so bereitwillig Ausnahmen machen und so bezeichnende Ausdrücke wählen."
"Kann man durch Klugheit glücklich werden?" fragte sie.
"Mittelbar, ja! wenn wir die Klugheit anwenden, um zur Selbsterkenntnis zu kommen, d.h. zur Einsicht unserer Unvollkommenheit und unseres Mangels an Tugend, woraus dann Demut entspringt, und Demut ist die Wurzel aller Vortrefflichkeit, also auch des wahren Glückes. Aber unmittelbar und allein durch Klugheit ist noch nie ein Mensch glücklich geworden und die Welt, die doch mancherlei Kuriosa erlebt, wird doch das nimmermehr erleben."
"Wozu dienen uns denn Geistesgaben, wenn sie uns nicht glücklich machen?"
"fräulein Judit, Sie tun fragen, die mehr als wunderlich sind! Wenden Sie Ihre Geistes- und sonstigen Gaben so an, wie es der Absicht des lieben Gottes entspricht, der sie Ihnen verlieh, nämlich zu seiner Ehre und zum Heil Ihrer Seele, dann werden Sie schon erkennen, wozu Verstand und Talente dienen. Wenn Sie sich aber einbilden, dass Sie durch ein paar kluge Urteile, oder durch Ihren Nixengesang, oder durch Ihre Kopie der Sibylla persica mit beiden Füssen in die Glückseligkeit nur so hinein springen können, so irren Sie sich heftig. Unsere Glückseligkeit hienieden hält gleichen Schritt mit unserer Opferseligkeit und beruht nicht darauf, was wir in irdischer Weise besitzen, sondern darauf, was wir uns mit allem, was unser ist, zu einem lebendigen Brandopfer machen, dessen Altar unser Herz ist und dessen Flamme unsere Liebe zu Gott ist. D e r Liebe wird man nie überdrüssig. Warum nicht? Weil eine übernatürliche Kraft, die Gnade, sie nährt; und hat der Mensch sein Genügen in seiner Liebe, so ist er glückselig."
Es war nun einmal seine Art, zu allen Menschen zu sprechen, als wären sie eben so gläubige Christen als er. Er betrachtete sie immer als das, was sie ursprünglich sind: berufen zur Erkenntnis der Wahrheit, und behandelte sie als solche, denen nur momentan die Wahrheit verschleiert ist. Dadurch sind sie schon konfus genug, pflegte er mitleidig zu sagen; ich meinesteils will wenigstens nicht ihre Konfusion vermehren, indem ich auf ihre Anschauungsweise eingehe, sondern will ihnen reinen Wein einschenken.
"Kann der Mensch einen anderen Menschen so lieben, dass er sein Genügen in dieser Liebe finde?" fragte Judit.
"Nein, das ist ganz unmöglich, denn das wäre gegen seine Bestimmung. Gott hat ihn geschaffen zur ewigen Beseligung durch das höchste Gut, das Gott Selbst ist, also kann das Verlangen seiner Seele auch durch nichts Geringeres befriedigt werden. Hätte ich eine liebe Frau und ein halbes oder ganzes Dutzend liebe Kinder, meine Seele würde dennoch nach dem höchsten Gut schmachten, nur würde ich, in tausendfache Sorgen und Nöten verstrickt und durch tausend irdische Geschäfte in Anspruch genommen, vielleicht weniger dieser sehnsucht Raum geben können und wollen; was denn wahrlich weder ein Vorteil noch ein Trost für die arme Seele ist. Weil aber das Menschenherz die Beschaffenheit hat, dass es sich neigt zu seinesgleichen und die süsse Lebensgemeinschaft, den innigen Zusammenhalt, die trauliche Tätigkeit für einen kleinen, besonderen, selbstgeschaffenen Kreis gar schwer entbehrt: so hat Gottes weise und zärtliche Vorsorge ihm eine Sphäre geöffnet, wo diese Neigung ihren Ruhepunkt findet, indem die freiwillig übernommenen Pflichten ihr zugleich Schranken und Würde geben und die Weihe des Sakramentes ihr den Gnadenbeistand zu Kraft, Beharrlichkeit und Selbstverläugnung bringt, deren sie so sehr bedarf."
"Wovon sprechen Sie denn eigentlich, Herr Ernest?" fragte Judit gespannt.
"Von der christlichen Ehe, fräulein Judit."
"Von der Ehe? – so ernstaft feierlich? – Sie haben doch immer Ihre ganz eigentümliche Art sich auszudrücken!"
"Von der christlichen Ehe, deren Bürde ohne die Gnade des Sakramentes für menschliche Schultern zu schwer ist – ja, von der spreche ich! Die Welt spricht von ihr, wie sie's versteht! Bald oberflächlich, bald schief. Für die jungen Damen ist die Ehe die Tür, durch welche sie ihren ersehnten Eintritt in die Gesellschaft machen, oder der Triumphbogen, durch den sie in das Königreich einer Liebe einziehen, welche der vielbesungenen Schönheit des Monats Mai darin ähnlich ist, dass sie nur in der Poesie existiert. Für die Mama's ist es eine Versorgungsanstalt der lieben Töchter. Für die jungen Herren ist sie ein Mittel, um Schulden zu bezahlen, um eine Karriere zu machen, um ein bequemes Leben zu führen, um sich anbeten zu lassen, und was dergleichen wichtige Gründe mehr sind, in welche denn allerdings auch etwas Neigung und die eigentümliche Entzündbarkeit des jugendlichen Herzens hineinspielen."
"Was Sie da sagen, ist ganz richtig und gar nicht übertrieben," unterbrach ihn Judit. "Das habe ich schon mehrmals bei Anderen erlebt."
"Aber die Stellvertreterin Gottes hienieden, die heilige Kirche, betrachtet die Ehe anders", fuhr Ernest fort, "nicht als eine Idylle, nicht als ein fest der Herzen, sondern als eine heilige, unauflösliche Verbindung, bei der im Vorgrund die Übernahme strenger Verpflichtungen und schwerer Last, im Hintergrund das ernste und unter Tränen lächelnde Glück steht, welches durch herbe Kämpfe und vielfache Selbstverläugnung gegangen ist. Darum gibt sie der Ehe den Gnadenbeistand des Sakramentes, und unter diesem Schutz, mit dieser Weihe und dieser Hilfe ist es denn möglich, dass zwei Menschen sich mit dem Willen fortlieben, auch nachdem die leidenschaft verrauscht und die Neigung