sagte Levin sinnend. "Diese himmlische Blüte entsprosst dem Baum des Glaubens nur, wenn er in voller Kraft steht! Nur da, wo er ganz tiefe Wurzeln