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Art von Schnecke geworden, die mit ihrem haus verwachsen ist," sagte er freundlich ablehnend, als alle, vom Grafen an bis auf Corona, in ihn drangen, nicht so ganz allein auf Windeck zu bleiben. "Hier ist mein Standquartier, mein Wachposten, gleichviel ob es hier einsam oder gesellig hergehe. Überdas würde ich in der Stadt gar nichts von Euch allen haben: Uriel soll diplomatisieren, Regina sich amüsieren, Corona studieren; der Papa und die Tante müssen ein Haus machen und alle Sorgen des Lebens in der Gesellschaft auf sich nehmen; was sollte Onkel Levin, der alte Nichtstuer, mitten in Eurer grossartigen Geschäftigkeit anfangen? Nein! er bleibt hier, in seinem Geleise, wie es sich für alte Leute schickt."

"Und tut alles Gute, wofür wir keine Zeit haben," ergänzte die Baronin Isabelle.

Dabei blieb es. – –

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Der November mit seinen Stürmen und seinem ersten Schnee hatten auch Judit und ihre Mutter aus dem Gartenhause in die Stadt getrieben. Ernest kam eines Morgens strahlenden Angesichts zu ihr und sagte:

"fräulein Judit, ich male jetzt ein Bild, wodurch man versöhnt wird mit der Porträtmalerei! Ich male zwei Schwestern, Töchter des Grafen Windeck, Mädchen von zwölf und von siebenzehn Jahren, die anziehendsten Physiognomien, die ich seit langer Zeit sah. Stellen Sie sich vor die Gestalt einer Hebe und den Kopf einer Heiligen, das ist die Älteste. Die Kleine aber sieht so romantisch interessant aus, als ob etwas von einer Mignon, von einer Ophelia in ihr stecke. Ich hatte beide seit ein paar Tagen in der Siebenuhrmesse im Dom bemerkt. Ganz einfach gekleidet, in grosse Schäferplaids verhüllt und mit schwarzen Samtüten, kamen sie zu Fuss, auch bei dem schlechtesten Wetter, mit einer Begleiterin, Gouvernante, Kammerfrau, was weiss ich! und einem Livrediener. Ich traute meinen Augen nicht, als ich zum erstenmal sah, dass sich diese grossmächtige Figur im mauerfarbenen langen Rock hinter ihnen aufpflanzte; denn Sie müssen wissen, fräulein Judit, Damen mit Livreedienern sind quasi Phönixe in der Siebenuhrmesse! Und diese beteten mit einer Andacht, mit einer Sammlung, ohne die Augen aufzuschlagen, ohne sich zu regen und zu bewegen, immer auf den Knien, immer so tief geneigt, wie anbetende Engel, dass ich vom blossen Anblick teilweise ganz andächtig, teilweise ganz zerstreut wurde. Wüssten die Frauen, wie schön ihnen die Andacht steht, sie würden alle fromm werden wollen! Einstweilen vertrauen sie mehr der Schönheit, welche das Modejournal, als der, welche das Gebetbuch gibt. Vorgestern nun kommt ein Graf Windeck zu mir und bittet mich, seine Töchter zu malen. Ahnungslos sag' ich ja; sie möchten nur kommen. Und wer tritt gestern in mein Atelier? meine Beterinnen. Sie wissen, fräulein Judit, wie es in meinem Atelier aussieht: konfus genug! Kann nicht anders sein. Dazu war gestern ein extraordinär trüber Tag. Nun, ich sage Ihnen, als sie eintraten, glitt gleichsam ein Sonnenstrahl mit hinein und machte alles ganz licht und klar. Die Kleine war rosenfarben gekleidet; die Älteste weiss, und sie trug in der Hand einen Kranz von Scabiosen. Plötzlich setzt sie sich diesen Kranz auf und sagt, so wünsche es der Vater. Können Sie sich eine Vorstellung von meinem grenzenlosen Erstaunen machen?"

"Nein, ganz und gar nicht," sagte Judit. "Die Scabiose ist freilich keine schöne Blume."

"fräulein Judit! unter tausend Frauen, die eines Spiegels mächtig sind, setzen sich neunhundert neunundneunzig ihre Schlafhaube mit mehr Feierlichkeit auf, wie dies schöne Mädchen den Blumenkranz, mit welchem ihre Schönheit verewigt werden soll! O Gott! das ist ein ganz grossartiger Seelenzug!"

"Alle Welt spricht von dieser Komtesse Windeck," sagte Judit mit ihrem Anflug von kaltem Hochmut. "Sehr schön und sehr reich, das ist ja Grund genug, um die Welt zu elektrisieren. Gestern auf dem Diner bei der Mama war viel von ihr die Rede und ein paar Herren schienen sehr zu bedauern, dass sie mit ihrem Vetter verlobt sei. Ich meinesteils kann mir eine deutsche Komtesse gar nicht anders denken, als langweilig und sentimental, so gewiss veilchenblau, halb duftig, halb fade."

"Ich bin leider zu wenig bewandert unter den deutschen Komtessen," sagte Ernest lachend, "um über die Richtigkeit dieses Charakterkolorits urteilen zu können. Indessen glaube' ich doch, dass Regina von Windeck sich Ihres Beifalls erfreuen wird. Nach Weihnachten beginnt ja das Leben in der Gesellschaft; dann werden Sie meinen Phönix kennen lernen."

"Leider muss ich in die Welt gehen, da meine Eltern es durchaus verlangen," sagte Judit. "Es sollte mich recht freuen, wenn ich jemand in dem tumultuarischen Wirrwarr fände, der mir gefiele."

"Nun, nun! es gibt ja doch gar manche angenehme, gute und kluge Leute in der Welt! man muss nicht gar zu übergewaltige Ideale haben," sagte Ernest gutmütig und munter.

"Sie sind freilich mit allen Menschen zufrieden; das hab' ich schon bemerkt," erwiderte Judit.

"Bis auf einen gewissen Punktja! sie sind alle geschaffen, wie ich, nach dem Ebenbilde Gottes, und die Nächstenliebe lehrt mich, bei allen anzunehmen, dass sie, wie ich, sich bestreben, dies göttliche Ebenbild, welches jeder von uns durch seine Sünden so sehr verwischt hat