. Es soll alles zum Majorat gehören."
"Ist nicht wahrscheinlich! Graf Windeck ist ein sehr guter Wirt, und hat gewiss gesorgt für seine Töchter."
"Ja, in der Weise, dass er sie beide mit seinen Neffen verheiratet."
"Und dann ist ja auch noch eine steinreiche Grossmama in irgend einem alten schloss des Odenwaldes vorhanden, die freilich in zweiter Ehe vermählt, aber kinderlos ist."
"Welch eine gründliche Kenntnis der Windecker Vermögensverhältnisse!"
"Tritt man die Winterkampagne eines Karnevals an," lautete die Antwort, "so muss man sich gehörig orientieren, um nicht falscher Fährte zu folgen. Zuweilen sind die Aushängeschilder ungeheuer prahlend und doch steckt nichts Solides und Reelles dahinter. Wo es Majorate gibt, steht's nie brillant mit den Töchtern; es sei denn, dass die Mutter eine Erbtochter oder sonst sehr reich sei, was aber hier nicht der Fall war."
"Nun und die schöne spanische Donna, die eben jetzt neben der Gräfin Windeck steht, wie die Sternennacht neben dem Frühlingstag, um mich poetisch auszudrücken, bauen ihre spanischen Dublonen eine goldene brücke über die Kluft der Alliance mit einer Jüdin?"
"Es ist etwas mysteriös mit dieser Familie," erwiderte der Bedachtsame. "Der Papa soll ein rasender Spekulant sein, und Mutter und Tochter sollen in London das Mosaische Gesetz verlassen und sich einer der dort wimmelnden Sekten angeschlossen haben. Vielleicht ist dies aber nur ein Gerücht, wie tausend andere! und vielleicht breiteten sie selbst es aus, um mit weniger Schwierigkeit in der haute volée eine Partie für die Tochter zu finden, die wegen ihrer Schönheit freilich dahin gehört."
"Das ist richtig: sie macht alle übrigen Damen tot, diese Judit; aber sie hat ein Etwas, als ob sie auch allenfalls einem Holofernes den Kopf abschneiden könnte."
"Mais, mon cher! wie können Sie solche gewagte Urteile in die Welt hineinschleudern. Den Kopf abschneiden! ich bitte Sie, wie wäre das möglich in der hypereleganten Gesellschaft unserer Tage."
"Dass diese hyperelegante Gesellschaft auch eine schauderhafte Kehrseite hat, ist uns allen im vorigen Sommer bei den grässlichen Scenen im Hotel de Praslin2 in Paris wohl recht klar vor Augen getreten. übrigens haben Sie ganz recht: man muss dergleichen zu vergessen suchen und möglichst wenig davon reden."
Ungeteilten Beifall fand Regina nur in der Damenwelt; ja, diese bemühte sich, sie recht hervor zu heben, um dadurch indirekt Judit herab zu drücken, die von den meisten Männern unmässig bewundert wurde. Sie liess sich bewundern, äusserlich ganz gleichgiltig, innerlich mit stolzer Selbstgefälligkeit, als etwas, das ihr zukam. Nur dann, wenn sie sehr lebhaft sich unterhielt, was äusserst selten geschah, verschwand ihr schwermütiger Ausdruck; ihr Ernst nie. Nie stieg ihr Lächeln bis in ihre Augen hinauf! es blieb auf den Lippen ruhen, während aus Regina's seelenvollem Auge ein freundliches Lächeln, gleichsam ein inneres Licht, nie verschwand. Graf Windeck hörte ausserordentlich viel Schönes über seine liebliche Tochter, was er in Judits Stil aufnahm. Uriel fühlte sich mehr und mehr von dem Zauberbann gefangen, den sie so ganz absichtslos durch ihr Sein und Wesen um ihn wob. Spräche sie nur anders, oder blickte sie nur anders, oder ginge und stände sie anders – ach! oder wäre sie nur etwas anders – seufzte er heimlich: so könnte man durch eines dieser Tore ihr entrinnen; aber jetzt, da alles in ihr und an ihr harmonische Vollkommenheit ist, jetzt ist es eine Unmöglichkeit. Er konnte nicht nur Judit nicht bewundern, sondern nicht einmal begreifen, dass andere sie bewunderten: so aufrichtig war er durch Regina bezaubert.
Wie alle hienieden, ging denn auch dieser Ball vorüber. Um zwei Uhr Nachts schöpfte Regina Atem in ihrem stillen Zimmer und versenkte sich zur Erholung ihrer Seele in die andächtige Betrachtung des Gnadenhimmels, der diese Schein- und Flitterwelt überwölbt und dessen Gestirne die heiligen fünf Wunden des gekreuzigten Gottes sind. Und Dich über dem Tand vergessen, sagte sie halblaut und schaute auf ihr Kruzifix, das nennt die Welt Freuden; und an Dir vorüber gehen und nach buntem Staube greifen, das nennt sie Glück; und Dich und Dein Kreuz und Deine Nachfolge verschmähen, das nennt sie Vernunft; und alles lieben, was Du nicht bist, das nennt sie Liebe. O welch eine schauerliche Abwendung von ihrem Ziel! Und das soll auch ich verfolgen lernen?! Dein bin ich! hilf mir! rief sie und Ströme von Tränen stürzten aus ihren Augen, die wie friedliche Sterne über die Unruhe der Welt hinwegschauten, und zu Füssen des Kruzifixes schmiegte sie sich nieder und gelobte wieder und wieder ihre ungeteilte Liebe demjenigen, der mit dieser Liebe ihr armes Herz begnadet hatte. Am Morgen war sie pünktlich in der Siebenuhrmesse, als hätte sie die ganze Nacht, wie Corona, den Schlaf der Gerechten geschlafen.
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"Nun wie gefällt Ihnen mein quasi Phönix?" sagte Ernest nach einiger Zeit zu Judit. "Gehört die Gräfin Regina zu Ihren sentimentalen Komtessen? ist sie veilchenblau?"
"Nein! sie ist lilienweiss," antwortete Judit.
"Sie sind merkwürdig gescheit!" rief er.
"Weil ich Ihren quasi Phönix richtig taxiere?" fragte sie spöttisch.
"O," sagte Ernest gelassen, "d a z u sind Sie trotz all Ihrer Gescheiteit nicht im stand. Ich bewundere nur, dass Sie