1860_von_Hahn_Hahn_162_50.txt

"Nun, Du würdest doch nie wünschen," entgegnete Levin lächelnd, "ihn als einen mit Weib- und Kindersegen erfreuten Priester zu sehen. Das Leben der Kirche ist all' ihren Kindern, wenn dieselben auch nicht übermässig eifrig sind, nicht wahr, lieber Damian? doch zu sehr in's eigene Leben übergegangen, um ihnen nicht Misstrauen und Widerwillen gegen die Priesterehe einzuflössen, die nur ganz verkommenen Subjekten, gleichviel welchen Taufscheines, und den Radikalen in der Politik, so wie den Rationalisten in Glaubenssachen erwünscht wäre; den einen, damit der Weltsumpf, der ihr Behagen und ihr Ziel ist, sich um so mehr ausbreite, als die Tradition von Opfer, von Hingebung, von Lauterkeit, die durch den Cölibat in jedem Priester auf's neue in's Leben tritt, aus der Welt verschwände; den anderen, damit ein Eckstein aus dem Bau der heiligen Kirche gebrochen werde, die in ihren ehelosen Priestern freie Männer zu Dienern hat, welche nicht zu beugen und nicht zu knechten und nicht in armselige Abhängigkeit von irdischer Macht hinein zu ängstigen sind. Den Männern des modernen freien Denkens sind solche Männer des freien Willens verhasst und zwar deshalb, weil diese mit ihrer unverwüstlichen Selbstständigkeit in dem unverwüstlichen Fundament des Glaubens an eine geoffenbarte Religion wurzeln, ein Fundament, welches von jenen gerade bestritten, geleugnet, bekämpft wird, nicht gelten soll, nicht da sein soll, und dennoch sich nicht hinweg räsonnieren und revolutionieren lässt. Der ärmste und verlassenste Priester in dem ärmsten und entlegensten Dörfchen macht durch sein schlichtes Dasein alle Teorien falscher Wissenschaft zu Schanden. Er lebt ein übernatürliches Leben, dessen Quell und dessen Ziel der Gottmensch Christus ist, wie der Glaube ihn offenbart, und das ohne diesen ganzen, vollen, gewaltigen Glauben nicht gelebt werden kann. Wer nun dies himmlische Prinzip leugnen will, der wird ungemein in seinen Teorien gestört, wenn er dasselbe in voller Triebkraft wirksam sieht. Was bleibt ihm übrig? Von zwei Dingen eines; entweder die Verleugnung aufgeben, das himmlische Prinzip anerkennen und sich unterwerfen; oder es hassen, wie nun einmal die Finsternis das Licht und BelialChristus hassen muss, m u ssweil das Böse, die freiwillige Abwendung vom Guten, den Hass des Guten in sich schliesst. So lange noch ein frommer Priester auf der Welt ist, der mit reiner Hand das ewige Opfer darbringt, fühlt sich der Unglaube als Lüge gebrandmarkt. Daher seine Neigung, den Priesterstand zu verdächtigen, zu unterdrücken, zu verfolgen, wo möglich zu ersticken und auszurotten. Dazu ist ihm jedes Mittel willkommen, wie eben die Umstände es gestatten! Bald wird er verleumdet, bald lächerlich gemacht, bald guillotiniert. Dazwischen sucht man ihn durch heuchlerisches Mitleid zu gewinnen und ihm das Bild eines Familienvaters als höchstes Ziel alles Glückes hienieden vorzuhalten, damit er von selbst versinke in die Niedrigkeit der Leidenschaften und in die Gemeinheit des Alltagslebens."

"Bester Onkel, es gibt in anderen Religionsgesellschaften äusserst achtbare Männer unter den Geistlichen und sie leben, mit wenigen Ausnahmen, sämtlich im Ehestande."

"Lieber Damian, wir sprechen aber nicht von anderen Religionsgesellschaften, sondern von dem Priesterstand der heiligen katolischen Kirche, dem unser Hyacint sich anschliessen will. Ausserhalb der Kirche wird, wie Du weisst, nirgends die Feier unserer heiligen Geheimnisse des Altars begangen, nirgends in heiliger Messe das unblutige Opfer, diese Fortsetzung jenes blutigen auf Golgata, in lebendiger Wesenhaftigkeit dargebracht. Wo das Opfer fehlt, kann es keinen Priesterstand geben, denn der Priester ist eben der unmittelbare Darbringer des Opfers. Was also ausserhalb der Kirche geschieht oder nicht geschieht, ist für uns nichts weniger als massgebend, denn sonst könnte man Uriel mit dem Vorschlag der Vielweiberei beglücken wollen, welche die sekte der Mormonen lehrt, was Dir nicht sehr wünschenswert im Hinblick auf Regina erscheinen würde. Also was draussen geschieht, lassen wir auf sich beruhen. Aber wir, wir haben das heilige Opfer und dies Opfer ist das Lamm Gottes und der Darbringer dieses Opfers ist der Priester, der glückselige, der begnadete Priester, der täglich in die unmittelbare Vereinigung mit dem Allerheiligsten eingeht, in seiner Hand den heiligen Fronleichnam hält, mit seinen Lippen ihn berührt, in seinem Herzen ihn aufnimmt. Lieber Damian, für einen solchen Priester ziemt es sich wohl, sollte ich meinen, dass er im Heiligtum bleibe, die Kraft und Wärme seines Herzens dem Dienste seines göttlichen Meisters widme und die Behaglichkeit des häuslichen Herdes denen überlasse, die ihm den Altar überlassen haben."

"Gott hat auch den häuslichen Herd durch das Sakrament der Ehe zu einer heiligen Stätte erhoben," wendete der Graf ein.

"Das ist schon wieder eine Verteidigung, wo kein Angriff geschah," erwiderte Levin lächelnd. "Du wirst mir nicht zutrauen, dass ich die heilige Berechtigung des häuslichen Herdes unterschätze. Aber ich muss abermals sagen: wir sprechen vom Priester. Die Kirche zwingt niemand geistlich zu werden und geht nicht voreilig bei der Aufnahme zu Werk. Sie sagt dem Adspiranten: Überlege und besinne dich. Sie erteilt ihm die niederen Weihen und sagt abermals: Prüfe dich, denn du kannst noch umkehren, und lockt dich die Welt, so wende dich ihr zu. Hat er sich aber entschieden und ist er in's Heiligtum eingetreten, so verlangt sie, dass er in demselben so diene, wie er gewusst hat, dass er dienen müsse: frei von jenen Leidenschaften, die das, was am Höchsten im