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Tragisches; wenigstens kam es mir so vor, weil ich dies junge, schöne Mädchen so sehr bedauere: sie ist nämlich Jüdin. Ich musste immer denken, wie das klingen würde, wen sie 'Ave verum' sänge oder 'O salutaris' und ihre unvergleichliche stimme zu Lobliedern der ewigen Liebe anwendete, von der sie nichts weiss. Ich war schon früher mehrmals aufgefordert worden zu singen, hatte es aber immer abgelehnt und mir schon Vorwürfe von dem guten Vater deshalb zugezogen. Es ist mir unheimlich, vor den vielen Leuten mich hinzustellen und ihre Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Überdas ist mein Singsang wirklich zu unbedeutend für eine elegante Soiree. Als man mich gestern wieder bat, doch auch einmal mich hören zu lassen, dachte' ich, nun sei gerade der günstige Moment gekommen, um den Leuten zu zeigen, dass ich nichts kann, denn mein Gesang verhält sich zu dem der schönen Judit, wie das Trillern des Finken zum Schlag der Nachtigall. Und was ich zu singen hätte, das wusst' ich auch gleich und das war auch nicht auf den Salonton gestimmt. Die Welt singt von ihrer Liebe, ihren Freuden, ihrem Glück; – nun wohlan! Ich werde von dem meinen singen! Und weisst Du, lieber Onkel, was ich sang? – Das Wiegenlied der Mutter Gottes von Lope de Vega. Ich frohlockte es ordentlich aus der Brust heraus, dermassen erfrischte sich mein Herz an dem Gedanken, dass so ein wenig Himmelsluft in die schwülen irdischen Dünste hineinwehe:

'Heilige Engel,

Die ihr dort flieget

über den Palmen,

Sänftigt den Wind!

Kommet und wieget

Das göttliche Kind.'

Ich sang aber spanisch, lieber Onkel. Das verstand kein Mensch, und dadurch fühlte ich mich recht geschützt in meinem Liebesgespräch. Man wollte wissen, was ich gesungen habe. Ich sagte, es sei ein Lied von Lope de Vega, und ich vermute, dass man sich verpflichtet fühlte, um dieses berühmten Dichters willen meinen Gesang zu loben. Ach, lieber Onkel! Alles wird gelobt, nur nicht derjenige, der allein alles Lobes würdig ist. Gott wird verschmäht, ist Null, und was Null ist, wird verherrlicht. O ewige Liebe, man liebt dich nicht." – –

In der Gesellschaft fing man an, Regina ganz ungemein zu bewundern. Mit ihrer Herzensfrische, ihrem lebhaften verstand, ihrer anspruchslosen Einfachheit, ihrer Seelengrazie machte sie zwischen den bis zur Dressur wohlerzogenen jungen Damen den Eindruck, als trete sie aus irgend einem paradiesischen Urwald in die Welt hinein. Die kleinen niedrigen Triebfedern, welche diese beherrschen: Eitelkeit, Gefallsucht, Selbstbespiegelung, berührten sie gar nicht, denn sie wollte keinem Menschen gefallen. Aber sie hielt sich deshalb nicht für besser, sondern nur für glücklicher. Sie hatte ihr Herz in Sicherheit gebracht bei der ewigen Liebe: gab es ein grösseres Glück? Der heitere Friede, der aus diesem reinen, stillen, sicheren Glücksbewusstsein hervorging, und der sich durch die liebenswürdigste Freundlichkeit gegen alle Menschen aussprach, machte sie zu einer äusserst wohltuenden Erscheinung in einer Sphäre, wo so viel Zerrissenheit und Verwirrung durch traurige Leidenschaften zu haus ist. Obwohl niemand weniger als sie mit den Ansichten, Beweggründen und Urteilen der Welt sympatisierte: so wusste sie diesen Mangel an Sympatie doch so lieblich zu umschleiern, dass man sich fast zur Übereinstimmung mit ihr gedrängt fühlte. In jener musikalischen Soiree hatte Judit durch ihren prachtvollen Gesang, namentlich der berühmten "Gnadenarie" aus Robert dem Teufel, die Gesellschaft in eine Art von gewitterhafter Aufregung versetzt. Niemand wollte nach ihr einen Akkord anschlagen, einen Ton singen. Jeder fühlte, dass er Fiasko machen müsse, und zog sich deshalb zurück. Für Regina war das ein Grund zu singen. Ihre Herzenslust und ihre innerste Meinung verschleierte sie hinter der spanischen Sprache und sang so süss und liebreizend, dass es nicht anders war, als ob die blitzdurchzuckten Wetterwolken, die Judit heraufbeschworen hatte, von leuchtenden Sternen überraschend durchbrochen würden. Nicht Lope de Vega wurde am Schluss bewundert, sondern Regina. Das glaubte sie aber nicht. Der Graf sonnte sich in den Huldigungen, die seiner Tochter dargebracht wurden, und freute sich seiner luminösen idee, sie so früh in die Welt eingeführt zu haben. Die Reize des wirklichen Lebens würden ganz allmälig ihre Träume aus dem Sattel heben, hoffte er zuversichtlich. Uriel hoffte auch, aber auf seine Liebe, nicht auf die Welt.

Die lange und viel besprochenen, probierten und studierten lebenden Bilder kamen endlich zu stand. Ernest beklagte aber hundert Mal, seine Hand in dies Wespennest gesteckt zu haben, wie er sich ausdrückte. Gegen die Aufgabe, aus so rebellischen Elementen von hölzernen Männer- und gezierten Frauengestalten ein Bild zusammenzustellen, sei es ein Kinderspiel, ein wandgrosses Gemälde zu skizzieren. Überdas wollten sich die Damen nach dem Modejournal kleiden, nicht nach seiner Angabe; und jede war überzeugt, dass er ihr gerade die Stellung und den Ausdruck angewiesen habe, welche ihr am wenigsten vorteilhaft wären. Die eine konnte nicht ihren schönen Fuss präsentieren; bei der anderen wurde gerade ihr schöner Arm beschattet, und bei der dritten keine Rücksicht auf ihr schönes Haar genommen, womit sie doch ganz gewiss die heil. Genoveva von Brabant hätte darstellen können! Ferner wollte eine jede, dass gerade ihr Tableau das letzte sei, den letzten Eindruck mache, durch kein nachfolgendes verdunkelt werde. Endlich sagte Ernest:

"Meine gnädigen Damen, wie kunstvoll Sie sich sämtlich