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an Todesprophezeiungen, sondern drückte mich nur figürlich aus, um das Schwunghafte in diesem Engel des Lichtes zu bezeichnen. Ist denn die Gräfin Regina kränklich? fürchtet man für ihre Gesundheit?"

"Nein, gar nicht! Aber ich weiss nicht, wie es kommt, diese Bilder machen mich traurig, und es ist mir, als ob ich meine Cousine im Himmel sähe."

"Anticipandoist das ganz richtig, Herr Graf und ich wünschte sehr, dass Sie diese Second sight auch von der Peri hätten."

"Die Peri," sagte der vielbelesene junge Mann, der auf der anderen Seite neben Ernest stand, "die Peri ist und bleibt eine Oreade."

Ernest tat ihm den Gefallen, gutmütig zu fragen:

"Warum denn gerade eine Oreade? könnt' es nicht auch eine Dryade sein, oder eine Najade? die ich freilich lieber Nixe nenne."

"Keineswegs!" sagte der Belesene. "Die Oreade muss es eben sein; denn die Oreade ist ein Geist, der in Felsen wohnt, und der dadurch so gewiss versteinert und unnahbar ist, wie diese Peri, d.h. wie ihre Darstellerin."

Ernest dachte in seinem Sinn, es sei der Peri kaum zu verargen, wenn sie diesem Belesenen gegenüber ihren Oreadencharakter recht entschieden hervorgekehrt habe. Er fragte weiter:

"Nun, und der Engel des Lichtes? was haben Sie von dem zu bemerken?"

"Wie es in dem indischen Gedicht Nal und Damajanti heisst: 'Sie ist an Schönheit und HuldgeberdenWie eine Wundersage auf Erden'" – war die Antwort.

"Ei!" rief Ernest, "was Sie nicht alles wissen! Von der griechischen Mytologie bring' ich wohl allenfalls ein Stückchen zusammen wegen der allegorischen Manier der bildenden Künste, welche im Zeitalter der Renaissance und ihres Auswuchses, des Rokoko, in ganz Europa florierte, und von der unsereiner Notiz zu nehmen hat. Aber indische Poesienein! so hoch hab' ich mich nie verstiegen! und was Sie für ein ausgezeichnetes Gedächtnis haben! das ist auch beneidenswert."

"Mein Gott," flüsterte Uriel Ernest zu, "er bringt uns ja alle vor Langeweile um mit seinen Zitaten, und Sie bestärken ihn darin!"

"Ach," sagte Ernest, "solch harmlose Leute sind gar nicht übel und etwas sanftmütige Langeweile bei indischen und sonstigen Zitaten ist meiner Seele viel heilsamer, als die Unterhaltung durch pikante Bosheiten." –

Der Vorhang rauschte zum letztenmale nieder, die Kronleuchter wurden wieder angezündet, die Darstellungen waren zu Ende, der Ball begann. Die meisten Damen, die in den Bildern figuriert hatten, blieben in ihrem Kostüme. Regina hatte es aber für sich höchst unpassend gefunden und ihr Kammermädchen mit einem Ballanzug nach Judits Zimmer beordert. Als sie dies Zimmer betrat, fiel ihr blick auf die Uhr; es war Mitternacht.

"Genug der Mummerei!" sagte sie zu dem Mädchen, das erwartungsvoll zwischen Flor, Blumen und Bändern dastand. "Ich kann unmöglich in tiefer Nacht ein Maskenkleid ablegen, um ein anderes anzuziehen. Packen Sie den Kram zusammen, Brigitte, während ich meinem Vater in zwei Zeilen schreibe, dass ich nach haus fahre."

Als ein Diener dem Grafen dies Zettelchen überreichte, stieg Regina mit Brigitte in einen Fiaker und fuhr von dannen. Der Graf war gar nicht darüber erzürnt, suchte die Baronin Isabella auf und folgte mit ihr seiner Tochter. Im Wagen sagte er zu seiner Schwägerin:

"Es war ein recht unheimlicher Abend! Haben Sie nichts gehört?"

"Doch! schlimme Gerüchte von einer Revolution in Paris."

"Wobei das allerschlimmste, dass die Gerüchte wahr sind! Die Revolution ist ausgebrochen, Louis Philipp hat seinen Bündel schnüren müssen, und wir wollen dasselbe tun und unverzüglich nach Windeck zurückkehren. Die Herren von der Diplomatie und von der Bank hatten die grösste Mühe, ihre bedenklich verlängerten Gesichter in den stereotypen, nichtssagenden Falten zu erhalten. Besonders der Festgeber selbst, von dem man behauptet, auch er werde sein Bündelchen schnüren müssen."

"Welche Kalamitäten verhängt doch dies beständig revolutionierende Frankreich über die Welt, und wähnt sich im Fortschritt begriffen, während es dem Abgrunde zutaumelt und andere mit hinabreisst!" seufzte die Baronin.

Revolution

Die Nachrichten waren ganz richtig, und die revolutionäre Mine, welche am 24. Februar 1848 in Paris Explosion machte, setzte nach und nach alle Minen voll lange angesammeltem Zündstoff in ganz Europa in Feuer. Wie weit die Flamme um sich greifen werde, wusste niemand, und noch viel weniger, wie sie zu löschen sei. Die gesunde Vernunft liess sich in einer Weise teils überrumpeln, teils hinter das Licht führen, teils terrorisieren, die vielleicht ohne Beispiel in der Weltgeschichte ist. Der Geist, der die Geschicke der Menschheit regiert, liess das zu, um warnend zu zeigen, wohin die Worte Fortschritt und Freiheit führen, wenn man sie ihres wahren Sinnes, ihres Zusammenhanges mit dem Christentum beraubt und die edelsten und heiligsten Aspirationen des Menschenherzens, zu denen die sehnsucht nach Freiheit und das Streben nach Fortschritt gehören, durch materialistische Auffassung und egoistische Deutung verfälscht und missbraucht. Die wahre Freiheit und der wahre Fortschritt des Menschen führen ihn zu seiner Heiligung, und da es seine Bestimmung ist, hienieden an seiner Heiligung zu arbeiten, und da zwischen seiner Bestimmung und seiner sehnsucht ein geheimer Zusammenhang besteht, so gibt es wohl wenig Herzen, die bei den