gefunden.
"Also einen Revolutionär habe ich unter meinem dach grossgezogen und mit aller Liebe und Sorgfalt einen Basilisken ausgebrütet," sagte der Graf, als Orest mit diesen Nachrichten zurückkam.
"Wir wollen Gott danken, dass es von vieren – nur einer ist," sagte Levin.
"Und kein Windecker!" setzte der Graf hinzu.
Levin ruhte mehr denn je am Herzen Gottes. Sein Friede konnte durch den Unfrieden in der Welt nicht getrübt werden. Seine lange Erfahrung zeigte ihm in dem immer wiederkehrenden Ausbruch solcher Ungewitter die tiefe Störung im geistigen Leben der Menschheit, die aus ihrem Gleichgewicht gekommen war, weil sie in sich dem Niederen die Macht über das Höhere gegeben hatte, und die nun, taumelnd und berauscht, in Orgien verfiel, welche den einen Untergang, den anderen aber Ernüchterung bringen mussten. Lange Friedenszeiten, die der Entwicklung des materiellen Wohlstandes günstig sind, führen die Menschheit leicht zur Überschätzung ihrer Kräfte, ja, zu einer Vergötterung derselben. Brechen dann grosse geschichtliche Katastrophen wie Orkane ein, so knicken alle die überschätzten und angebeteten Kräfte zusammen, zeigen sich in ihrem Nichts, ja, werden zum Rohr, das zersplitternd die Hand verwundet, die sich darauf stützt und bringen durch das Bewusstsein tiefer Hilflosigkeit die Menschheit zur Besinnung über die lange verschmähte Liebe Gottes, die während des Idolendienstes nicht zur Geltung kam. Dies ist nun freilich nie die Absicht derjenigen, welche die Katastrophen zum Ausbruch bringen; denn Liebhaber des Kreuzes machen keine Revolution; aber so ist der gang der Weltgeschichte! Dem freien Willen des Menschen ist aller Spielraum gelassen, bis zu einem gewissen Punkt, den niemand kennt, als Gott allein. Ist die Sündflut bis zu d e m Ararat gestiegen, so sinken die wasser der Trübsal und mancher Noe richtet den Altar auf, um Gott ein Dankopfer darzubringen. Je grösser und allgemeiner die Ueberschätzung des Niederen und die Missachtung des Höchsten in der Welt ist, umso grösser müssen die Katastrophen sein, die aus einer solchen Verletzung der göttlichen Ordnung hervorgehen; umso lauter muss der Warnungsruf erklingen, der die Berauschten aus ihren Orgien wekken soll. Das alles hatte Levin schon in den gesamten Weltereignissen, und häufiger noch in den Schicksalen einzelner erlebt. Er war daher ganz ruhig und suchte auch andere zu beruhigen, namentlich das Landvolk, das durch glänzende Vorspiegelungen geblendet wurde und auf die Revolution eingehen sollte. Eine so lange, lange Reihe von Jahren hatte Levin hier gelebt, seine zärtlichste Sorgfalt gerade dem gemeinen mann zugewendet, zwischen denen er, wie sein göttlicher Meister, "wohltuend umherging", kannte auf den Windecker Besitzungen alle Leute, die Alten – als seine Zeitgenossen und so abwärts bis zu den Kindern herab, deren Eltern er schon als Kinder gekannt. Da war kaum einer, dem er nicht irgendwie einen Dienst geleistet, einen Gefallen getan, einen Rat erteilt – und da waren sehr viele, denen er hilfreich die Hand gereicht hatte in mannigfachen Nöten und Drangsalen.
In ruhigen Tagen waren auch alle fest überzeugt, dass niemand es besser mit ihnen meine und bereitwilliger sei, ihnen mit Rat und Tat zu dienen, als der hochwürdige Herr; aber durch die feindlichen Aufstachelungen und bösartigen Verdächtigungen, welche die Umsturzpartei überall ausstreute, um Misstrauen an die Stelle des Vertrauens zu bringen, kam es denn doch dahin, dass dies Vertrauen sehr geschwächt und dadurch Levins Einfluss sehr geschmälert wurde. Es wurde den guten Leuten vorgestellt, er sei zu alt, um auf die neuen zeiten eingehen zu können; er hänge deshalb zu fest an den Vorurteilen, welche die Welt beherrschten, halte zu viel auf die Vorrechte einiger und zu wenig auf die Rechte aller – und könne daher für die Gegenwart kein guter Ratgeber sein. Die Gegenwart habe nichts im Auge, als den Vorteil des Volkes. Es sei schwer, ja kaum möglich, dass einer vom Adel, der noch dazu Priester, als zwiefach beteiligt sei, das Volk in Unmündigkeit und Abhängigkeit zu erhalten, um es materiell und geistig zu beherrschen, seine und seines Standes Vorrechte fallen lasse, und sich aufrichtig mit dem Volk verbrüdere. Es möge sich also nicht blind leiten lassen von irgend einem Herrn; denn ein solcher werde es immer und immer wieder zur Ruhe, Ordnung, Gesetzlichkeit auffordern und somit um die Vorteile bringen, die es eben jetzt durch entschiedene Forderungen sich erringen müsse. – Wer ist taub gegen die Lockungen persönlicher Vorteile? und wem muss man leichter verzeihen, wenn er es n i c h t ist, als dem gemeinen Mann, dessen mühseliges Leben so arbeits- und sorgenvoll ist! Das Licht des Glaubens muss mit voller klarheit auf ein solches Leben fallen, und dessen Verdienste in der Vereinigung mit dem verborgenen Leben recht hervorheben, welches der Sohn Gottes in der armen Hütte des geringen Zimmermanns führte, um in solchen Verhältnissen gegen die Vorspiegelungen von grossen rechtmässigen Vorteilen taub und blind zu machen. Levin empfing sein volles Mass von Bitterkeit durch die Kälte und das Misstrauen, die vielfach seiner warmen Treue begegneten; aber er liess sich nicht erbittern! Lebenslang hatte ja sein göttlicher Meister nichts so reichlich mit ihm geteilt, als die Myrrhen. Je heftiger der Zorn des Grafen aufbrauste, wenn die neu erfundenen "Grundrechte" eine Bresche nach der anderen in der Mauer des historischen Rechtes und einen Raubzug nach dem anderen auf fremden Gebiet machten, desto milder wurde Levin, so dass der Graf zuweilen auch ihm zürnte und ihm vorwarf, im Bunde mit der Revolution zu sein