"Die Quellen der Tiefe, hab' ich mir sagen lassen, entdeckte die Wünschelrute," erwiderte Judit. "Können Sie mir eine solche verschaffen für Ihre unter- und überirdischen Bronnen?"
"Sehr leicht! Berühren Sie Ihr Herz und die Welt mit dem Kreuz, so brechen vor Ihren Augen die gefesselten Bronnen der Tiefe auf und aus dem Abgrund des liebedurchwundeten Gottesherzens rauscht Ihnen die Flut der Gnaden entgegen, die jeden Durst stillt, und von jedem Fleck reinigt, und jeden blick klar wäscht, und jedes Schifflein an die immerblühende Küste des ewigen Lebens trägt."
"Des ewigen Lebens!" wiederholte Judit sinnend. "Welch eine unbegreifliche Vollkommenheit setzt das voraus, dass unser armseliges Leben übergehen könne zum ewigen Leben."
Madame Miranes unterbrach das ernste Gespräch zum grossen Leidwesen ihrer Tochter. Sie hatte allerlei Pläne an Ernest mitzuteilen für ein fest, das sie geben wollte. Ein gewöhnlicher Ball genügte ihr nicht, auch nicht einmal ein Ball en costume; der konnte nebenher gehen. Es sollte so recht ein fest aus Tausend und eine Nacht sein und alle übrigen Karnevalsfeste weit überstrahlen; höchst glänzend, aber auch künstlerisch und poetisch sollte es sein.
"Und dabei soll ich helfen?" fragte Ernest verblüfft.
"Gerade Sie! Wenn kein Maler die lebenden Bilder stellt, so geraten sie nicht."
"Gott!" seufzte Ernest, "aus Salonfiguren soll ich ein Kunstwerk zusammenstellen! Das geht über menschliche Kräfte."
"Nicht doch!" sagte Madame Miranes; "wir haben in der Gesellschaft einige sehr schöne Personen, die sich vortrefflich zu einer heil. Cäcilia, heil. Isabelle" .... –
"Halt! halt!" rief Ernest; "so hoch wollen wir uns nicht versteigen! Rafael und Murillo wollen wir aus dem Spiel lassen, wenn's Ihnen gefällig ist; denn da genügt nicht eine oder die andere schöne person, da müssen alle Einzelheiten, ja jede Fingerspitze perfekt sein, sonst wird das Ganze eine Karrikatur. Wir wollen uns an Genregemälde halten, rokoko Schäferinnen, verzauberte Prinzessinnen, italienische Bäuerinnen, 'Goldschmidts Töchterlein', 'Ezzelin im Kerker' und dergleichen mehr."
"O herrlich!" rief Madame Miranes. "Ja! 'Ezzelin im Kerker' mit den beiden Mönchen, dem alten und dem jungen; das wird ein süperbes Bild geben, sobald die Beleuchtung desselben richtig getroffen wird. Meinen Sie nicht, dass wir auch in englischen Keepsakes nachschlagen sollten, Herr Ernest? ich glaube, da würden wir manch ansprechendes Bild finden."
"Ja," sagte er humoristisch ernstaft, "auf der Höhe des Keepsake-Styls werden wir uns wohl befinden."
Judit nahm ein Buch zur Hand und sagte, indem sie es durchblätterte: Dies sind illustrierte Gedichte des Tomas Moore, und da würde mir "das Paradies und die Peri" recht gut gefallen.
Sie reichte ihm das Buch, und während er die Bilder betrachtete, erklärte Judit ihm das englische Gedicht und sagte:
"Die Peri ist nach der indischen Mytologie oder Poesie ein Lustgeist, dem eines Tages sein Element nicht genügt. Er möchte gern in's Paradies. Aber davor hält der Engel des Lichtes Wache und weist die Peri ab. Als sie um Einlass bittet und fleht, sagt er ihr endlich, es gäbe eine Gabe, die köstlichste der Erde, vor welcher sich die Pforte des Paradieses erschliesse: die möge sie suchen und bringen. Die Peri fliegt froh zur Erde herab und schaut sich um nach der köstlichen Gabe. Sie schwebt über einem Schlachtfeld. Ein junger Held hat die Schlacht gewonnen und durch sie sein Vaterland befreit; aber er liegt da und stirbt an seinen Wunden. Die Peri fängt den letzten Blutstropfen aus seinem Heldenherzen auf und kehrt damit triumphierend zur Pforte des Paradieses zurück. Doch der Engel weist sie ab und heisst sie eine höhere Gabe bringen. Die Peri findet nun auf der Erde die Heimsuchung durch die Pest, und sieht ein junges Mädchen, das dem geliebten Jüngling ihr Leben zum Opfer bringt, indem sie ihn pflegt in der grässlichen Krankheit. Er findet Genesung und sie den Tod. Den letzten Atemzug dieses treuen Herzens fängt die Peri auf und bietet ihn dar dem Engel des Lichtes. Allein er öffnet ihr nicht das himmlische Tor, sondern begehrt eine höhere Gabe. Und zum dritten Mal schwebt die Peri zur Erde herab und schaut sinnend umher nach einem himmlischen Kleinod. Siehe, da gewahrt sie in einem Blumengarten ein fröhliches Kind, das plötzlich, als die Abendglocken läuten, seine Spiele unterbricht, auf die Knie fällt und andächtig betet. Unfern steht ein Mann, in Sünden ergraut, von Leidenschaften zerrissen. Sein finsterer blick fällt auf das betende Kind. Alle Erinnerungen an seine eigene unschuldige Kindheit erwachen in ihm und bestürmen ihn mit einem so heftigen Schmerz um seinen verlorenen Seelenfrieden, dass eine bittere Träne sein sonst so kaltes und hartes Auge füllt. Die Peri aber nimmt die Träne des reuigen Sünders von seiner Wimper und bringt sie dem Engel des Lichtes. Da öffnen sich die strahlenden Tore des Paradieses der Peri! eine Reueträne ist die köstlichste Gabe der Erde, welcher der Himmel nicht widerstehen kann. – Ist das nicht ein liebliches Gedicht, Herr Ernest?"
Er hatte inzwischen mit Wohlgefallen die Bilder betrachtet und antwortete nun auf Judits Frage:
"eigentlich hätte die Peri diese Träne nicht bloss bringen, wohl aber auch selbst weinen müssen,