, nach Kräften wieder in sich herzustellen. Eine fix und fertige Vollkommenheit suche ich aber nicht hienieden."
"Es gibt aber böse Menschen, bei denen Sie jenes Bestreben unmöglich annehmen können. Was halten Sie von denen?"
"Das lehrt mich der heilige Augustinus, welcher sagt: Glaubet nicht, dass die Bösen so umsonst auf der Welt seien, und dass Gott nichts Gutes durch sie wirke! Jeder Böse lebt, entweder damit er gebessert, oder damit der Fromme durch ihn geprüft werde." Sehen Sie! ich muss also für ihn hoffen und für ihn beten, damit sich die Hoffnung erfülle; und daraus wird denn in meinem Herzen ein Etwas, das im verkleinerten Massstab der Liebe nicht unähnlich ist, welche Gott für uns arme Sünder hat. Die Bösen werden mir also ganz unabsichtlich zum Mittel, das göttliche Ebenbild in mir herzustellen."
"Ich hasse sie, besonders wenn sie mich kränken," sagte Judit.
"Das begreift sich," sagte Ernest kalt.
"Warum sehen wir denn aber die Menschen so ungeheuer verschieden an? das kann ich ganz und gar nicht begreifen," sagte Judit sinnend.
"Weil ich an den menschgewordenen und gekreuzigten Gottessohn glaube," erwiderte Ernest; "Sie aber nicht."
"Und da halten Sie sich denn für unendlich viel edler und besser als mich?" fragte sie schneidend.
"fräulein Judit!" entgegnete Ernest liebreich, "wofür ich mich selbst halte, das sag' ich unter vier Augen dem lieben Gott, der zu dem Zweck der Selbsterkenntnis eine heilsame und gnadenvolle Anstalt in seiner Kirche angeordnet hat, welche das Sakrament der Busse heisst; aber ob ich berechtigt bin, meinen Glauben für edler und besser zu halten, als Ihren Glauben – oder Unglauben: das werden Sie sich allein beantworten können."
Judit konnte es gar nicht lassen, ernste gespräche mit Ernest anzuknüpfen, denn trotz ihrer Jugend hatte sie eine Kraft in ihrem Charakter, die es ihr unmöglich machte, auf der Oberfläche des Lebens ihr Genügen zu finden; diese Richtung war eine Reaktion gegen die unsägliche Oberflächlichkeit, welche sie umgab. Aber ebenso wenig konnte sie es unterlassen, sich zuweilen so scharf und herb gegen Ernest auszusprechen, als ob sie ihn geflissentlich verletzen wolle; denn Kraft des Charakters ist noch lange nicht Adel der Seele. Die tiefe Kluft, die zwischen einer natürlichen guten Anlage und einer Tugend liegt, trennt sie, und Judit, die mit Stolz auf ihrer selbstbewussten Kraft ruhte, fühlte instinktmässig, dass ihr in Ernest etwas Edleres und Höheres entgegentrete, was sie nicht anerkennen wollte und deshalb gering zu schätzen suchte. Sie ertappte ihn aber nie auf der leisesten Bitterkeit oder Verstimmung, wenn sie ihm herbe widersprach, und das musste sie denn wieder sehr bewundern. Denn, sprach sie oft heimlich zu sich selbst, ich bin auch entschieden, aber hart und schneidend, und er ist mild bei der grössten Entschiedenheit. – –
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Auf einem Ball bei dem österreichischen Gesandten sollte Regina zum erstenmal in der grossen Welt erscheinen. Sie hatte sich mit dem Gedanken vertraut gemacht, dass es für die nächste Zeit ihre Bestimmung sei, in der Gesellschaft zu leben und sie unterzog sich dieser Pflicht, wie jeder anderen, mit lieblicher Bereitwilligkeit. Aber ihr inneres Leben liess sie sich nicht antasten und ihre frommen Gewohnheiten behielt sie bei. Sie hatte den Grafen gebeten, sie jeden Morgen zur Messe nach dem Dom fahren zu lassen.
"Warum nicht gar!" erwiderte er; "Sonntag genügt."
Sie liess sich auf keine Bitten und Erörterungen ein; aber sie sagte der Baronin Isabelle, dass sie täglich in den Dom gehen werde, und zwar früh genug, um hernach vollkommen angekleidet beim Frühstück zu erscheinen, wie der Graf es liebte. Die Baronin war eine ängstliche Seele, die es weder mit dem lieben Gott noch mit den Menschen verderben wollte, wobei denn freilich jener häufiger zu kurz kam, als diese. Sie warnte denn auch jetzt Regina vor dem Zorne des Grafen.
"Ach," sagte Regina, "der gute Vater ist ja gar nicht so leicht erzürnt. Er hat mir auch nichts verboten; nur will er seine Pferde schonen, wie das nun einmal die Art der Herren ist. Ich gehe auch viel lieber."
"Aber Du wirst Dich erkälten," sagte die Baronin.
"Abhärten werde' ich mich, liebe Tante, und das ist mir recht notwendig, denn die Karmelitessen stehen nachts zum Chorgebete auf."
"Das wäre ein Grund mehr, Dich zurückzuhalten," seufzte die Baronin und Corona rief, die Schwester zärtlich umschlingend:
"O, das fatale Kloster! d a h i n gehe ich gewiss nicht mit Dir! aber ausserdem .... bis an's Ende der Welt und folglich auch alle Tage in den Dom."
Der Graf erfuhr keine Silbe von dem Morgengang seiner Töchter. Er fragte nicht weiter, und obwohl alle im haus darum wussten, hatte doch niemand das Herz, Regina zu verraten.
Am Ballabend klopfte Uriel an die tür der jungen Mädchen. Corona steckte den Kopf heraus, und er sagte:
"Der Papa schickt mich zu Regina."
"Du kannst sie nicht sprechen," antwortete sie leise.
"Nun, so sage ihr, dass sie sich mit der Toilette nicht zu übereilen brauche; der Papa macht noch erst ein paar Besuche."
"O