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der Geist des Menschen ein Produkt seines GehirnsReligion die Erfindung und Politik schlauer Priestergöttliche Offenbarung ein widersinniges Märchenein ausserweltlicher persönlicher Gott etwas Undenkbaresdas Leben ein Tummelplatz für alle Gelüsteder Tod der Eintritt in das Nichts sei. Sein Dank gebührte den freien Denkern, die nicht nur gänzlich absahen vom Katolizismus, der ja, seit dreihundert Jahren schon tot, nur noch als Gespenst mit den Nachteulen und Wehrwölfen zu mitternächtiger Stunde umherschleiche, und nur von kleinen Kindern und alten Weibern wahrgenommen werde; sondern auch vom Protestantismus; der ja nichts weiter sei, als eine Kritik des Katolizismus, viel weniger innere Triebkraft und schöpferische Befähigung habe, als dieser, um einen Fortschritt der Menschheit zur Verbrüderung zu erzielen, und allenfalls nur zu dulden sei, weil seine tausend Sekten ebenso viel Tore öffneten, durch die man dem Christentum entfliehen könne.3 – Nein, dem Windecker Grafen gebührte kein Dank! Aber mit unaussprechlichem Wohlbehagen stellte sich Florentin die Möglichkeit vor, dass er in irgend einem, für die Windecker recht gefährlichen und recht demütigenden Augenblick als ihr Beschützer vor ihnen auftreten und ihnen beweisen könne, welch' edles Herz in einer demokratischen Brust schlage.

So, ohne einen Funken von religiöser denke- und Willensrichtung, die gänzlich erloschen war in dem eisigen Egoismus seines Hochmutes und Ehrgeizes, machte sich Florentin an die Neugestaltung der menschlichen Verhältnisse. In erfahrungsloser Kurzsichtigkeit und ohne richtige Kenntnis des Menschen und der geschichte der Völker brachte er den Mangel an jener Richtung gar nicht in Anschlag. Er dachte: nur niedergerissen! nur tabula rasa gemacht! dann findet sich der Aufbau von selbst! Aber nur die religiöse denke- und Willensrichtung hat Trieb- und Bildkraft, denn nur sie hat einen Lebensgrund in der Liebe zu Gott und zum nächsten, die verbindend wirkt und aus der sie schöpft. Diese übernatürliche Liebe ist in der Menschheit, was im einzelnen Menschen seine Seele: sie hält den ganzen Organismus zusammen. Ohne sietritt der Tod ein, die Auflösung, und Totengebein wird zu Staub, wenn nicht, wie in jener Vision des Propheten Ezechiel, der Geist Gottes es neu belebt. Florentin wähnte mit sozialistischen Ideen das Nämliche leisten zu können. –

Auf Windeck war freilich mit der Rückkehr der Familie auch etwas von der schwülen Stimmung und Spannung der Zeit eingekehrt; aber sie hatte auch ihr Gegengewicht. Der Graf hegte grosse Besorgnis vor der Gefährdung des Besitzes, der infolge der Gefährdung des historischen Rechtes allerdings sehr bedroht war, und mit unaussprechlicher Geringschätzung betrachtete er die Leute, die plötzlich durch die Wogen der Revolution von unten nach oben gebracht, in ihrer Weise zu herrschen und ihre Ordnung einzuführen suchten. Die Baronin Isabelle stand Todesangst aus vor den Forderungen des Landvolkes und den Zusammenrottungen allerhand Gesindels. Sie hätte sich selbst und ganz Windeck unsichtbar machen mögen, um nur ja keine scheelen Blicke auf dies Aristokratennest zu lenken. So wie der Graf aus Frankfurt zurückkam, liess er, wie immer, wenn er anwesend war, über dem Schloss seine Fahne aufziehen. Nicht genug, dass dies stolze Banner äusserst aristokratisch da wehte und den Schlossherrn verkündete, so waren die Windecker Wappenfarben auch noch zum Unglück die Farben Oesterreichs: schwarz und gelb. Wenn es ein mildes Weiss und Blau, oder ein freundliches Rot und Weiss gewesen wäre, das hätte doch nicht so finster, so drohend, so unheilverkündend ausgesehen! Mit Tränen flehte sie ihren Schwager an, diese entsetzliche Trauerfahne mit österreichischen Färbungen bei den gegenwärtigen Verhältnissen einzuziehen; sie walle ganz zwecklos über den Zinnen, denn willkommene Gäste dürfe man in den betrübten Zeitläuften doch nicht erwarten, und der Heimsuchung durch unwillkommene wünsche man ja sehnlichst zu entgehen. Aber stolz wies der Graf dies Gesuch ab mit dem Bescheid, sein alter Brauch habe nichts zu lernen von revolutionärer Insolenz.

Uriel und Orest waren beide in österreichische Kriegsdienste gegangen. Die ganze Jugend war kampfesdurstig und bereit, an der allgemeinen Aufregung tätigen Anteil zu nehmen: die einen im revolutionären Sinn, die anderen im konservativen. Obgleich Oesterreich für den Augenblick vielleicht mehr gefährdet war, als irgend ein anderer Staat, da innere und äussere Feinde zugleich ihn anfielen: so stand dennoch das alte traditionelle Vertrauen zu seiner Lebenskraft, die sich in den vielfachen Stürmen von mehr als einem halben Jahrtausend entwickelt und bewährt hatte, in allen denjenigen fest, welche nicht gesonnen waren, mit der Revolution zu gehen und sich ohne Schwertstreich vor ihr zu beugen. Als man sah, welche Wendung die Dinge in Deutschland nahmen, erklärte Uriel gleich:

"Ich gehe nach Oesterreich in den italienischen Krieg! Welche Wonne, gegen einen äusseren Feind die Kräfte zu brauchen, die sich in der Untätigkeit fieberhaft steigern, und die zu edel sind, um sie gegen deutsche Freischaren anzuwenden."

Orest verliess sogleich seine Jagden und seine Berliner Oper- und Balletfreuden, deren Zauber vor den Barrikaden schwand, und eilte nach Windeck, um mit Uriel nach der Lombardei zu gehen. Er hatte an Florentin geschrieben und ihn nach Windeck beschieden, um zu hören, was Florentin jetzt beginnen werde. Allein von diesem kam weder eine Antwort noch er selbst. Orest ging nach Würzburg, um ihn zu suchen und bei Hyazint, der dort im geistlichen Seminar studierte, Erkundigungen über ihn einzuziehen. Aber er war fort und niemand wusste, ob nach Wien, ob nach Frankfurt, ob nach Paris oder wohin sonst. Während des ganzen Winters hatte Hyazint ihn ein einzigesmal gesprochen und ihn aufgeregter, bitterer denn je