Welche Difformität! welche Beleidigung für das schönheitsdurstige Auge eines Malers! wie hatte ich das nicht früher bemerkt! Ich schaue hin, ich schaue her – die Nase ist schief! ich reibe mir die Augen, halte die Hand schirmend vor, um schärfer zu sehen – die Nase bleibt schief! Bestürzt ziehe ich mich zurück. In meinem Stübchen suche ich mir Zanettas freundliches Auge, die dunkeln Locken um ihre heitere Stirn, ihr Lächeln, ihr kindliches Gemüt, ihren Frohsinn, ihre Lieder und ihre Guitarre vorzustellen – alles, was mich vor wenig Stunden entzückt hatte; aber umsonst! die schiefe Spitze des zierlichen Stumpfnäschens warf einen so dunklen Schatten, dass die ganze Zanetta darin verschwand. Ich gehe schlafen und träume von der schiefen Nase. Ich erwache und denke zuerst an die schiefe Nase. Wie ein Alp legt sie sich auf meine Brust und nimmt so riesenhafte Proportionen an, dass sie mir bald ungeheuer lächerlich, bald ungeheuer garstig, in jedem Falle aber durchaus unerträglich erscheint. Da fasse ich mir ein Herz und spreche zu mir selbst: Bist Du nicht im stand, eine so geringe äussere Unvollkommenheit an Zanetta zu übersehen, wie wirst Du es denn anfangen, um ihre tausend Unvollkommenheiten des Herzens, des Charakters, des Geistes, die sie mit allen Sterblichen gemein hat, zu ertragen und mit freundlicher Nachsicht hinzunehmen? und wie darfst Du von Zanetta das erwarten, was du selbst nicht zu leisten vermagst? Gib alle Gedanken an sie für Gegenwart und Zukunft auf, und danke dem lieben Gott, dass er dich zur rechten Zeit durch die Erkenntnis ihres schiefen Näschens von grosser Torheit und Elend abgehalten hat. Dabei blieb es. Während drei Sonntagen benutzte ich meine Musse, um an's Festland zu fahren und die Ufer der Brenta zu betrachten, die mir ganz sumpfig und unidyllisch vorkamen. Und als ich am vierten Sonntag wieder bei meiner guten Hauswirtin erschien, stellte sie mir ihren Sohn und Zanetta als glückliches Brautpaar vor, und ich stattete mit aufrichtiger Herzlichkeit meine Gratulation ab. Später, wenn je so etwas wie der Wunsch, durch ein Menschenherz glücklich zu werden, sich in mir regen wollte, warnte mich meine Erfahrung mit Zanetta. Ich gedachte der hunderttausend Unvollkommenheiten jedes Geschöpfes, und sah somit dessen Unvermögen ein, mir ein wechselloses Glück zu gewähren. Ein vorübergehendes schien mir aber nicht der Mühe wert, deshalb mit den schweren Sorgen und Pflichten des Ehestandes mich zu belasten. So wendete ich mehr und mehr mein Herz von jeder ausschliesslichen Liebe zum geschöpf ab; denn wenn diese nicht mit einem hohen Grad von Resignation gepaart ist – und das ist sie selten – so wird sie zur Qual. Hingegen bemühte ich mich, alle Geschöpfe, alle ohne Unterschied, in Gott zu lieben, und dabei wurde mir das Herz leicht und frei, unbeschwert durch irdischen Ballast. Genügte die Liebe zu einem Menschen mir nicht für die Ewigkeit, weshalb sollte ich mir von der leidenschaft die Täuschung vormalen lassen, als könne sie mir für eine Spanne Zeit genügen?"
"So besonnen oder so kalt ist aber nicht jeder," wendete Judit ein. Sie hätte auch sagen können: "So gottliebend."
"Drum übe sich jeder beizeiten in der Entsagung, schlage es nicht allzu hoch an, wenn er es im irdischen Glück nicht sehr weit bringt, und hüte sich ganz besonders, auf Kosten anderer glücklich sein zu wollen, wie der rücksichtslose Egoismus es zu treiben pflegt."
"Sie geben mir sehr gute Lebensregeln, Herr Ernest und ich könnte, abgesehen von der Malerkunst, vieles von Ihnen lernen; aber ...." –
"Aber Sie werden nichts lernen, fräulein Judit, gar nichts, auch nicht malen, so lange Sie immer 'aber' sagen. Denn nur der kindliche Sinn lernt etwas, nimmt willig an und auf; drum macht der Glaube – der Kindersinn in höchster Sphäre des Lernens – so ungemein, so überraschend klug. Darum verknöchert nichts so sehr das Auffassungsvermögen, als der Geist des Widerspruchs, die Negation. Es ist die Krankheit der Zeit, mit einem 'aber' alles in Frage zu stellen. Darum begreift und versteht sie denn auch nichts – als Rechenexempel."
"Aber," fuhr Judit fort und sah ihn mit ihren tieftraurigen Augen ruhig an, "ich habe nicht Ihre inneren Beweggründe, und deshalb kann ich nicht einsehen, urteilen und handeln wie Sie. Alles, was Sie sagen, kommt mir sehr schön, sehr edel, auch sehr anziehend vor; gerade wie die Sibylla persica. Doch wie diese nur ein Bild, nur eine bemalte Leinwand ist, die mich in ich weiss nichtwas für angenehme Träumereien versetzt, aber nicht mein Leben lenkt und regiert; so geht es mir auch mit Ihren Worten."
Ein feuchter Schimmer, wie von einer zerdrückten Träne, glitt über Ernest's Auge, als er entgegnete:
"Ich bin ein Schwachkopf, der das immer wieder vergisst! also verzeihen Sie mir, fräulein Judit. Ach, wenn man überall das Wirken und Walten der Erlösung wahrnimmt, wie es in tausend unsichtbaren Kanälen die Staubeswelt durchrinnt und beseelt: so will einem gar nicht einleuchten, dass bei so vielen, vielen Menschen der blick des Geistes noch nicht aufgegangen ist für dies Wunderwerk, während doch ihre lechzende Seele dahin getrieben werden müsste, um einen Trunk zu tun aus jenen Wassern, welche nicht von den dumpfen Zisternen der Menschenweisheit ummauert sind."