1860_von_Hahn_Hahn_162_54.txt

überwunden werden kann. Aber Ihr leugnet einen ausserweltlichen Gott und einen menschgewordenen Gottessohn und Erlöser, der Euch die Gnade erworben hat, Euren Willen im Guten zu festigen und von der Knechtschaft der bösen Begierlichkeit zu befreien. Jedoch wünscht Ihr für sehr vortreffliche und edle Menschen zu gelten, und da Ihr keinen Erlöser habt, der von Sünde befreit, so leugnet Ihr frischweg die Sündhaftigkeit des Menschen und lehrt: nur aus Unwissenheit würden Fehltritte begangen; Aufklärung! Aufklärung! dann sei die Tugend schon vorhanden."

"Deine Barbarei übersteigt alle Begriffe!" rief Florentin mit höchster Entrüstung. "Tausendfache Erfahrung hat bewiesen, dass die schwersten Verbrechen von Menschen begangen wurden, die in krasser Unwissenheit und ohne Erziehung aufwuchsen."

"Das ist etwas ganz anderes," erwiderte Hyazint. "Wir hatten bei Deinen Bildungsplänen die ganze Menschheit, nicht einzelne Verbrecher im Auge, deren Missetaten allerdings oft aus trauriger Unwissenheit hervorgehen, indem sie nichts wissen von den göttlichen Lehren des christentum und daher keiner entwicklung sittlicher Kraft gegen ihre bösen Begierden fähig sind. Das Leben im Glauben aber und nicht das Wissen vom Glauben, gibt jene Kraft und sie äussert sich durch Gehorsam gegen die Glaubenslehre. Bildest Du Deine Menschheit ausserhalb jenes Lebens, so wird sie mit all' ihrem Wissen vom Glauben und von sonstigen hohen und tiefen Dingen an sittlicher Kraft, d.h. an Widerstandskraft gegen die böse Begier, so arm sein, dass sie sich blind von ihren Leidenschaften beherrschen lässt und durch dieselben in Eueren Zuchtausstaat hineintaumelt, für den sie reif ist, weil sie verschmäht, folgsam in der Freiheit des christentum zu leben."

"Und folgsam fühlt' ich immer meine Seele am schönsten frei," sagte auf einmal mit ihrer sanften stimme Regina, die in der Tiefe einer Fensternische mit ihrem Stickrahmen wie in einer kleinen Zelle sass.

"Was sagst Du da, Regina?" rief Uriel, sprang auf und setzte sich ihr gegenüber; "es klingt alles, was Du sagst, wie Musik, aber dies ganz besonders."

"Es wird wohl die Ansicht irgend eines Heiligen oder eines mittelalterlichen Skribenten sein," bemerkte Florentin wegwerfend.

"Ratet!" rief Regina lachend.

"Klingt es nicht so gewiss Schillerisch?" fragte Orest.

"Nein, nein, nein!" rief Florentin, "das ist von Unsereinem nicht zu erraten! in die Poesien der Heiligen vertiefen wir uns nicht."

"Auch nicht in die des heiligen Göte?" fragte Regina schalkhaft.

"Göte?" riefen alle aus einem mund.

"Ja, Göte, meine Herren! Göte in der Iphigenia, Akt. V Scene 3. Schlagt nach, wenn's Euch beliebt. Ja, Göte, der sein Ideal einer reinen Seele in der Iphigenia aufstellt, die doch gewiss nicht vom Christentum befleckt ist, nicht wahr, Florentin? Göte lässt sie jene Worte aussprechen: 'Und folgsam fühlt' ich immer meine Seele am schönsten frei.' Das gefiel mir so gut, weil es so wahr ist, dass ich es behalten habe."

Uriel, der ein leidenschaftlicher Bewunderer Göte's war, fragte doch etwas erstaunt:

"Regina, liest Du Göte?"

"Onkel Levin hat mir Iphigenia und Tasso gegeben, um mir eine idee beizubringen von der vollendeten Schönheit, deren unsere Sprache fähig ist."

"Die beiden Tragödien find' ich herzlich langweilig," sagte Orest. "Aber der Faust, erster teil, der gefällt mir."

"Und mir Egmont und Götz von Berlichingen!" rief Florentin; "das sind meine Leute: Kämpfer für die Freiheit!"

"Nämlich für die Unabhängigkeit von Kaiser und Reich und von der gesetzmässigen Regierung," sagte Uriel.

"Gib doch den beständigen Streit mit Florentin auf", sagte Regina leise zu Uriel. "Er setzt sich dadurch mehr und mehr im Widerspruch fest."

"Er wirft immer zuerst den Fehdehandschuh hin," erwiderte Uriel, "und noch dazu mit Behauptungen, die entweder ganz falsch oder verdrehte Wahrheiten sind. Er ist überfüllt von jener furchtbaren Intoleranz, die dem Geist der Lüge eigen ist, weil er weiss, dass er nur durch gewalttätige Unterdrückung der Wahrheit zur herrschaft kommen kann. Das darf man sich nicht gefallen lassen."

"Ach, Uriel! wie viel Intoleranz muss sich die Kirche gefallen lassen! und sie schweigt dazu, nach dem Beispiel des göttlichen Heilandes, der auch duldete durch den Lügengeist und dennoch schwieg. Was wird nur aus dem armen Florentin werden!"

"Ein Opfer des freien Denkens, womit er prahlt."

Das Paradies und die Peri

Das Spätjahr löste den Familienkreis nach und nach auf. Hyazint ging zuerst fortin Seminar. Er musste dem Grafen versprechen, dass keine falsche Scham ihn verhindern solle, den geistlichen Stand aufzugeben, wenn er denselben nicht als seinen wahren Beruf erkenne. Levin sagte in seiner schlichten Weise:

"Wandele vor Gott, bete fleissig, sei wachsam, kreuzige Dich und dann vertraue der Gnade. Denke an den 77. Psalm: 'Das Ersehnte gab ihnen der Herr. Er täuschte nicht ihr Verlangen.'"

"Hyazint," sagte Uriel wehmütig, "Du magst wohl den besten teil erwählt haben! aber folgen könnt' ich Dir nicht. Es ist gewiss eine besondere Gnade Gottes, dass nun schon so lange ein frommer Priester in unserer Familie ist, und dass,