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sagt, Regina," wendete die Baronin ein. "Zwei oder drei charakterisieren nicht das ganze Geschlecht."

"Liebe Schwägerin," erwiderte der Graf, "man sollte es wohl eigentlich nicht in Gegenwart eines jungen Mädchens sagen, weil es auf den Einfall kommen könnte, die Sache auch einmal zu versuchen; aber ich habe die Überzeugung, dass jene Neigung den Frauen angeboren istwie die Eitelkeit."

"Darüber will ich nicht streiten," entgegnete sie; "es mag wohl mit der Eitelkeit zusammenhängen. Allein gute und vernünftige Frauen suchen ihre natürliche Neigung zu Eitelkeiten aller Art zu beherrschen. Malen Sie die Welt nicht schwärzer, als sie ist."

"Im grund kann man sie gar nicht schwarz genug malen," sagte der Graf. "Trüge sie nicht ihr buntes Maskenkleid, das mitunter anmutig ist, man liefe davon! Überall jetzt in der Gesellschaft diese Juden! das ist unerhört. Und warum sind sie aufgenommen? Bei dem einen heisst's: er ist enorm reich; bei dem anderen: er ist ein grosses Genie, ein musikalisches, ein poetischeswas weiss ich! Aber Geld und Genie haben mit dem Salonleben gar nichts zu schaffen; denn das beruht auf der Tradition von gutem Ton, und den kann man nicht kaufen und auch nicht durch Genie erwerben. Daher kommen ganz falsche Elemente in dasselbe, und es wird in die Höhe geschraubt zu wahnwitzigem Luxus und zu einer lächerlichen Vergötterung des Geistreichen, des Genialen. Warum? – um mit Juden zu rivalisieren. Die Welt ist höchst einfältig! sind solche Leute salonfähig, so werden sie auch nächstens politische Gleichberechtigung begehren und Allianzen mit unseren Familien für möglich halten, was denn freilich mit Florentins Glückseligkeitsteorien übereinstimmt, vor denen uns Gott behüte."

"Die Juden unserer Tage kommen mir wie die Freigelassenen im alten Rom vor," sagte Uriel. "Eben aus der Sklaverei entronnen, häufig voll Talent und Verstand, ohne Heimat, fremd im Staatsbürgertum trotz ihrer Freilassung, rächten sie sich, zum teil unbewusst und unabsichtlich, für die Tyrannei, die auf ihren früheren Verhältnissen drückte, und für die halbe Gunst, die ihnen in den neuen zu teil wurde und die ihrem erwachten Ehrgeiz nicht genügte, indem sie Zustände zu zersetzen und zu zerstören suchten, welche auf einem ihnen feindlichen Prinzip beruhten. Ihr ränkevoller Verstand, ihre Schlauheit, um tausend Mittel und Wege zum Ziel ausfindig zu machen, ihre ungezügelte Gier nach Einfluss und Genuss, ihre Talente, die sich leicht da entwickeln, wo auf die Entwicklung gediegener Vorzüge und sittlicher Tugend nicht viel Zeit und Mühe verwendet wird, warfen ein furchtbares Gewicht der Demoralisation in die sinkende Schale des alten Roms und halfen es reif machen zum Untergang vor den Barbaren. Und so kommen mir in unseren Tagen die Juden vor, diese Freigelassenen einer zivilisation, welche ihnen Rechte einräumt, ohne sie als gleichberechtigt zu betrachten und ihnen eine unvollständige Ebenbürtigkeit zuweist, die ihnen nicht zukommt, weil sie, als Nichtchristen, auch nicht verwachsen sind mit den Traditionen der christlichen Vergangenheit. Ihre Traditionen sind so, dass sie uns hassen müssen; nicht individuell, aber in unserem Prinzip. Denn wir sind die Anhänger und Nachfolger des Gottes, den sie gekreuzigt haben. Diese Kreuzigung setzen sie fort, so viel an ihnen ist, indem sie die Lehre vom Kreuze zu vernichten suchen. In der Literatur und Journalistik, in den schönen Künsten und Wissenschaften wimmelt es von Juden, die zum teil mit Genie und Talent, zum teil mit frecher Unwissenheit, jeder in anderer Weise, das Christentum zersetzen, verfälschen, benagen, ignorieren, verleumden, verhöhnen, mit einem Wort: das Ihre tun, um es zu beseitigen."

"Aber wer glaubt ihnen?" fragte Regina.

"Nicht als Glaubenslehrer treten sie auf," entgegnete Uriel. "Das tief Antichristliche ihrer Weltanschauung, das sie auf ihrem Standpunkt haben müssen, kleiden sie in das blendende Gewand, welches ihr Talent webt und die grosse Menge, der überhaupt nichts ferner liegt, als einen christlichen Massstab an die Erscheinungen auf dem grossen Markt des Lebens zu legen, bewundert alles, was amüsant, pikant, frappant und brillant ist, kümmert sich nicht darum, ob eine objektive Wahrheit die Flamme ist, an der sich diese Lichter entzünden, sondern betrachtet sie selbst als Wahrheit, bloss deshalb, weil sie glänzen, und bildet sich allmählich zu den Ansichten und Urteilen um, die sie, hauptsächlich wegen der Darstellungsart, so sehr bewundert. Wie einst Voltaire die gröbsten Lügen und frechsten Verleumdungen mit gewandtem Wort und leichtem Witz vorbrachte, wütenden Beifall fand und den verderblichsten Einfluss übte, weil die grosse Menge es für eine Art von Schmach gehalten hätte, ein solches Genie nicht zu bewundern, und für eine Unmöglichkeit, dass ein solches Genie nicht Wahrheit und Recht auf seiner Seite habe: so ist es auch jetzt bei einer Menge von Voltaire's im kleinen Stil, die keineswegs lauter Juden sind, aber mit ihnen das Antichristliche gemein haben. Darauf beruht die Grösse vieler Sommitäten der Gegenwart: sie sind das, was man so unmässig überschätzt, sie sind geistreich in jener oberflächlichen Weise, welche dem Durchschnittsmass der Menge entsprichtund weil sie es sind, lässt man sich die geistige Falschmünzerei gefallen, die sie treiben, indem sie Falsches oder Verkehrtes und Halbwahres mit dem Gepräge ihres Geistes als Wahrheit stempeln und in der Welt in Kurs setzen."

"Also überwiegt