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grosse Neigung für den äusseren Kommunismus der ersten Christen, der gewissermassen ein natürlicher Ausdruck für ihre übernatürliche Gemeinschaft war und ein warmes Zeugnis von ihrer Christusliebe ablegte. Die arme und Geringen, die Verlassenen und Elenden nahmen um Christi willen teil an Hab und Gut der Reichen und Grossen, und die schreckliche Kluft wurde ausgefüllt, welche zwischen Not und Wohlbehagen besteht und welche mir wie eine tiefe blutige Wunde am leib der Menschheit vorkommt. Ach, war das nicht schön?"

"Wohl war es schön!" entgegnete Levin, "wohl war es ein glänzendes Zeugnis für die Christusliebe, die in den Bekehrten der ersten Jahrhunderte flammte, wenn sie den Sieg, den das Christentum in ihren Herzen über heidnische Wertschätzung des Irdischen und über heidnische Genusssucht davongetragen hatte, dadurch feierten, dass sie freiwillig den Mitteln entsagten, durch die das irdische Dasein behaglich gepflegt wird und zu einer verkehrten Geltung kommtund in die freiwillige Armut eingingen, die um Christi willen die Genüsse der Sinnlichkeit, die Triumphe des Hochmutes verschmäht. Wunderschön war es, wenn diese stolzen Patrizier, diese königlich reichen Senatoren, diese mächtigen Stattalter, die über weite Provinzen geboten, plötzlich ergriffen von dem wunderbaren Glauben an einen freiwillig leidenden Gott, sich ihrer Glücksgüter, ihrer Welterrlichkeit schämten, weil dieselben einen schneidenden Gegensatz zu Golgata bildeten, und ihre Schätze mit ihren armen und bis dahin verachteten Brüdern teilten. Aber das Schöne in diesem Opfer ist eben dessen Freiwilligkeit. Niemand wurde bei den ersten Christen gezwungen, es zu bringen. Weder die Apostel noch die Armen in der Gemeinde forderten so etwas. Christus hatte nur einfach gesagt: 'Willst du vollkommen sein, so verkaufe, was du hast, und gib es den Armen' – und hatte es nur als Rat gesagt, nicht als Gebot. Es war also ein himmlischer Antrieb, aus dem jene Gemeinschaft hervorging: die Liebe Gottes entzündete edle Herzen zur innigsten Nächstenliebe. D e r Kommunismus kam von oben herab und ist der schlagendste Gegensatz zu dem modernen, unchristlichen, der durch Zwang und von kommunistischen Gesetzgebern eingeführt werden soll. übrigens gab es schon im zweiten Jahrhundert Häretiker,4 welche neben ihrer Irrlehre auch irrige soziale Verhältnisse und namentlich die allgemeine Gütergemeinschaft predigten, und bei einigen häretischen Sekten des Mittelalters tauchte sie ebenfalls auf. Es ist also an dieser Erscheinung in unserer Zeit nichts neu, als der Name: Kommunismus. Er gibt ihr einen gewissen pedantischen Anstrich, als sei die Sache im System versteinert, bevor sie sich im Leben als praktisch bewährt hat, und sie gehört auch zu denjenigen Teorien, welche der Unglaube ausbrütet, um das Christentum, wie er wähnt, zu überflügeln."

"Ja," sagte Ernest, "der brutale Bursche Kommunismus rächt die Verbannung der himmlischen Charitas! Wie manche Staaten wähnten sich in der selbstgefälligen Vorstellung von ihrer Omnipotenz beeinträchtigt, weil die Charitas reiche, frische, kräftige Blüten auf dem Boden der Kirche trieb. Die katolische Liebe mit ihren unzähligen Anstalten der Barmherzigkeit nicht unter Verwaltung des Staates zu sehen, war dieser krankhaften Sucht nach Regiererei unerträglich. Diese Anstalten wurden eingezogen, zusammengeschmolzen, umgestaltet, unter ein Heer von Beamten gestellt, die über jeden Kreuzer eine weitläufige Rechnung, über jedes Stück Brot eine genaue Kontrolle führen mussten und deren Besoldung einen beträchtlichen teil der Habe der Armen verschlang. Nun war man doch sicher, dass nichts verschleudert wurde! Nun hatte man doch der Kirche diese grossen Geldmittel entrissen, vermöge welcher es ihr so leicht wurde, das geringe Volk für sich zu gewinnen und ungescheut Übergriffe in die Rechte des Staates zu machen und ihren Obskurantismus zu verbreitenwährend nun hinter den Bollwerken der Bureaukratie der Staat geschirmt und gesichert für ewige zeiten war und die Aufklärung ihre Siege feierte! – Alle engen Herzen und beschränkten Köpfe stiessen in die Jubelposaune über solche Massregeln von Seiten der Regierungen. Aber siehe da! die Zuflüsse stockten! vor dem Rauschen der Schreibfedern in ungeheueren Registern floh die verschüchterte Charitas, die an den Verkehr mit armen Ordensbrüdern, stillen Nönnchen und einfachen Priestern gewöhnt war, auf vertrautem Fuss mit ihnen lebte, sie als Verwalter und Ausspender der Gaben Gottes kannte und deshalb keine ängstlich genaue Rechnungsablage von ihnen begehrte. An die Stelle jener ungeheueren freiwilligen Liebesgaben, welches das christliche Europa mit Anstalten d e r Barmherzigkeit erfüllten, die im bedürftigen nächsten Christus den Herrn sieht und ihn demgemäss behandelt wissen willtrat der Staat mit seiner Verwaltung, seinen Besoldungen, seiner Armentaxe, seiner Armensteuer, seinem Geschäftsgang, und machte die leidenden Glieder Christi zu Objekten, für die man fast ebenso gut zu sorgen habe, als dafür, dass keine Motten in die Montierungskammern kommen. Dies fühlen die Armen sehr gut; es missfällt ihnen ungemeinwas ihnen auch nicht zu verdenken istund Dankbarkeit kann durch diese Sorte von Wohltätigkeit nicht geweckt werden. Im Gegenteil! vom Staat erwartet jeder vor allem Gerechtigkeit. Nimmt der Staat also die sorge für die Armen in die Hand, so möge er dochfolgern die Armenetwas mehr für sie tun und sie nicht so kläglich unterstützen, da es ihm ja doch nie, in ihren Augen, an Mitteln fehlt. In ruhigen zeiten lässt sich ihr Murren überhören als bedeutungslos; aber in unruhigen kann sehr leicht ihr Missvergnügen benutzt und dem Staat gefährlich werden. Er hat die Charitas unter Vormundschaft seiner Bureaukratie stellen wollenwie es hiess, zum Vorteil der Armen; jetzt tritt der grobe Kommunismus auf und sucht zu beweisen, deren wahrer Vorteil beginne