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wieder unter dem dach der Väter zu haben. Er zweifelte nicht, dass diese göttlich wahrhafte, mystische Gegenwart ein Teich Betesda, ein Born des Heils und der Genesung für seine arme Mutter sein werde. Sein Leben wurde nun ein fortgesetztes Gebet, damit sie den Gnadenquell erkennen möge, der in ihrer nächsten Nähe geöffnet sei; damit sie wenigstens in ihren letzten Stunden den Gott nicht verschmähe, der mit seinem Blut sie retten wollte; der zärtlich wartend "vor der tür stand und anklopfte" – und wieder und immer wieder anklopfte; und dem das arme Herz sich nicht öffnen wollte. Es gab zeiten, wo er Unsägliches litt. Seine in die ewige, göttliche Schönheit verliebte Seele erschauerte vor der Kälte eines Gemütes, das gar kein Verlangen trug nach Ewigschönem. Dann seufzte er: "O Herr und Heiland! es ist meine Schuld! wenn ich in Deine Liebe einzugehen verstünde, wenn ich in Dir lebte und webte, und mich Dir gleichförmig zu machen wüsste, so weit meine Armseligkeit es vermag: so würdest Du das Werk Deiner Gnade in miran meiner armen Mutter vollenden und sie könnte Dir nicht widerstehen. Aber ich Sünder stehe zwischen Dir und ihr, wie eine Mauer, welche der Blume den Sonnenstrahl raubt." Er hatte anfangs versucht, zuweilen ein Wort von himmlischen Dingen fallen zu lassen; es war aber für sie, als ob er arabisch rede. Er schwieg; doch je weniger er von Gott zu ihr sprach, desto mehr sprach er von ihr zu Gott. Er durchwachte und durchweinte halbe Nächte vor dem Altar, namentlich dann, wenn die Heftigkeit ihrer Leiden jeden Augenblick ihren Tod herbeiführen konnte; – und in der österlichen Zeit, wenn er umsonst vor ihr auf den Knien gelegen und sie beschworen hatte, ihrer Christenpflicht nachzukommen. Die Zeit war wirklich eine Oelbergsnacht für ihn. Dann überwog ein blick auf das heiligste Leiden jedes Bedenken; dann flehte er die Mutter an, doch nicht denjenigen zu vergessen, der in bitterer Todesnot ihrer nicht vergessen habe; doch eingedenk zu sein, dass sie ja gleichsam mit den armen Schächern durch ihre Leiden am Kreuze hinge und sich das Paradies erschliessen könne durch einen Akt demütiger Liebe. Dann empfing er immer dieselbe Antwort, die kühle Versicherung, dass sie grosses Vertrauen zur Barmherzigkeit Gottesaber gar keines zu kirchlichen Ceremonien habe. Ja, sie liess sogar nicht undeutlich merken, der liebe Gott sei eigentlich i h r Schuldner wegen der grossen und langen Marter, die sie ertragen müsse; und fräulein Leonore ermangelte nicht, in demselben Sinne zu Levin zu sprechen und ihn mit Vorwürfen zu überhäufen, dass er durch seinen unkindlichen Fanatismus die Ruhe der kranken Mutter störe.

"Gnädige Cousine," sagte Levin einmal bei dieser gelegenheit, "käme ein Arbeiter zu Ihnen und spräche: Gib mir meinen Lohn, denn ich habe den ganzen Tag schwer gearbeitet; so würden Sie ohne Zweifel, ehe sie ihn bezahlten, fragen: Hast du denn in meinem Auftrag und für mich gearbeitet? – Und wenn er antworten würde: Nein, ich habe für andere oder auch nur so auf gut Glück gearbeitet; so würden Sie sagen: Mein Freund, dann kann ich dich auch nicht bezahlen. Nicht wahr?"

"Das versteht sich," sagte Leonore; "aber was geht das Ihre arme Mutter an?"

"Nur insofern, gnädige Cousine, als der Dienst der Welt keinen Anspruch machen darf an himmlische, selige Vergeltung."

"Aber doch gewiss an die Barmherzigkeit Gottes, dessen Liebe Sie ja so feurig preisen," wandte sie ein.

"Ja, unter e i n e r Bedingung."

"Nein, unter keiner! Das lehrt uns ja ganz deutlich der arme Schächer, von dem Sie vorhin redeten. Christus verspricht ihm das Paradies."

"Denn er bekennt seine Sünde, bekennt die Gerechtigkeit der Strafe, die er leidet, bekennt seinen Erlöser," ergänzte Levin ihre Bemerkung.

"Wie Sie das alles deuten!" rief Leonore.

"Sie deuten es ja auch, gnädige Cousine."

"Aber mit Liebe! und Siemit Härte und Strenge."

"Wenn das Härte und Strenge ist, so haben Sie, gnädige Cousine, mehr Liebe als der göttliche Erlöser selbst, der nur dem einen Schächer das Paradies versprach."

"Sie sind freilich ein Schriftgelehrter," sagte Leonore mit einem Tone, der deutlich verriet, dass sie im Herzen den Zusatz mache: "und Pharisäer."

Levin schwieg. Die Welt versteht die Liebe in i h r e m Sinn, nämlich als Schmeichelei. Sie löst die Wahrheit von der Liebe ab, weil die Wahrheit nicht schmeicheln kann und erklärt ohne Umstände Denjenigen für lieblos, der Wahrheit und Liebe vereint in Gott sieht.

Eine Seele retten ist mehr als Wunder tun: das war Levins Wahlspruch. Wo er nur konnte, diente er den Seelen. Er hatte sich die Erlaubnis erbeten, in der Seelsorge aushelfen zu dürfen. Das war seine Wonne! Niemand war eifriger, das Busssakrament zu spenden; Niemand bereitwilliger, der Jugend Christenlehre zu halten. Zu diesen Werken geistlicher Barmherzigkeit fügte er auch die leiblichen. Er ging stundenweit umher und suchte Kranke, arme, Verlassene, Witwen und Waisen, Kinder und Greise auf, um ihnen in ihren vielfachen Nöten beizustehen, um zu helfen, zu trösten, zu retten, um zu sorgen für die Sorglosigkeit des Elendes,