wohl gar das Antichristliche das Christliche in der Welt?" fragte Regina.
"In dem, was man im engeren Sinne die Welt nennt, ganz entschieden!" sagte Uriel; "und zwar so sehr, dass sie meint, es sei ihr Recht und das Christentum habe draussen zu sitzen in beliebigen Kirchen und Betäusern, wo es frequentiert werden könne von unwissenden, ungebildeten, geistlosen Leuten, von Scheinheiligen und Betschwestern männlichen und weiblichen Geschlechtes. Wer seinen Fuss in einen Salon setze, müsse auf dessen Schwelle in das Antichristentum, d.h. in die Vergötterung des Irdischen verfallen und dessen Kodex zur Richtschnur wählen: also die gesetz der Selbstsucht und der Leidenschaften befolgen, welche dem Individuum zur Entfaltung seiner Ansprüche und zum Ziel seiner Bestrebungen verhelfen."
Regina legte ihren Rosenstrauss auf den Tisch, zog ihre Handschuhe aus und sagte ernst:
"Lieber Vater, Du kannst mir unmöglich zumuten, meinen Fuss in einen Salon zu setzen. Ich bin Christin und will es immer und überall sein – in der Gesellschaft wie zu haus. Auf die Weltvergötterung lasse ich mich nicht ein."
Der Graf, der mit seiner prinzipienlosen Oberflächlichkeit immer nach der Laune des Augenblickes oder nach persönlichem Wohlgefallen oder Missfallen urteilte, war höchst verdriesslich, eine Erörterung hervorgerufen zu haben, die ihn langweilte und die Regina ernstaft nehmen wollte.
"Welche Torheit, Regina! welcher Professorenton, Uriel!" rief er unmutig. "Ich spreche von dem Bankier Miranes, den sein kolossaler Reichtum und seine schöne Tochter salonfähig macht, und davon nimmt Uriel Veranlassung, sich auf den Kateder zu schwingen und gegen das Weltverderbnis Moralpredigten zu halten, und Regina glaubt ihm plötzlich, wie einem Evangelisten."
"Ich habe Uriels Wahrhaftigkeit nie bezweifelt," sagte Regina, "und da ich weiss, dass der Mensch ein gefallener Geist ist, so leuchtet es mir sehr ein, was Uriel eben sagte, dass nämlich in einer Welt, die von Christus nichts wissen will, Götzen herrschen müssen, die man nicht anbeten darf."
"Kind, nimm die Dinge nicht so langweilig gründlich!" sagte der Graf immer verdriesslicher. "Du wirst die Gesellschaft doch nicht reformieren. Der Salon ist keine Kirche und soll keine sein; und wie die Menschen im Salon beschaffen sind – das geht Dich ebenso wenig an, als wie sie auf der Strasse beschaffen sind. Du sollst mit ihnen sprechen und tanzen: – basta."
"Ich glaube gar nicht, dass Du viel von meiner Wahrhaftigkeit hältst, Regina," unterbrach Uriel die Strafrede; "denn wenn ich sage: nimm Deinen Rosenstrauss wieder in die Hand, dann siehst Du aus wie die Aurora von Guido Reni – wirst Du mir glauben?"
"Ich werde glauben," antwortete sie lächelnd, "dass Du wahrhaft in das Antichristentum, wie Du es charakterisiert hast, verfallen bist."
"Sieh, Regina," sagte der Graf freundlich, "so ist es recht. So musst Du sprechen, so musst Du antworten. Glatt wie ein Aal, munter wie eine Lerche, das ist charmant und ist eine gute Ballstimmung."
Die Schule, welche Regina bei ihrem Vater durchmachen musste, war ihr eine Vorübung für das Leben in der Gesellschaft: dort wie hier eine beständige Selbstverleugnung ihrer tiefsten Neigungen. –
Man war gespannt, Regina auf einem Ball zu sehen. Nicht bloss die junge Männerwelt; das versteht sich von selbst! auch die Frauen waren wenigstens neugierig. Der Ruf ihrer Schönheit brachte das mit sich. Aber sie war von einer so seelenvollen Schönheit und dabei so einfach und unbefangen, so ganz ohne Ansprüche, dass ihre Liebenswürdigkeit gleichsam ihre Schönheit in Schatten stellte.
"Sie sieht gar nicht interessant aus," sagte ein junger Mann, dem die Überzeugung aus den Augen schaute, dass er selbst mit seinen dunkeln Locken und seinem marmorfarbenen Antlitz interessant aussehe wie Lord Byrons "Corsar".
"Sie sieht aus wie ein harmloses Kind," sagte ein anderer, ein grosser Herzenseroberer; und erwog bei sich selbst, ob es der Mühe wert sei, diese Eroberung zu versuchen.
"Sie sieht aus wie die persische Anahid," sagte ein Dritter, ein ungemein belesener Jüngling. Da natürlich kein Mensch wusste, wer die persische Anahid sei, so setzte er zur Erklärung hinzu: Ihre Schönheit zog zwei Engel vom Himmel herab, die ihr von Liebe sprachen. Aber Anahid hörte nicht darauf, sondern liess sich von den Engeln das geheimnisvolle Wort nennen, das in den Himmel zurückführte. Und als die Engel es genannt hatten, sprach Anahid es aus, schwebte vor ihren Augen in den Himmel hinein und wurde in den Morgenstern versetzt, während die Engel mit goldenen Ketten an den Füssen in einem Brunnen zu Bagdad aufgehängt wurden bis zum jüngsten Tage."
"Was die alten Chinesen sich doch für Unsinn ausdachten," sagte ein Vierter, der einzige, welcher die Anahids-Sage zu Ende gehört hatte, dessen Kenntnis vom Orient sich aber auf China beschränkte, wegen des Opiumkrieges und des chinesischen Tees.
Der belesene Jüngling war so betreten über diese Bemerkung seines einzigen Zuhörers, dass er sich mit kalter Verachtung von ihm wegwendete. Wie würde er triumphiert haben, wenn er gewusst hätte, dass wirklich etwas von Anahids Himmelssehnsucht in Regina sei! – Ein Fünfter hatte inzwischen bedachtsam geäussert:
"Wenn sie auf der Goldwage der Schönheit nicht besteht, so ist es mit dem Vermögen auch nicht anders