Zeichen dieses inneren Unfriedens ist es, dass der Glaubenslose den Gläubigen nicht neben sich, nicht einmal auf der Welt dulden will. Er hat das gemein mit dem Laster, welches auch gern die Tugend vertilgen möchte, die ihm ein Dorn im Auge ist. Daher der Grimm des Unglaubens gegen das positive Christentum, das sich am Bestimmtesten in der katolischen Kirche ausdrückt; daher sein Hass gegen ihre Institutionen; daher die Verachtung, mit welcher er sie in ruhigen zeiten zu ignorieren – daher die Wut, womit er sie in gährenden und aufgeregten zu vernichten sucht. Das alles wogte durch Florentins Seele. Er hatte mit dem Glauben auch die Liebe verloren. Er wusste nichts von Dankbarkeit gegen den Grafen, der ihn, den armen, gequälten, vernachlässigten Fischerbuben, zum Kind seines Hauses gemacht hatte; nichts von anhänglichkeit an die jungen Leute, mit denen er als ein Bruder aufgewachsen war. Wie ein erstarrender Nachtfrost hatte sich der Unglaube über alle Blütenknospen seines Gemütslebens gelegt. Der Glaube verbindet tausend Herzen in der Liebe zu Gott; der Unglaube trennt sich von Gott und vereinzelt somit Tausende, die wie vermauert in ihrem Ich stecken bleiben. Ich bin ja doch kein Windecker, sagte Florentin bisweilen zu sich selbst; gehöre ja doch nicht ihrer Kaste an; bin nicht gleichberechtigt, weder in ihren Augen, noch in denen der Welt; habe nicht ihre Traditionen: deshalb muss ich meinen eigenen Weg gehen. Im Herzen beneidete er sie alle: Uriel um die Hoffnung auf Regina's Hand; Orest um die Aussicht auf Stamberg; Hyazint um seinen stillen Frieden. Oftmals dachte er heimlich, diese drei Dinge müssten eigentlich ihm gehören, und wenn er nur Regina und Stamberg besässe, würde sich der Friede wohl von selbst finden. So unersättlich ist der Egoismus! und so wenig berücksichtigte Florentin, dass Hyazint's Frieden auf Entsagung beruhe und nicht auf Besitz. Von all' den Hoffnungen, welche die gute Gräfin Kunigunde an Florentin geknüpft hatte, war noch keine in Erfüllung gegangen.
Der Graf glaubte nicht, dass es Florentin ernst sei mit seinen sozialistischen Tendenzen. Überhaupt hielten ja damals sehr viele diese Richtung für eine solche, welche rein teoretischer Art sei und nur den Anspruch mache, geschrieben, allenfalls gelesen, höchstens besprochen, doch nimmermehr gelebt zu werden; er hielt sie eben für unmöglich, was sie freilich hinsichtlich der Durchführung, doch gewiss nicht hinsichtlich eines Versuches sein mag. So hielten im vorigen Jahrhundert auch sehr viele, welche sich ungemein an den Vorspielen der Revolution in Schriften und Reden erfreuten und belustigten, deren Richtung auf die Guillotine für unmöglich. Der Graf glaubte, Florentins irreligiöse und sonstige etwas blasphematorische Ansichten wären nur eine Art von Reaktion gegen die gar zu fromme Erziehung, die Kunigunde ihm, wie allen Kindern gegeben habe, und jene mache sich Luft, indem sie in den Gegensatz umschlage. Er sagte ihm zum Abschied, als Florentin zur Vollendung seiner Studien nach Würzburg ging:
"Klammere Dich nur nicht allzu fest an Deinen Kommunismus und Republikanismus. Mit den Studentenjahren müssen alle Überschwänglichkeiten aufhören; denn da hört die Nachsicht auf, die man mit der erfahrungslosen, hitzköpfigen Jugend hat. Ich verlange wahrhaftig keine Bigotterie von Dir; allein Du musst Dich hüten, in ein entgegengesetztes und wahrhaft indezentes Extrem zu verfallen."
Florentin versicherte dagegen, er sei äusserst gemässigt, wie sich das ja von selbst verstehe für eine Richtung, die kein anderes Ziel noch Streben habe, als wahre Humanität. Der Graf erwiderte:
"Schon recht! Aber die Mittel, durch welche Du Deine wahre Humanität zu verbreiten suchst, scheinen mir nicht eben gemässigt, sondern etwas inhuman zu sein. Revolutionäre Querköpfe machen nirgends Glück, als in Revolutionen, und die können wir nicht brauchen."
Regina gab an Florentin ein ganz kleines Büchlein in violettem Ledereinband und sagte:
"Lieber Florentin, wenn Sie einmal mit all' Ihren Weltverbesserungsprojekten gründlichen Schiffbruch gemacht haben: dann wird dies kleine Buch Ihnen zeigen, wohin und wie Sie sich retten können."
"Sie nehmen also meinen Schiffbruch für eine ausgemachte Sache an?" fragte er beleidigt.
"Ich hoffe darauf," entgegnete sie liebreich. "Ich hoffe, dass das lecke Schiff ohne Steuerruder und ohne Kompass, mit dem Sie sich in's Lebensmeer hinauswagen wollen, sich recht bald in seiner Untauglichkeit ausweisen möge. Dann werden Sie sich flüchten in die rettende Arche, und besseres kann ich Ihnen nicht wünschen."
"Ah, die Nachfolge Christi!" sagte Florentin, das Büchlein aufschlagend; "ich nehme es zum Andenken an ihren Fanatismus, Regina."
"Nehmen Sie es nur, Florentin," entgegnete sie mild; "es war das Lieblingsbuch der lieben Mutter."
Da führte er es hastig an seine Lippen und drückte einen Kuss darauf. Dann reiste er ab. So lange er auf Windeck gewesen war, hatte er nicht ein einziges Mal seine Stiefmutter und Stiefgeschwister besucht. Er vergass nie die schlechte Behandlung, die er in seiner Kindheit von ihr erfahren hatte; und vergass gänzlich, dass gerade dies ein Hauptgrund war, der ihn zum Pflegesohn der Gräfin Kunigunde machte.
Orest wollte nun auch fort. "Aber," sagte er, "Soldat im Kriege, oder Soldat in der Garnison zu sein, ist ein famoser Unterschied. Der Krieg versüsst alles, auch die Subordination, die strenge Disziplin, das stramme Kommandieren und Exerzieren, was in unseren philiströsen zeiten äusserst lästig