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um in den Himmel zu gelangen! Indessen, bei so einer Elfe oder Fee wollen wir's nicht allzu genau nehmen und die Bilder können sehr schön werden. Sie, fräulein Judit, werden die Peri darzustellen haben, und Gräfin Regina Windeckden Engel des Lichtes. Alles übrige findet sich."

Madame Miranes frohlockte über seine Willfährigkeit und über die Aussicht auf so ganz ausgesucht schöne Tableaux.

"Wir wollen auf der Stelle unsere Einladungen an die mitwirkenden Damen machen," sagte sie zu ihrer Tochter. "Die Herren kann man zu einem Diner einladen und ihnen dabei den Antrag stellen; dann nehmen sie ihn um so leichter an."

"Müssen die armen Teufel mit indianischen Vogelnestern gekirrt werden?" fragte Ernest lachend. "Ich verdenk' es ihnen nicht! All' diese Mummereien sind eigentlich nur die Sache der Damen, deren Wonne es nun einmal ist, sich in Flitterwerk zu begraben und sich angaffen zu lassen."

Madame Miranes drohte ihm mit huldvollem Scherz, und er setzte hinzu:

"Sorgen Sie nur dafür, dass die Gräfin Regina willfährig sei! Sieund nur sieist wie geschaffen für den Engel des Lichtes, und ohne ihre Mitwirkung müssten gerade diese Bilder wegfallen."

"Diese originellen, poetischen Bilder wegfallen? das wäre entsetzlich, Herr Ernest, das darf nicht sein!" rief Madame Miranes in einem Tone, als handele es sich um die Wohlfahrt ihres Hauses. "Judit, nimm Hut und Mantel, wir wollen sogleich zu ihr fahren."

"Wenden Sie sich an den Vater, wenn ich raten darf," sagte Ernest; "dann ist die Sache gleich abgemacht."

"Gut, gut! der Engel des Lichtes soll uns nicht fehlen." –

Regina war nicht angenehm überrascht, als der Graf ihr beim Mittagessen sagte, er habe die Aufforderung der Madame Miranes, zu ihrem Zauberfest als Engel des Lichtes in einigen Tableaux mitzuwirken, in Regina's Namen angenommen. Was die Toilette dieses Himmelsbürgers beträfe, so würde Ernest ihr die nötigen Anweisungen geben, der überhaupt das Ganze dirigiere.

"Reginaein Engel des Lichtes! das ist aber schön!" rief Corona mit leuchtenden Augen; "das freut mich!"

"Mich auch!" sagte Uriel.

"O, an Dich kommt auch die Reihe, Uriel!" sagte der Graf. "Du bist auserkoren, um einen Mönch darzustellen, der den Tyrannen Ezzelin da Romano in der Gefangenschaft zur Busse bekehren soll, was ich aber nur unter der Hand Dir sage. Madame Miranes wird es offiziell bei einem demnächst stattfindenden Diner tun."

"Uriel ein Mönch! das gefällt mir!" rief Regina.

"Mir gar nicht," sagte Corona. "Uriel in einer dunkeln Kutte, hu! abschreckend! mich brächte kein Mensch in solchen Habit, auch nur zum Spass hinein."

"Das ist ein sehr guter Geschmack für die Wirklichkeit," sagte der Graf, "aber als Karnevalsspiel kann man auch einmal die Kutte anlegen." –

Es war nicht zu ändern, Regina musste ihre Rolle in den lebenden Bildern übernehmen, die Proben mitmachen, ihren Engelsanzug nach Ernests Anweisung anfertigen lassen. "Ich wundere mich nicht so sehr," schrieb sie einmal ihrem geliebten Onkel Levin, dem sie zuweilen ihr Herz eröffnete, "dass man sich einen Abend bei dem oder dem fest unterhält. Aber dass man sich zu einem solchen wochenlang vorbereitet, sich besinnt, überlegt, bespricht, beratschlagt, in eine Wichtigkeitskrämerei ohne gleichen versinkt und einen Eifer an den Tag legt, als gelte es ein Menschenleben zu retten: darüber kann ich gar nicht aufhören mich zu wundern, denn nach drei Tagen fällt irgend etwas anderes vor, und kein Mensch spricht mehr eine Sylbe von einem fest, das mit solcher Verschwendung von Zeit, Mühe und Geld vorbereitet worden ist." – Ein anderes Mal hatte sie ihm geschrieben:

"Lieber Onkel, gestern hatte ich einen frohen Abend! und wo? mitten in einer glänzenden Soiree! wirst Du es glauben? Ja, es wurde musiziert und zum teil sehr gut. Dann verstummt all' das oberflächliche Geschwätz, was mich immer sehr beängstigt, weil man ja dereinst Rechenschaft vor Gott über jedes unnütze Wort wird ablegen müssen, und die Salongespräche sind wirklich sehr überflüssig. Tante Isabelle sagt, die Höflichkeit sei auch eine Tugend, sei eine Art von Nächstenliebe, und man spräche ja aus Höflichkeit. Aber es drängt sich mir leider die Bemerkung auf, dass in den Salongesprächen nichts so wenig zum Vorschein kommt, als die Nächstenliebe. Darum bin ich immer sehr froh, wenn Musik gemacht wird. Auch macht sie mir die Seele so gewiss einsam frei, und meine Gedanken gehen ihre Wege, gehen fort aus dieser bunten unruhigen Gesellschaftzum stillen Karmel. Das ist nun einmal der Naturzug meines Herzens, wie das Schwälbchen im Herbst nach Süden fliegt. Gestern Abend nun sang ein junges Mädchen mit einer wunderbar schönen, grossartigen stimme und entzückte die ganze Gesellschaft. Ich hörte sagen, es sei eine ganz seltene stimme, den berühmtesten Sängerinnen der Gegenwart überlegen, und das junge Mädchen sei eine zweite Pasta, deren Namen, Judit, sie auch trage. Sie sang nur Opernarien, etwas anderes kennt die Welt ja nicht! aber durch den Klang, die Fülle und den Ausdruck ihrer stimme trat etwas eigentümlich Ergreifendes in die profane Musik hinein, etwas tief