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. Aber er blieb ruhig bei seiner Behauptung:

"Das Volk ist betört, berauscht und irregeleitet durch das Geschrei der falschen Freiheitspropheten, die ihm goldene Berge der Zukunft vorschwindeln."

"Aber diese Schwindelei bringt uns in Wirklichkeit um Hab und Gut," rief der Graf aufgeregt; "und was viel mehr ist, bringt uns um unser uraltes Recht, ja sogar um unsere Ehre, indem wir gezwungen werden, die Erfindungen der revolutionären Schreier als gesetz gelten zu lassengezwungen durch offenbare Feindseligkeit und Aufhetzerei des Volkes gegen uns, so dass man eines Tages, man weiss nicht wie! den roten Hahn auf dem Dach hat. Ebenso gut könnte man einer Räuberbande gehorchen."

"Dahin kommt es mit einer Menschheit, die aus dem Geleise des wohlgeordneten Gehorsams gewichen ist," sagte Levin ernst. Der Menschengeist hat sich in jedem Einzelnen von Gott emanzipieren und der ewigen Weisheit den Gehorsam verweigern wollen: dafür wird er jetzt ein durch Furcht vor Gewalttaten verschüchterter Sklave menschlicher Verkehrteit. Der himmlischen Liebe hat er nicht dienen wollen in edler Freiheit seines Willens, so gehorche er jetzt, furchtgeknechtet, sündiger Torheit und Bosheit."

"Welch ein Trost!" murrte der Graf.

"Ein grosser, lieber Damian, denn damit schlägt man den Weg der Busse ein. Nimm hin die Trübsal als heilsame Arznei und bringe die geforderten Opfer nicht der Revolution, nicht den sogenannten Rechten des Volkes, die sich nicht urplötzlich dekretieren lassen, sondern bringe sie Gott dar, dessen Hand unsichtbarer Weise in dieser Revolution die Menschen prüft und wägt, und denjenigen fallen lässt, den er zu leicht befindet." –

Der Graf hatte Frankfurt viel früher verlassen, als er es ursprünglich beabsichtigte. Daher war das Gemälde, welches Ernest von seinen Töchtern malte, noch lange nicht vollendet. Der Graf lud Ernest ein, es auf Windeck fertig zu machen, da auch ihm der Aufentalt in Frankfurt und überhaupt in jeder Stadt gegenwärtig nicht angenehm sein könne. Freudig nahm Ernest die Einladung an. Ihm gefielen die Windecker sehr gut, für Regina hatte er eine andächtige Zärtlichkeit, und da sein Aufbruch von einem Ort keine grosse Anstalten erheischte, so vollendete er noch einige Porträts und begab sich dann nach Windeck, wo ihm die Baronin ein kleines passendes Atelier eingerichtet hatte. Er war allen willkommen. Der Graf, gastfrei wie ein ächter grand seigneur, hatte gern viele Menschen unter seinem Dach, und freute sich, wenn sie sich behaglich fühlten und ungeniert bewegten. Belästigen und stören durfte man ihn nicht; dafür liess er aber auch jeden gewähren. An Ernests heiterem Sinn fand er grosses Gefallen in der trüben Zeit. Die Baronin sah in jedem männlichen Wesen einen Beschützer gegen etwaige Attentate. Sie hätte das grosse Schloss voll Gäste haben mögen, um aus ihnen gleichsam eine Leibwache sich zu bilden. Regina und Corona fühlten sich mit der Sorglosigkeit der Jugend und dem kindlichen Gottvertrauen der frommen Seelen persönlich nicht beängstigt durch die Zeitverhältnisse. Ja, Regina hätte sich freuen mögen, weil sie Uriels Entfernung veranlassten. Aber was in den öffentlichen Ereignissen sie betrübte, das waren die vielfachen Gottesbeleidigungen, die sich bei dieser Auflösung von Zucht und Ordnung kund gaben, und der bittere Hass gegen die Kirche, welcher der Revolution gleichsam aus allen Poren drang. Das sah sie ein: eine so furchtbare Missstimmung unter den Menschen, eine so klägliche Verwirrung aller Begriffe über Recht und Pflicht musste ihren eigentlichen Grund und Ursprung in der Zerfallenheit der Menschen mit Gott haben, woraus denn die Zerfallenheit des Menschen mit sich selbst und mit dem nächsten hervorgeht, und verwirrend und verfinsternd auf alle Verhältnisse wirkt.

"Lieber Onkel," sagte sie einmal traurig und beklommen zu Levin, "sieh', wie die einen so wild fordern und so blind niederreissen und mit Gewalt ihr Ziel zu erreichen suchenund wie die andern so ungern geben und nachgeben, und dennoch so schwach sich verteidigen, als zweifelten sie an ihrem Recht, der Willkür entgegentreten zu dürfen! Ach, wo ist da der heilige Geist geblieben, der jener Erstlingsgemeinde der Christen zu Jerusalem 'ein Herz und eine Seele' gab und einen himmlischen Kommunismus hervorrief!"

"Der heilige Geist ist da, wo er immer ist," sagte Levin, "im Herzen derer, die ihn auf sich wirken lassen, und die man nicht im Tumult der Faktionen und im Zank und Streit der Parteisucht suchen darf. Er wirkt in der Stille und bereitet sich in der Verborgenheit seine Werkzeuge und scheidet die guten Elemente in dem grossen Schmelztiegel der Gegenwart von den bösen ab, und wie die Saaten gut gedeihen bei Ungewittern, so werden auch die Blitze und Donnerwolken der Zeit den Keimen und Pflanzungen nicht schaden, die der heilige Geist gerade jetzt und ohne dass wir wahrnehmen können, wieausstreut und pflegt. Du aber, Kind, fürchte nicht, dass er, wie ein enttronter König, vor Barrikaden und Freischaren aus seinem Reich fliehe, und nimmst Du wahr, dass die Weltkinder ihm ihre Herzen verschliessen, so lichte und reinige Du mehr und mehr das Deine, damit er gern bei Dir seine Einkehr nehme. Dann lebst Du ja in dem himmlischen Kommunismus des mystischen Leibes Christi, den die heilige Kirche darstellt, und hast mit allen ihren lebendigen Gliedern, ihren gläubigen Kindern, die seelenernährende Gemeinschaft der heiligen Sakramente und die herzstärkende Gemeinschaft des Gebetes."

"Und dennoch, lieber Onkel," sagte Regina lächelnd, "hab' ich eine