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Es ist herrlich, einen Menschen zu beobachten, der wider sich selbst für Gott kämpft. Das sind keine welterschütternde Schlachten, das Auge der Mit- und Nachwelt ruht nicht auf ihnen, kaum ahnt sie der eine oder der andere; aber die ganze triumphierende Kirche schaut verklärten Angesichts diesen stillen Helden zu, die doch weiter nichts sind, als ein unbedeutender Mann, ein schwaches Weib, ein armer Jüngling, eine ringende Seele in irgend einer Hütte oder irgend einem Palast, wo sie sich wehren bis zu Tränen, bis auf's Blut, aber ohne Verzweiflung, gegen das Andringen ihrer übermächtigen Selbstliebe und ihres unbändigen verkehrten Willens."

"Mir graut vor solchem Kampfe!" rief Judit.

"Kann sein!" erwiderte Ernest; "aber Ihr Grauen würde sich steigern, wenn Sie sehen könnten, in welche Abgründe der Mensch versinkt, der ihn nicht führt, der hingegen nach seinen Gelüsten und Leidenschaften lebt, und ihnen keine andere Grenze und Schranke setzt, als die Stimmung des Augenblickes und irgend einen persönlichen Vorteil. Nein, nein, fräulein Judit: die Unvollkommenheit aller Verhältnisse und aller Zustände als den Staubesanhang unseres Bischen Erdenglücks mit ruhigem Auge betrachten und mit gefriedetem Herzen annehmen, und die Vollkommenheit, nach der wir solch Verlangen haben, in uns selbst durch Opferwilligkeit zu erringen trachten, davor darf Ihnen nicht grauen, denn das ist die Bedingung jedes guten reinen Lebens."

"Erzählen Sie mir Ihre venetianische geschichte," sagte Judit; "dabei bekommt man wieder festen Boden unter den Füssen, den man bei Ihren idealistischen Tendenzen Gefahr läuft zu verlieren."

"Lieber Gott!" seufzte Ernest mitleidig, "wie verkehrt reden doch deine Menschen! die einfache Wahrheit nennen sie nebulose Träumerei, und die platte Alltäglichkeit nennen sie das Element der Wahrhaftigkeit, in dem sie sich wohl befinden. Nichts für ungut. fräulein Judit, aber so ist's! – Also in Venedig sah ich bisweilen Sonntags bei meiner Hauswirtin ein liebes, hübsches, munteres, frommes Kind, das mir ungemein gefiel. Es hiess Gianetta, im weichen venetianischen Dialekt ausgesprochen Zanetta. Wenn sie in diesem allerliebsten Dialekt ihre Barcarolen sang und ein wenig auf der Guitarre klimperte, oder die grossen Ereignisse ihres Lebens, z.B. eine Gondelfahrt nach dem Lido, mit ausführlichster Wichtigkeit, als handle es sich um eine Nordpol-Expedition, beschrieb: so war sie wirklich wunderlieb und ihr kindliches spielendes Auge überrieselte mit süssem Glanz mein Herz, wie der Tau aus weichem Frühlingsgewölk den Blütenbaum."

"Welch eine Idylle von Dragant und Rosenwasser!" rief Judit lachend.

"Ja, ich war damals ungemein idyllisch und hätte für mein Leben gern an den Ufern der Brentadenn in Venedig selbst war kein Platz dafüreine schäferliche Hütte erbaut und die holde Zanetta als Schäferkönigin und Hausfrau darin eingeführt. An dergleichen konnte aber so ein armer Tropf von angehendem Maler nicht denken; er musste sich begnügen, seine Wünsche in den Schoss der Zukunft zu legen und sich zu sonnen in den hellen Augenstrahlen der allerliebsten Zanettaaber nur Sonntags; am Werktag hatte er weder Zeit noch gelegenheit dazu."

"Herr Ernest," sagte Judit höchst belustigt, "Ihre Liebesgeschichte flösst mir unwiderstehliche Lachlust ein."

"Warten Sie nur, es kommt gleich tragisch, oder wenigstens elegisch. Zwei Jahre war ich ein schweigender Anbeter der kleinen Zanetta gewesen. Was hätte ich ihr sagen können? Die Liebe gibt sich kund, und wenn tausendmal der Mund stumm ist. Hat man das Rosenöl auch noch so fest im Flacon versiegelt, doch durchduftet es das Glas; und so geht's dem Herzen mit der Liebe. Die Zanetta wusste wohl, woran sie mit mir war, und ich glaube, dass sie mich auch recht gern hatte. Aber, fräulein Judit, es ist Ihrem liebenswürdigen Geschlecht nun einmal eigen, in Permanenz kleine Zwiegespräche mit dem Engel Luzifer zu haben. Erzürnen Sie sich nicht, hören Sie mich weiter. Wir Männer halten leider Gottes auch diese Zwiegespräche, und zuweilen länger und gründlicher, aber nicht so permanent. Allen Töchtern Eva's klebt die Neigung ihrer Stammmutter an, die sogar im Paradiese mit der Schlange Konversation machen musste! Ein Wörtchen, oder mindestens ein Silbchen muss jede bei jeder Vorkommenheit ihres Lebens mit besagtem Engel wechseln. So auch Zanetta! Sie wurde ungeduldig, die kleine Donna, über mein unverbrüchliches Schweigen; sie wurde neugierig, wie es denn wohl klingen möge das bezaubernde Wort von der Liebe; sie wollte mich heraustreiben aus meiner Verschanzung durch Stillschweigen, indem sie mir Feuer ans Herz legtedas Feuer der Eifersucht. Der Sohn meiner Hauswirtin, der in Padua sein Geschäft trieb, besuchte seine Mutter, und Zanetta, die jeden Sonntag zu seinen Schwestern kam, bewies sich ungemein freundlich gegen ihn, was mir natürlich höchst missfiel und mich nur noch stummer, vielleicht sogar etwas bärbeissig machte. Wie sich nun einmal das Gespräch auf Deutschland wendete, und wer die Frage an Zanetta stellte: ob sie wohl Deutschland sehen möchte? das weiss ich nicht mehr, weil ihre Antwort meine ganze Aufmerksamkeit verschlang. Sie sagte nämlich: 'Ach nein! das muss ein schreckliches Land sein; ganz bevölkert mit den schläfrigen deutschen Murmeltieren!' Wie sie das sagt, und zwar mit einer ganz allerliebsten kleinen spöttischen Miene, sehe ich sie höchst gelassen an, und was entdecke ich! die Spitze ihres Näschens ist etwas links gewendet.