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Hyazints Entschluss leicht in dem ihren bestärkt werden konnte. Orest äusserte ein grenzenloses Erstaunen, Florentin Zorn, die Baronin Isabella zaghafte Freude; Corona beklagte, dass Hyazint nicht auf der Stelle seine Primiz feiern und sie seine Kerzenträgerin sein dürfe. Regina lobte Gott.

"Was fängst Du denn an mit Deinen Hunden?" fragte Orest ganz verblüfft; und wo lässt Du denn Dein Gewehr? Dem Reiten und Jagen musst Du wohl auf immer Valet sagen und Burschenlieder darfst Du wohl auch nicht mehr singen?"

"Du bist aber allzu kurzsichtig, Hyazint!" eiferte Florentin. "Siehst Du denn nicht, dass es mit der katolischen Kirche zu Ende geht? Siehst Du denn nicht, dass sie zitternd zusammenbröckelt vor dem klirrenden Schritt und dem Weckruf der Freiheit? Siehst Du nicht, dass sich Deutschland nimmermehr den Ultramontanismus wird gefallen lassen, und dass der römische Papst, vom grossen geist des Jahrhunderts ergriffen, in einen Liberalismus verfällt, der, unvereinbar mit katolischer Finsternis und Knechtschaft, ihn unfehlbar in die arme des Protestantismus liefert? Dieser aber bildet die erste Stufe zum Sozialismus, in dem nicht Religionssysteme, sondern die Ausführung grosser Ideen ihren Kultus haben werden, dessen Priester jeder Einzelne sein wird! Siehst Du das nicht?"

"Nein!" sagte Hyazint gelassen, "das alles sehe ich gar nicht; denn es sind nur Phantasmagorien: künstliche Fratzenbilder, welche sich ausserhalb der Finsternis des Unglaubens nicht wahrnehmen lassen. Ich sehe vielmehr, dass nichts auf Erden Bestand, nichts eine Zukunft hat, als einzig und allein die katolische Kirche und alles, was aus ihrem Mutterschoss Lebenskraft schöpft."

"Bei der Erhabenheit des priesterlichen Berufes würde mich das Bewusstsein meiner Schwäche ängstigen, ob ich ihm auch immer mit ganzer Treue anhinge," sagte Uriel. "Stets das Ewige und Unvergängliche vor Augen haben, scheint mir übermässig ernst und schwer."

"Wenn Du heiratest," entgegnete Hyazint, "musst Du Deiner Frau ewige Treue versprechen und bleibst unauflöslich mit ihr verbunden: das müsste Dich dann auch in Angst versetzen."

"O nein!" rief Uriel; "da verbinde ich mich mit meinem zeitlichen und ewigen Glück, das der sehnsucht des ganzen Menschen entspricht."

"Und ich," sagte Hyazint, "lasse das unsichere zeitliche Glück ganz und gar beiseite und wähle das unvergängliche: Gott zu dienen aus Liebe, welches der ächten sehnsucht des erlösten Menschen gewiss am allertiefsten entspricht."

"Dann bin ich nicht erlöst," rief Orest, "denn ich erschaudere vor Deiner Sorte von Glück! Nein, Hyazint! lustig leben gehört auch zum Leben, und eine Existenz ohne Hühner- und Parforcejagd, ohne Steeple chase und sonstige Pferderennen, ohne Oper und Ballet, ohne Austern und Champagneraber nonmousseux! – die ist zum Totschiessen."

"Das ist die Gesinnung der Welt," entgegnete Hyacint. "Sie behauptet, es gebe kein anderes Glück als das, welches die fünf Sinne geniessen und der natürliche Verstand begreift. Das ist aber grundfalsch, denn das Unsterbliche im Menschen wird durch die Genüsse der Vergänglichkeit nicht befriedigt, sondern elend gemacht. Tausend Mal ist das gesagt und bewiesen worden; allein Worte ohne Tat bedeuten nicht viel. Deshalb muss gegen den Ausdruck jener Gesinnung der Welt ein beständiger tatsächlicher Protest abgelegt werden, und das tun die, welche mit Gottes Gnade und um Gottes Willen ihr entsagen: Priester und Ordensleute."

"Hyazint!" rief Florentin feurig und schlang den Arm um seine Schultern, "lege ab Deine Gottesideen, mache die Menschheit zu Deiner Gotteit und ihre Berechtigung zu allgemeiner und allseitiger Beglückkung zu Deinem Kultus, so kannst Du ein ausgezeichneter Mann der Zukunft werden."

"Nein, armer Florentin," entgegnete Hyazint zärtlich, "das ist unmöglich! Wer Christus erkannt hat, dient in Seinem Namen mit tausend Freuden und so weit die Kräfte reichen in aller Demut einer Menschheit, die der Gottessohn geheiligt hat, indem er sich zu ihresgleichen machte und für sie lebte und starb; das gehört zur praktischen Nachfolge Jesu. Aber aus der Menschheit einen Moloch zu machen, der, ich weiss nicht was für unsinnige, sakrilegische Opfer verlangt, das ist unverträglich mit der ewigen Wahrheit. Christus hat die Selbstverleugnung als den Weg des Heiles gelehrt, als das einzige Mittel zur Beglückung der Menschheit für Zeit und Ewigkeit. Von einer Beglückungsteorie, welche allen zum allseitigen Genuss irdischen Wohlbehagens behilflich wäre, weiss die Lehre des Kreuzes nichts."

"Deshalb eben nimmt sie auch nur einen ganz untergeordneten Rang und längst überwundenen Standpunkt in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit ein!" rief Florentin. "Sieh'! bereits vor mehr als dreihundert Jahren entwickelte sich in der Menschheit jene gewaltige Bewegung, welche anzeigte, dass sie der Lehre vom Kreuz, der Selbstverleugnung, satt sei; es war die Reformation. Alle und jede Selbstverleugnung konzentriert sich im Gehorsam, und da die Kirche ihn von der ganzen Welt im Namen des gekreuzigten Gottes forderte, so sagte ihr die Reformation den Gehorsam auf, um anzuzeigen, dass sie mit der Lehre vom Kreuz breche. Und das bewies sie tatsächlich. Wer sich zu ihr bekannte, war der Selbstverleugnung überdrüssig und folgte dem Zug der Freiheit, für die der Mensch geschaffen ist. Die Fürsten sagten dem Kaiser den Gehorsam auf, die Bauern den Edelleuten, die Ritter ihren Lehensherren, die Städte ihren Bischöfen und Äbten, die Priester ihren Oberhirten, die Mönche und Nonnen ihren