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sein mag. Schade, dass der Sonderbundkrieg zu Ende ist. Ich hätte ihn als Volontär mit machen und zum General Salis gehen sollen! Es war hier aber ein recht lustiges Leben, und darüber hab' ich's versäumt."

"Lässt Du Dich denn von gar nichts anderem bestimmen, als von einem lustigen Leben!" rief Uriel ungeduldig.

"Weshalb sollte ich das?" fragte Orest so unbefangen, als habe er nie von einer anderen Richtschnur gehört.

"Ich bitte doch recht sehr," sagte der Graf, "dass Du einen bestimmten Beruf wählst und ergreifst, damit Du nicht mit Deinem Hange zum lustigen Leben ein charmanter Vagabunde wirst."

"Ichein Vagabunde! Aber Papachen, woran denkst Du! ich bin ja der unermüdlich tätigste Mensch unter der Sonne!" rief Orest. "Sieh', jetzt denke' ich nach Westfalen und nach Mecklenburg zu Parforcejagden zu gehen, zu denen ich schon im vorigen Jahre eingeladen war. Nein! ein tüchtiger Reiter und Jäger gehört zu den respektabelsten Menschen auf Erden, ist mutig, ausdauernd, rührig, abgehärtet. Sind das nicht herrliche männliche Tugenden? Besitzt sie ein Vagabunde? In England würde ich vielleicht einen Sitz im Parlament erreiten und erjagen. Ichein Parlaments-Mitglied! Ichein Lord vom Wollsack! Was verlangst Du mehr? Ist es meine Schuld, dass Deutschland nicht so vernünftig wie Old-England ist? Wärest Du meinesgleichen, so müssten wir uns schiessen, Papachen, über dem Taschentuch schiessen; jetzt bleibt mir nichts übrig, als Dir zu verzeihen."

"Du bist ganz wie Dein Vater!" sagte der Graf lachend; "der machte auch immer Spass, und wollte man darüber ärgerlich werden, so spasste er so lange, bis man über ihn und mit ihm lachen musste. Also amüsiere Dich auf Deinen Fuchsjagden, Du hochherziger Nimrod, und brich Dir nicht den Hals dabei."

So war denn nur Uriel noch auf Windeck, und der Graf wollte, dass er bliebe, bis die ganze Familie nach Frankfurt ginge. Regina sollte sich durchaus an den Gedanken gewöhnen, mit Uriel verbunden zu sein und zu bleiben. Sie änderte ihr Benehmen in keiner Weise; sie war, was sie sein wollte: eine Braut Christi. Sie legte diese unüberwindliche Entschiedenheit gegen Uriel immer an den Tag, um keine falsche Hoffnung in ihm zu wecken; gegen ihren Vater aber nie, weil es ihn erbittert hätte und weil sie ja seine Zusage hatte, nach zehn Jahren sie ziehen zu lassen. Widerstand und Ungewissheit löschen zuweilen eine Neigung aus und zuweilen entzünden sie dieselbe zur leidenschaft; das Letztere geschah bei Uriel. Regina war für ihn der Inbegriff menschlicher Vollkommenheit; dieser Adel der Seele, diese Lauterkeit des Herzens, verbunden mit so viel Schönheit, Anmut und Geist, mit solcher Grazie und Güte, forderten ja recht zur Liebe auf. Wer würde ein so herrliches geschöpf Gottes nicht lieben? fragte er oft heimlich sich selbst. Und dass sie diesen hohen Schwung des Gefühls und dabei diesen grossartigen, opferfreudigen Willen hatte, um über alles Irdische hinweg zu sehen und zu gehenach! wie gefiel ihm das! wie begeisterte ihn das für sie! wie trieb das auch ihn an, den Dingen der Erde nicht den ungemessenen Wert beizulegen, den die Welt ihnen leiht. Aber dass Regina's Besitz zu den Dingen der Erde gehörte, das wollte ihm nicht einleuchten. Majorat, Vermögen, Karriere erschienen ihm nichtig, keines Wunsches und keiner Anstrengung würdig, ohne Einfluss auf sein Glück; doch Regina's Herz zu gewinnen war ein Streben, welches die edelsten Kräfte seines Wesens anregte; ReginaSein zu nennen, war eine unerhörte Befriedigung dieses Strebens, denn er hätte sie ja Gott abgerungen; mehr noch, er hätte ja den Sieg über Gott in ihrem Herzen davon getragen. So sang ihm die leidenschaft ihre bezaubernden Sirenenlieder vor. Der Gedanke an einen irdischen Nebenbuhler hätte ihn gründlich durchkältet und auch den leisesten Wunsch unterdrückt, ein Herz zu besitzen, das sich zu einem Anderen neigte; denn Liebeist exklusiv. Aber der Gedanke an den göttlichen Rival gab ihm Glut und Mut, und geadelt fühlte sich seine Liebe, weil sie gegen Himmlisches in die Schranken trat. Der Graf freute sich über diese Gesinnung Uriels; Levin warnte ihn sanft.

"Wenn ich Dich um etwas bitten dürfte, lieber Uriel, so wär' es dies: lasse Dich zur Gesandtschaft nach Wien, nach Rom, nach Paris oder wohin sonst Du Lust hast, schicken; nur nicht nach Frankfurt. Du verbitterst Dir das Leben, und die Wellen werden Dir so hoch an's Herz gehen, dass Du bald Deine Lage unaushaltbar finden wirst. Du rechnest unbedingt auf einen günstigen Ausgang Deiner Wünsche; ist er nun aber ungünstig, was dann?"

"Was dann?" sagte Uriel befremdet. "Bester Onkel, was nach meinem tod geschehen wird, das weiss ich nicht. Ich behaupte nicht, dass ich ohne Regina leiblicherweise sterbe, aber mein Herz stirbt, das ist gewiss."

"Möge es in Gott aufleben," sagte der milde Greis, der wohl einsah, dass mit der leidenschaft nicht ruhig zu überlegen ist.

Regina trennte sich mit schwerem Herzen von Windeck und von Onkel Levin, der, wie der Schutzgeist des Hauses, unzertrennlich vom Schloss und der Kapelle war.

"Ich bin eine