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, sie ist angekleidet, und wunderschön!" flüsterte Corona.

"Dann darf ich ihr selbst meinen Auftrag ausrichten," sagte Uriel und wollte in's Zimmer treten.

"Nein, nein, Uriel! sie will nicht gestört sein!" rief Corona, immer mit halber stimme und stellte sich mit ausgebreiteten Armen in die tür, um den Eingang zu verteidigen. "Sie fürchtet nach der Rückkehr vom Ball zu müde zu sein, um den Rosenkranz aufmerksam beten zu können und deshalb tut sie es jetzt."

"Im vollen Ballanzug?" fragte er.

"Und in einem allerliebsten!" sagte sie triumphierend.

Mit einer raschen Bewegung drehte Uriel ganz sanft Corona zur Seite und trat ins Zimmer; es war leer. Als sich Corona besiegt sah, legte sie einen Finger auf die Lippen und deutete mit der anderen Hand auf eine Seitentür, die nur durch Vorhänge geschlossen war. Der Fussteppich machte jeden Schritt unhörbar. Aber Uriel schlug den Vorhang nicht zurück. Er blieb diesseits desselben stehen, denn er wollte nichts, als Regina sehen, und da die Vorhänge nicht fest schlossen, so sah er sie durch deren Spalte gerade vor sich im Profil. Eine Muttergottesstatuette stand unter einem Bogen von Lilien auf einer Konsole an der Wand. Regina kniete vor ihr auf einem Betstuhl, die arme auf dessen Lehne gestützt, in den zusammengelegten Händen die zierliche Perlenschnur eines Rosenkranzes von Onyx haltend, den Kopf und das Auge. aufwärts gehoben. Ihr rosenfarbenes Florkleid wellte sich wie ein Frühlingsmorgengewölk um ihre schlanke Gestalt. Einige blassrote Teerosen hingen leicht in ihrem Haar, das ganz einfach mit zwei grossen goldenen Nadeln aufgesteckt war, deren Knopf ächte Perlen verzierten. übrigens trug sie keinen Schmuck, nicht einmal ein Armband. Ein Strauss von frischduftenden Teerosen und ihre Handschuhe lagen neben ihr; sie war also ganz bereit zum Ball, aber ihre Gedanken wendeten sich nicht ihm zu! die gingen auf anderen Wegen, als auf dem Parkett eines Tanzsaales, und hörten andere Melodien, als die eines Galopps, und sahen andere Gestalten, als ballmässig geschmückte Elegants. Ebenso regungslos wie Regina auf den Knien lag, stand Uriel hinter dem Vorhang, der sich, wie die Schranke der Irdischkeit über eine himmlische Vision, herabsenkte und ihm nur gerade einen Durchblick gönnte, um sie wahrzunehmen. Und als er so dastand und auf dies holdselige Wesen schaute, das ihm verlobt von der Wiege an und jetzt auf's neue zugesagt und durch alle Wünsche und alle Verhältnisse mit ihm verkettet war: da wurde ihm das Herz und schwer immer schwerer, und der namenlose Schmerz stieg in ihm auf, der sich im Innersten seiner Seele entwickelt, wenn sie durch die Macht der leidenschaft gleichsam als Hellseherin in die Zukunft ihrer Liebe schaut und dort, trotz aller Gunst der Verhältnisse, ihre Hoffnungen unerfüllt sieht. Solche Ahnungen oder Warnungen fliegen an das Menschenherz, wie Möven an die Küste: der Himmel lächelt, die Sonne strahlt, das blaue Meer wogt goldbeflittert vom Sonnenschein in weichen, verrieselnden Wellen; aber der Schiffer weiss, es gibt Sturm, denn von der hohen See kommen die Möven. Traurig mit seinem ahnungsvollen Herzen stand Uriel da. Er konnte sich der stimme nicht erwehren, die in seiner Brust ihm zuflüsterte, diese Blume im Garten Gottes blühe nicht für einen Sterblichen. Auch er vergass den Ball und die Welt und die Zeit, und seufzte still mit einem Anflug von zärtlicher Resignation: 'Du mystische Rosebitte für mich.' Da veränderte Regina ihre Stellung, machte das Kreuzzeichen und begann halblaut die herrliche Antiphone 'Salve Regina', dies Sehnsuchtslied der Verbannten nach der himmlischen Heimat. Leise trat Uriel zurück und entwich aus dem Zimmer.

Nach einiger Zeit kam sie in den Salon, wo die Baronin, Uriel und der Graf, der seine Besuche abgemacht hatte, beisammen sassen. In des Grafen Gegenwart fühlte sich Uriel beschützt in seinem Recht und seiner Neigung, Regina nicht bloss stillschweigend anzubeten. Er sprang freudig auf, ihr entgegen, beugte ein Knie vor ihr und rief:

"Salve Regina!"

"Wo wäre mein Szepter?" fragte sie und drohte scherzend mit dem Finger.

"Dein Finger ist's!" sagte er und küsste schnell die Spitze dieses zierlichen Fingers.

Sie antwortete nichts; sie zog nur ihre Handschuhe an.

"Regina," sagte der Graf, "Du bist aber über allemassen hochfahrend! Da liegt ein liebenswürdiger Sterblicher vor Dir auf den Knien und Du reichst ihm nicht einmal Deine Hand, damit er aufstehe."

"Warum sollte ich das, lieber Vater?" entgegnete sie lachend; "Uriel hat sich ja zu seinem Vergnügen in diese höchst malerische Stellung geworfen; ich würde es für ein Verbrechen halten, ihn darin zu stören."

"Wärest Du nicht ein Engel, Regina," sagte Uriel, "so hättest Du, glaube' ich, grosse Anlagen zur Bosheit."

"Frauenart!" sagte der Graf; "hinter dergleichen Bosheit steckt immer etwas Koketterie."

"Das heisst?" fragte Regina.

"Das heisst: die Neigung in aller Gemütlichkeit möglichst vielen Männern den Kopf zu verdrehen."

"Aber, lieber Vater, das ist ja abscheulich!" rief Regina. "Das wirst Du mir doch nicht zutrauen! – Ich bin froh, wenn mir mein eigener Kopf nicht verdreht wird."

"Es ist auch nicht so arg, wie der Vater scherzweise